Wissen und Gesundheit
08.05.2017

Mathematik: Warum so viele Schüler und Eltern Angst davor haben

Mathematik hat häufig einen schlechten Ruf. Die Grundlagen für eine Rechenschwäche werden häufig schon im Vorschulalter gelegt.

Der 10. Mai ist der Tag, vor dem sich viele Maturanten fürchten – denn da steht Mathematik im Prüfungskalender. Ganz unbegründet ist diese Furcht nicht, haben doch im Vorjahr 22 Prozent die Mathe-Matura nicht auf Anhieb geschafft. Davon sollten sich Schüler allerdings nicht irre machen lassen: Immerhin haben zwei Drittel davon die Kompensationsprüfung positiv abgeschlossen. Und im Bildungsministerium wird man bei der Aufgabenstellung heuer wohl etwas vorsichtiger sein.

Warum die Panik?

Menschen, bei denen bereits das Wort Mathematik Panik auslöst, suchen Rat bei Renate Höglinger-Lentsch und Ute Vonkilch vomRecheninstitut Wien. Ihr Befund: "Angst machen immer Dinge, die uns fremd sind. Genauso ist es mit der Mathematik: Wenn ein Kind die Zusammenhänge der elementaren mathematikspezifischen Grundlagen nicht verstanden hat, und sich schon im kleinen Zahlenraum schwer zurecht findet, entstehen Defizite, die jedes Kind verunsichern. Eine Rechenschwäche ist vorprogrammiert."

Didaktiker Timo Leuders von der PH Freiburg (Deutschland) präzisiert: "Wenn ein Kind nicht versteht, was Operationen wie Addition oder Multiplikation bedeuten, versteht es auch nicht, wie sich Situationen in Rechnungen übersetzen lassen. Heißt: Er kann zwar die Mal-Sätze auswendig, versteht aber das Prinzip dahinter nicht. Da die Schüler meist fleißig rechnen, bemerken Lehrer und Eltern die Schwäche anfangs nicht. Wenn Jahre später das Verstehen des Multiplizierens gefragt ist – z.B. beim Bruchrechnen – können die Kinder nicht darauf zurückgreifen. Sie flüchten sich darin, dass sie sagen: ,Ich lerne Regeln’."

Das sei ein Teufelskreis. Mathematik baue sich so auf eine Anhäufung von Regeln, die nichts bedeuten. "Für diese Kinder heißt Mathematik bloß das Erfüllen dieser Rechenregeln. Auf die Dauer sind sie überfordert, weil der Unterricht von ihnen verlangt, viele Verfahren auswendig zu lernen. Am Ende machen die Schüler dicht, weil sie von der Fülle der Regeln überfordert sind." Spätestens im Gymnasium komme dann die Frage: "Wozu brauche ich das?" Leuders meint, dass Lehrer diese Frage so nicht beantworten sollten: "Es geht nicht darum, wie ich das als Einzelperson nutze. Als 13-Jährgier kann ich oft nicht verstehen, was ich in der Zukunft benötigen werde. Die Frage des Schülers sollte eher lauten: Was bedeutet mir das? Warum soll ich mich jetzt damit beschäftigen? Es ist z.B. einfach für einen Lehrer zu veranschaulichen, wozu einen Mittelwert gut ist." Praktische, lebensnahe Beispiele verhindern Angst: "Diese entsteht, wenn Mathematik keine Bedeutung hat oder diese erst in der Zukunft liegt. Mathematik als Lösung für Probleme ist hingegen sinnstiftend und angstvermeidend."

Frühwarnung

Was also tun? Renate Höglinger-Lentsch (Recheninstitut) sagt, dass "schon im Vorschulalter wichtige Schritte für das mathematische Verständnis gesetzt werden sollten und diese nicht vernachlässigt werden dürfen. Viele Studien zeigen, dass die Unterschiede im Zahlenwissen bei Schuleintritt entscheidend sind für die zukünftigen Leistungen in Mathematik. Mehr noch: Der (fehlende) Wissenstand bei Schuleintritt ist ein statistisch signifikantes Anzeichen dafür, dass ein Kind später eine Rechenstörung entwickeln könnte. Frühförderung ist im sprachlichen Bereich heutzutage fast selbstverständlich, die mathematische Förderung spielt leider eine untergeordnete Rolle."

