© KURIER/Franz Gruber

Diskussion
12/04/2014

Lebensmittelzusätze: "Unsere Ängste sind übertrieben"

Was an der Ernährung krank machen kann, sehen Konsumenten und Experten völlig unterschiedlich.

von Ernst Mauritz

Die Zahl der Menschen, die von sich sagen, sie leiden an einer Lebensmittelunverträglichkeit, steigt. "Der Trend ist zweifelsfrei vorhanden", erklärte Dienstagabend Lebensmittelwissenschafter Klaus Dürrschmid (Uni für Bodenkultur) beim KURIER-Gespräch "Was darf ich essen? Genuss ohne Reue ist möglich." Aber noch könne man nicht sagen, ob es an verbesserten Diagnosemöglichkeiten liege – dass also mehr entdeckt wird als früher –, oder "ob da tatsächlich so etwas wie eingebildetes Verhalten und Hypochondrie am Werk" sei.

"Viele Menschen, die glauben, sie leiden an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit, sind in Wahrheit pumperlgsund", sagte Martina Salomon, stv. KURIER-Chefredakteurin und Autorin der Streitschrift "Iss oder stirb (nicht)" (Leykam, 7,50 €). "Aber sie sind Opfer einer Industrie, die sagt, ,kauf free-from-Produkte ("frei von", Anm.), die machen dich gesünder‘. Davon profitieren auch sehr viele Heiler, Apotheker, Ärzte und auch der Handel, was zweistellige Zuwachsraten in dem Bereich zeigen."

Fertigprodukte als Ursache?

Martina Hohenlohe, Genuss-Expertin und Chefredakteurin des Gault&Millau, stellte die Frage in den Raum, ob nicht ein Zusammenhang mit Halbfertig- und Fertigprodukten bestehe: "In der Nahrungsmittelindustrie wird sehr viel mit Lactose, Fruktose und Histamin gearbeitet. Vielleicht führt der vermehrte Konsum von Fertiggerichten dazu, dass es viel mehr Unverträglichkeiten gibt?"

"Diese Hypothese hört man oft", antwortete Dürrschmid, "aber es ist eine Spekulation". Derartige Zusammenhänge zwischen Inhaltsstoffen und Unverträglichkeiten bzw. Allergien seien "wissenschaftlich schlecht belegt", aber auch nicht auszuschließen. Rund 100 der 300 zugelassenen Zusatzstoffe seien natürliche Substanzen, wie etwa Vitamin C oder Pektine. Konsumenten würden in Zusatzstoffen das größte Gesundheitsrisiko im Bereich der Ernährung sehen – ganz im Gegensatz zu Experten: "Diese sehen an erster Stelle der Risiken die falsche Zusammensetzung der Makronährstoffe – also Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße." Und an zweiter Stelle dann krankheitserregende Mikroorganismen, wie z. B. Listerien.

"Bewusstsein fehlt"

Salomon: "Unsere Ängste – wie die vor Zusatzstoffen – sind zum Teil völlig irrational und übertrieben. Viel mehr sollte man davor warnen, dass gerade die Jugendlichen literweise Softdrinks konsumieren, denn da weiß man, dass das zu Adipositas führt." Und wenn der Handel Fleisch mit "aberwitzigen Dumpingpreisen" bewirbt, müsse man sich Gedanken machen, "unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden. Hier fehlt es an Bewusstsein." Generell gehe die Schere auf zwischen jenen, "die übersensibel und übertrieben heikel sind beim Essen, und jenen, die gedankenlos jeden Schrott in sich hineinessen".

Es gebe aber auch positive Entwicklungen, betonte Hohenlohe: "In der Gastronomie hat ein deutlicher Wandel hin zu regionaler und saisonaler Küche stattgefunden. Und auch in den Spitzenrestaurants findet man plötzlich viel mehr heimische Süßwasserfische. Da ist sehr viel Positives passiert. "

Die Streitschrift von Martina Salomon, stellvertretende Chefredakteurin des KURIER (Leykam; 7,50 Euro)
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.