© Foto T. Kaestenbauer, www.kaeste/Dr. Thomas Kaestenbauer

Strahlentherapie
12/14/2016

Krebsbehandlung: Was bringen die Teilchenstrahlen?

Experten uneins über die Bedeutung von MedAustron: Mehr Daten aus Studien gefordert.

von Ernst Mauritz

Es ist eine für Österreich neue Form der Strahlentherapie: Im neuen Krebsbehandlungs- und Forschungszentrum MedAustron in Wiener Neustadt, NÖ, sollen jährlich 800 bis 1000 Patienten mit elektrisch geladenen Teilchen (Protonen oder Kohlenstoffionen) behandelt werden. Bei der herkömmlichen Strahlentherapie in Spitälern handelt es sich hingegen um elektromagnetische Strahlung (Photonen). Die elektrisch geladenen Teilchen haben ihre höchste Wirksamkeit direkt im Tumorgewebe – die Belastung des gesunden Gewebes dahinter ist geringer. Doch Experten diskutieren, wie groß die Vorteile tatsächlich sind.

"Es gibt derzeit in den USA und in Europa einen richtigen Protonen-Hype", sagt Prim. Doz. Alexander de Vries, Leiter der Strahlentherapie (Radioonkologie im LKH Feldkirch). "Es wird immer so dargestellt, dass diese Bestrahlungsform im Hinblick auf Nebenwirkungen und das Überleben der Patienten besser sei, es gibt aber keinen eindeutigen Nachweis durch vergleichende Studien dafür." Es sei richtig, dass die Strahlenbelastung bei der Teilchenstrahlung hinter dem Tumorgewebe geringer ist als bei der konventionellen Strahlentherapie: "Die Frage ist nur: Hat das für den Patienten wirklich eine Bedeutung? Merken sie das?"

Offene Fragen

Deshalb müsse auch die Diskussion erlaubt sein, ob die hohen Investitionssummen (offiziell 200 Mio. Euro) gerechtfertigt waren – oder ob man die Mittel nicht besser in die Grundversorgung mit herkömmlichen Strahlentherapiegeräten hätte investieren sollen: "Auch hier wird mit modernen Geräten und Therapieplanungen das Gewebe viel stärker geschont als früher, der Unterschied zwischen Protonen- und Photonentherapie ist viel kleiner geworden." Da das Zentrum vor der Inbetriebnahme stehe (noch vor Weihnachten soll der erste Patient behandelt werden), sei die Kostendiskussion jedoch müßig: "MedAustron muss jetzt dafür genutzt werden, offene Fragen zu beantworten. Alle Patienten müssen deshalb in wissenschaftliche Studien eingebunden werden."

Eines sei auf jeden Fall klar: "Österreich braucht auf keinen Fall ein zweites derartiges Zentrum auf privater Basis", betont de Vries. Denn dann bestünde die Gefahr, dass ein Ausverkauf stattfinde und Patienten dann in einem solchen privaten Zentrum "enorm viel Geld für Dinge aus eigener Tasche bezahlen, die sehr diskutabel sind". De Vries überweist derzeit selbst jährlich "fünf bis zehn Patienten" an ein Protonenzentrum in der Schweiz oder Deutschland: Bei diesen besteht etwa das Risiko, dass bei einer herkömmlichen Therapie zum Beispiel der Sehnerv geschädigt werde könnte. "Aber das muss dann wirklich belegt sein."
"Ein großes Zentrum wie MedAustron reicht für Österreich auf absehbare Zeit aus", sagt auch Prof. Eugen B. Hug, medizinischer Leiter von MedAustron. Er war selbst lange ärztlicher Leiter eines Protonenzentrums in den USA. "Aber dieses eine Zentrum in Österreich hat seine Existenzberechtigung."

Große Hürden

Denn erstens gingen bisher nicht alle Patienten, die eine Protonentherapie gebraucht hätten, ins Ausland: "Die Hürden dafür sind groß, auch wenn die Kassen die Therapiekosten zahlen." Und zweitens zeichne sich ab, dass neue Anwendungsgebiete hinzukommen. "In den USA werden bereit bestimmte Stadien und Formen verschiedener Krebsarten – etwa Lunge oder Brust – routinemäßig mit Protonen behandelt."

Derzeit seien weltweit 100 Studien im Gang" betont Hug. "Wir sind in einer Übergangsphase." Es handle sich um eine aufkommende Technologie: "Die Mehrzahl der rund 50 Zentren weltweit ist kürzer als zehn Jahre in Betrieb. In einigen Jahren wird die Datengrundlage viel besser sein. Aber ich gebe meinem Kollegen de Vries recht: Wir müssen die medizinische Evidenz erhöhen. Alle unsere Patienten werden in Studien erfasst, Daten zu Nebenwirkungen und zur Effektivität der Therapie werden generell erhoben." Und er betont auch, dass es sich um "keine experimentelle Therapie" handelt: "Weltweit wurden bereits 150.000 Patienten mit dieser Form der Strahlentherapie behandelt."

"Weitgehend unumstritten ist, dass es einen Vorteil zum Beispiel bei Tumoren im Schädel- und im Rückenmarksbereich bei Kindern gibt – Gewebe im Wachstum ist strahlenempfindlicher. Hug betont auch, dass MedAustron "nicht im Wettbewerb mit den Spitälern" steht: "Wir müssen gemeinsam in den kommenden zehn bis 15 Jahren erarbeiten, welchen Patienten diese Therapie Vorteile bringt – und welchen nicht."

Teilchenstrahlung

MedAustron: In diesem Zentrum wird mit elektrisch geladenen Teilchen (Protonen oder Kohlenstoffionen) bestrahlt, in Spitälern mit Photonen (elektromagnetische Strahlung).

Technologie: In einem kreisförmigen Teilchenbeschleuniger werden sie mit Energie angereichert und zu einem Strahl gebündelt.

Einsatzgebiet: Besonders Tumore in der Nähe von strahlungsempfindlichen Organen (z.B. Gehirn, Rückenmark, Auge).

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