Wissen und Gesundheit
29.03.2012

Mut, über die Erkrankung zu sprechen

Eine von acht Frauen erkrankt an Brustkrebs. In Wien sprachen Experten und Patientinnen über Behandlungsformen.

Vor einem Jahr war die Ärztin und Unternehmensentwicklerin Miriam Strauss mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert: „Ich habe offen darüber gesprochen – sowohl mit Freunden als auch mit Geschäftskunden. Und ich habe von allen Seiten Rückhalt und Hilfe bekommen. Gleichzeitig bin ich aber immer wieder damit konfrontiert, dass sich die meisten Frauen das nicht trauen.“

Vor zahlreichen interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern – darunter auch viele Patientinnen – erzählte Strauss beim ersten großen Gesundheits-Talk von KURIER, MedUni Wien und Novartis von ihren Erfahrungen. Strauss ist Präsidentin des Patientinnennetzwerks Europa Donna Österreich. Mit dem Brustkrebsspezialisten Univ.-Prof. Michael Gnant (stv. Vorstand der Uni-Klinik für Chirurgie, MedUni Wien) und dem Mediziner Wolfgang Bonitz (Medical Director Novartis) saß sie unter der Moderation von Martina Salomon, stv. KURIER-Chefredakteurin, im Rektoratssaal der MedUni Wien auf dem Podium.

„Ich habe zehn Chemotherapien hinter mir und stehe vor der Bestrahlung“, erzählt eine Patientin. „Ich habe meine Ernährung umgestellt, auf Zucker verzichtet und bin von Anfang an auch zu einer Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin gegangen. Sie hat mir gegen die Mundtrockenheit Papaya-Saft empfohlen. Wie ich das meinem Onkologen erzählt habe, hat der zynisch gelächelt und gesagt, „na ja, trinken S’ halt das Safterl“.

Alles ausgenützt

„Auch wenn ich nichts dafür kann: Ich entschuldige mich für das zynische Lächeln ihres Behandlers“, erwidert Brustkrebsspezialist Gnant: „Aber Sie haben alles richtig gemacht: Sie haben alles ausgenützt, was es an erwiesener, durch aufwendige Studien überprüfter Medizin gibt, haben ergänzend etwas anderes dazu gemacht – und dies auch richtigerweise dem Onkologen mitgeteilt – und Sie haben Ihren Lebensstil geändert.“

„Kann nach einer Brustkrebs-Therapie neuerlich eine Krebserkrankung auftreten?“, fragt eine andere Patientin. – „Wir können heute ausschließen, dass die Behandlung selbst Tumore auslöst“, betont Gnant. „Aber Krebs hat leider das Potenzial, sich im Körper auszubreiten. Bei einem Fünftel der Patientinnen können wir das nicht verhindern – das ist immer noch zu viel. Auf der anderen Seite werden heute, dank der Erfolge der Forschung, vier von fünf Patientinnen dauerhaft gesund. Und in zehn Jahren würde ich mir eine Heilungsrate von 95 Prozent wünschen.“

Auf dem Europäischen Brustkrebskongress, der in der Vorwoche in Wien stattfand, seien viele Neuheiten präsentiert worden: „Etwa Daten zu einem Medikament, das die Empfindlichkeit gegenüber der antihormonellen Therapie, wenn diese ihre Wirkung verloren hat, wiederherstellen kann. Damit überlistet man Krebszellen, die sich an eine bestimmte Behandlung schon gewöhnt haben.“

Für die Brustkrebstherapie sei eine „lange Liste von neuen Medikamenten“ in Entwicklung, sagt Bonitz: „Bei uns sind es zirka ein halbes Dutzend Substanzen. Das Interessante ist aber nicht die einzelne neue Substanz, die alles verändert, sondern die Kombination verschiedener Medikamente.“ Mittels genetischer Untersuchungen werde man in Zukunft mehr und mehr versuchen vorherzusagen, ob eine Patientin auf ein bestimmtes Medikament anspricht oder nicht. Und zunehmend werden neue Medikamente in verträglicheren Anwendungsarten wie Tabletten verabreicht, „die der Behandlung den Schrecken nehmen“.

„Viele Menschen, die nicht dieses Wissen haben, schauen mit den Erfahrungen von vor 20 Jahren auf die Krankheit“, so Strauss. „Viele von uns kennen Frauen, die vor 20, 30 Jahren bitter gestorben sind – und das macht Angst. Leider gehen die Frauen, die nach einer Behandlung schon sehr lange sehr gut leben, fast nie an die Öffentlichkeit. Ich würde mir wünschen, dass sich jede Frau offen darüber zu reden traut – und ihr daraus kein Nachteil entsteht.“

„Mit dem Wissen, das wir heue haben, beschäftigen wir uns ganz intensiv mit unseren Molekülen, Rezeptoren und Operationstechniken“, erläutert Bonitz: „Wir müssen aber alle miteinander in unserem medizinischen System daran arbeiten, dass wir dabei die Patientinnen mitnehmen und nicht irgendwo auf der Strecke zurücklassen.“

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