Wissen und Gesundheit
23.04.2017

Einsatz von Antibiotika muss individualisert werden

Zwei neue Studien zeigen, dass bei den meisten Fällen Routine-Präparate ausreichen.

Eine Kombination von verschiedenen Antibiotika bei bestimmten schweren Infektionen oder der sofortige Griff zum „letzten Mittel“ aus der Reihe der Antibiotika hilft nur Patienten mit dem höchsten Sterberisiko. Den übrigen genügt eine Routinebehandlung. Das haben zwei Studien ergeben, die am Samstag beim Europäischen Mikrobiologenkongress (ECCMID) in Wien mit 12.000 Teilnehmern präsentiert wurden.

Internationale Studie

Die Daten stammen aus der internationalen INCREMENT-Studie, in der es vor allem um die Wertigkeit einer Individualisierung der Antibiotikatherapie bei Infektionen durch sogenannte Carbapenemase-produzierenden Enterobakterien ging. Zu diesen Keimen gehören Darmbakterien wie E. coli genauso wie zum Beispiel Klebsiellen, Salmonellen etc. Produzieren die Keime ein Carbapenemase-Enzym, können sie auch die ehemals wirksamsten Antibiotika (Carbapeneme) unschädlich machen. Deshalb sorgt die zunehmende Verbreitung dieser Bakterien weltweit für zunehmende Ängste, dass in Zukunft bei machen schweren Infektionen keine Medikamente mehr zur Verfügung stehen könnten.

Schwere Antibiotika als "letztes Mittel"?

In einer Unterstudie der INCREMENT-Untersuchungen analysierten Wissenschafter um Zaira Palacios Baena (Sevilla), ob man bei der Behandlung von Blutinfektionen mit Verdacht auf gegen mehrere Antibiotikaarten (Cephalosporine, Penicilline) resistente Enterobakterien auf jeden Fall sofort auf ein Carbapenem als sozusagen „letztes Mittel“ oder auf Kombinationstherapien zurückgreifen muss. Das ist bei den meisten Betroffenen offenbar nicht der Fall. Eine geringere Mortalität zeigte sich durch die Kombination von Antibiotika oder durch den sofortigen Griff zu einen Carbapenem nur, wenn die Kranken Hochrisikopatienten waren: zum Beispiel älter als 50 Jahre, Vorliegen von Sepsis oder Schockzuständen, zusätzliche Erkrankungen etc. Sonst reichte ein Umstieg auf ein per Laboruntersuchung bestätigt wirksames Therapeutikum (nicht unbedingt ein Carbapenem) aus, stellte Zaira Baena fest.

Eine zweite Unterstudie der INCREMENT-Untersuchungen wurde von Co-Autor Murat Akova (Ankara) präsentiert. Die Ergebnisse sind am Sonntag auch in „Lancet Infectious Diseases“ publiziert worden. Dabei wurden die Daten von 437 Patienten mit Blutinfektionen durch Carbapenemase-produzierende Enterobakterien retrospektiv darauf analysiert, ob eine geeignete Behandlung mit einem oder mit mehreren Antibiotika einen Unterschied in der Mortalität von Patienten machen würde. Am häufigsten waren Klebsiella pneumoniae-Infektionen.

Wirksame Therapie senkte Sterberisiko von Patienten

Eine wirklich wirksame Antibiotikatherapie senkte die 30-Tages-Sterblichkeit unter den Patienten demnach von 60,6 auf 38,5 Prozent. Insgesamt lag die Mortalität unter jenen Kranken, welche eine adäquate Behandlung erhalten bei 35 bis 41 Prozent und unterschied sich damit statistisch nicht signifikant, ob die Kranken nur ein Antibiotikum oder eine Kombination bekommen hatten. Allerdings, unter den Hochrisikopatienten war die Gabe von mehreren Antibiotika eindeutig besser - mit einer Reduktion der Sterblichkeit von 62 auf 48 Prozent.

Nur manche Patienten profitieren von Kombi-Therapien

Diese Forschungsergebnisse könnten in Zukunft für die tägliche Praxis in der Behandlung bakterieller Infektionen wichtig werden. „In einer Zeit mit sich verbreitenden Keimresistenzen sollte der Gebrauch von Antibiotika nur in einem wirklich notwendigen und so geringen Ausmaß wie möglich erfolgen. Deshalb benötigt man eine individualisierte Strategie um jene Patienten zu identifizieren, die wirklich eine Kombinationstherapie benötigen“, schrieben in der „Lancet“-Publikation Experten, unter ihnen Christina Forstner von der Universitätsklinik für Innere Medizin I (MedUni Wien/AKH) in einem begleitenden Kommentar.