Sportlich, fit, gerne im Grünen: So kannte man sie – und so ist Carola Thimm auch heute wieder

© Schober/planetstories

Schicksal
06/23/2015

Wachkomapatientin: Nach fünf Jahren zurückgekämpft

Ihre Tochter war bereits fünf Jahre alt, als Carola Thimm aus dem Wachkoma erwachte. Über ihr Leben in diesem Dämmerzustand schrieb sie ein Buch.

von Uwe Mauch

Fünf Jahre lang wusste sie nicht, dass sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht hatte. Sie wusste auch nicht , dass ihr Vater in der Zwischenzeit verstorben war. Sie dachte viel mehr, dass er ihretwegen verärgert war und deshalb nicht mehr an ihr Bett treten wollte. Sie hatte auch keine Ahnung, dass sie im Wachkoma lag. "Weil ich gar nicht gewusst habe, was ein Wachkoma ist", erzählt Carola Thimm heute .

Blackout

Sie war gerade einmal 36 Jahre alt und glücklich – weil im fünften Monat schwanger, – als sie zum dritten Mal in 13 Jahren ein Aneurysma erlitt. Ganz plötzlich, während des Walkens. Thimm schildert die dramatischen Minuten: "Meine Atmung beschleunigt sich. Irgendwie ist mir plötzlich schlecht, mein Herzschlag hämmert in meinem Kopf. Schnell und gierig atme ich die frische Luft ein, pumpe sie in meine Lunge. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass der Sauerstoff nicht ausreicht. Ein stechender Schmerz jagt durch meinen Kopf. In der Ferne sehe ich einen Spaziergänger auf einem der Felder, über mir zieht ein Bussard seine Kreis am wolkenlosen Frühlingshimmel. Sein Schrei, der spitz in meinen Ohren klingt, ist das Letzte, was ich wahrnehme – dann ist plötzlich alles schwarz, Blackout, nichts mehr. Ein blinder Fleck in meiner Erinnerung." Spaziergänger finden die ohnmächtige Frau.

Bei einem Aneurysma erweitern sich – vereinfacht gesagt – plötzlich Arterien im Gehirn. Wenn sie reißen, hat das fatale Folgen. Die Ärzte entschieden sich daher zu einer Operation, versetzten die Patientin zur eigenen Sicherheit für vier Wochen ins Koma, aus dem sie dann aber nicht mehr zurückkehren konnte. Das Wachkoma dauerte fünf Jahre lang. Jahre, in denen die Verwaltungsjuristin aus einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein meinte, sie sei sehr krank. Dass sie aber mit den Menschen rund um sich ganz normal kommunizieren könne.

Andere Welt

Denn irgendwie war sie auch wach. Sie freute sich, wenn man sie mit dem Rollstuhl in den Garten der Pflegeanstalt führte oder auch mal auf eines der von ihr verehrten Pferde setzte. Und sie bekam auch mit, dass sich ihre Mutter am meisten von allen um sie kümmerte. Dennoch lebte sie nach einer massiven Schädigung der Blutgefäße ihres Gehirns in einer anderen Welt als die anderen. In einem Dämmerzustand, in dem viele Erinnerungen verblassen. Als Wachkomapatientin bringt sie schließlich in der 32. Woche ihrer Schwangerschaft eine Tochter zur Welt – per Kaiserschnitt. Das Kind wächst beim Vater auf, während sie auf einer Pflegestation liegt.

Der Weg zurück

Ein Wechsel von Medikamenten war es, der sie nach Jahren absoluter Hilflosigkeit langsam aus ihrem Zustand holte. Plötzlich konnte sie, "beim Waschen und Zähneputzen helfen".

Dabei hatte ein Chefarzt im weißen Mantel ihrer Mutter erklärt, dass ihre Tochter nie wieder in ihrem Leben stehen und gehen werde können. Und auch nicht reden. "Meine Mutter hat dennoch an mich geglaubt", sagt Thimm. Sie kämpft sich ins Leben zurück – lernt langsam das Stehen, Gehen, Laufen, Reden, Lesen, Schreiben, Rechnen. "Ich konnte am Anfang nur brabbeln", erinnert sich Carola Thimm. Aber sie nützte ihre Chance zu einem Comeback.

Mitten in dieser Aufbruchsphase stand ihre Mutter mit einem fünfjährigen Mädchen vor ihr. "Ich dachte zuerst, dass das die Tochter meiner Schwester sein muss, und dass das irgendwie schade ist, weil ich mir auch immer Kinder gewünscht habe." Doch es war Marie, ihr Kind, ihre Tochter, die sie im Koma geboren hatte.

Ein zweites Leben

Carola Thimm redet offen über alles, was sich ergeben hat. Ihr Mann hat sich nach ihrer Rückkehr ins gemeinsame Haus von ihr getrennt. Ihre Marie sieht sie daher nur an jedem zweiten Wochenende und die halben Ferien. Sie hilft jetzt ehrenamtlich bei der Caritas, auch als Dankeschön, weil sich andere für sie eingesetzt haben. Sie singt im Chor, geht schwimmen, auch wieder laufen, zum Yoga und zum Zumba. Und sie hat einen Freund. "Nur das geliebte Tauchen und das Verreisen mit dem Flugzeug wurde mir untersagt."

Das Buch mit dem Titel "Mein Leben ohne mich" hat sie gemeinsam mit der Journalistin Diana Müller erarbeitet. Es ist für sie nicht das Resultat einer persönlichen Aufarbeitung, betont die vor sechs Jahren erwachte Wachkomapatientin. Sie versteht es als Hoffnungs-Buch: "Ich will damit anderen Menschen Mut machen. Natürlich hätte ich sterben können. Doch es gibt auch eine Chance, dass man sich verbessert."

Wie man im Koma lebt

Ihr Leben

Carola Thimm, Jg. 1968, war eine pflichtbewusste Beamtin, gute Sportlerin und eine Frau, die gerne verreiste. Bis die Blutgefäße in ihrem Gehirn verrückt spielten.

Ihr Buch

"Mein Leben ohne mich. Wie ich 5 Jahre im Koma erlebte." Patmos, 19,99 €.

Wach oder doch nicht: Was ist ein Wachkoma?

Eine zuverlässige Statistik über die Anzahl der Wachkoma-Patienten in Österreich gibt es nicht. Ein immer wieder genannter Richtwert liegt bei 800 bis 1000 Fällen. Ein Drittel überlebt die erste Phase nicht, der Rest ist oft auf lebenslange Pflege angewiesen.

Wachkoma – auch apallisches Syndrom – ist eine der schwersten mit dem Überleben gerade noch zu vereinbarenden Schädigungen des Gehirns. Der Patient bleibt in einem komaähnlichen Zustand mit zeitweise geöffneten Augen. Er ist aber nur beschränkt in der Lage, Reize und Informationen aus der Umwelt aufzunehmen und darauf adäquat zu reagieren. Die Augen sind zwar geöffnet, der Blick aber läuft ins Leere. Die Patienten haben kein Bewusstsein und können weder emotionalen Kontakt aufnehmen, noch Aufforderungen folgen. Das Stammhirn bleibt aktiv, sodass Blutdruck, Atmung und viele weitere Reflexe geregelt werden.

Das Wachkoma tritt meist als Folge eines schweren Sauerstoffmangels im Hirn auf, zum Beispiel bei Hirnverletzungen, Herz- oder Atemstillstand und Schlaganfall. Wachkoma-Patienten werden künstlich ernährt. Eine Rückkehr des Bewusstseins nach mehr als drei Monaten gilt als unwahrscheinlich. Die meisten Patienten sterben nach zwei bis fünf Jahren an Komplikationen.

Koma (griechisch für "tiefer, fester Schlaf") dagegen ist der schwerste Grad einer Bewusstseinsstörung und Ausdruck einer schweren Hirnfunktionsstörung. Der Patient lässt sich durch äußere Reize wie Ansprechen oder Rütteln nicht wecken. Selbst auf Schmerz reagiert er nicht. Aus einem Koma kann ein Patient wieder erwachen.

Bei Hirntoten sind die Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Stammhirns unwiederbringlich erloschen. Ursachen sind beispielsweise Schädel-Hirn-Verletzungen, Hirnblutungen oder Herz- Kreislauf-Stillstand. Der Mensch atmet nicht mehr. Durch künstliche Beatmung kann der Blutkreislauf erhalten werden. Dies geschieht etwa, um später Spenderorgane zu entnehmen.

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