Das sollte ein Kind bei Schuleintritt können: "Es braucht Wissen und Wissbegierde. Einerseits ist das eine sichere Zahlwortreihe, das Erfassen von einer Anzahl oder das automatisierte ,Zeigen können’ der Anzahlen bis 10 mit den Fingern. Andererseits sollte Mathematik bereits im Kindergarten als etwas kennengelernt werden, das Spaß macht, das ständig an neuen Problemstellungen angewendet werden kann, wo das Kind ständig dazulernen kann und die natürliche Neugierde dazu führt, dass es mehr dazulernen möchte." Zum Angstobjekt werde Mathematik allerdings erst in der Schule, meint Leuders: "Denn da wird es als eigenes Fach wahrgenommen." Doch wie merken Lehrer oder Eltern, dass ein Kind mit Zahlen auf Kriegsfuß steht? "Sie versuchen, Aufgaben zu vermeiden. Sie schieben Hausübungen hinaus und wenden sich lieber anderen Dingen zu." Jetzt ist ein guter Pädagoge gefragt und die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus: "Die Kinder müssen Freude entwickeln. Weil Mathematik mehr ist als bloßes Rechnen, kann man Schüler z.B. auffordern, sich Aufgaben auszudenken, die das Ergebnis 1000 haben. Da sind Kreativität und eigene Ideen auf unterschiedlichem Niveau gefragt", sagt Leuders.

Kein Leistungsdruck

Die richtige Balance zwischen Erfolgserlebnissen und Anforderungen zu finden, ist das Ziel eines differenzierten Unterrichts. "Wenn Kinder ständig unter Leistungsdruck gesetzt werden und ständig Misserfolge haben, wird es nicht besser", sagt Leuders. Eltern würden oft aus Sorge den Leistungsdruck noch verstärken. Ute Vonkilch hört in der Beratungssituation sehr oft von Müttern oder Vätern, "dass sie selbst große Schwierigkeiten in Mathematik hatten. Gerade diese Eltern sind es oft, die ihren Kindern mit Tricks und Schemata weiterhelfen wollen. Das Kind versucht oft erst gar nicht, Zusammenhänge zu verstehen."

Auch die Lehrer will Vonkilch nicht aus der Verantwortung entlassen: "Schon in der Volksschule gibt es viele Inhalte, die nicht zeitgemäß sind oder fern jeglicher Realität. Da tauchen Textaufgaben auf, deren Inhalte für Kinder in jener Altersstufe auf wenig Interesse stoßen, was das Arbeiten damit nicht gerade fördert. Umwandlungen diverser veralteter Maße wie Dezimeter oder Ar werden zum Stolperstein. Das Dividieren mit zweistelligem Divisor stellt schon in der Volksschule für viele Kinder eine unüberwindbare Hürde dar. Viele Lehrer richten sich ausschließlich nach dem Schulbuch anstatt den Lehrplan zu lesen: Mut zur Lücke wäre wünschenswert."

Die Bildungsstandards verlangen von den Lehrern sehr viel: "Verständnis sollte aufgebaut, Kommunikation gefördert werden, Kinder sollten Mathematik als etwas erfahren, das sie in lebenspraktischen Problemen anwenden können. Der herkömmliche Mathematikunterricht ist mit diesen Anforderungen überfordert, leider nicht selten auch die Pädagogen", weiß man beim Recheninstitut. Doch um die mathematikdidaktische Ausbildung der Volksschullehrer steht es nicht überall zum besten. Immerhin können sie seit kurzem den Schwerpunkt "Science and Health" wählen, der sich auch mit Mathematik beschäftigt. Bezeichnend ist: Der einzige Lehrstuhl für Fachdidaktik der Grundschule in Österreich, den es an der Uni Klagenfurt gab, wird wohl nicht nachbesetzt.

Was Eltern lieber lassen sollten

Wem als Erwachsener selbst der Angstschweiß auf der Stirn steht, wenn er ein Mathebuch sieht, gibt diese Angst oft an seine Kinder weiter. Nicht nur für solche Eltern haben Timo und Juliane Leuders einen Leitfaden entwickelt. Was Väter und Mütter ihrer Meinung nach nicht tun sollten:

Sagen Sie Ihrem Kind nie: "In Mathe war ich auch schlecht." Auch Aussagen wie "In Mathe muss man halt begabt sein" schaden eher. Gehen Sie besser mit der Haltung heran: Die Mathematik, die in der Schule vermittelt wird, kann jeder lernen. Manche brauchen dafür nur mehr Zeit und konkrete Beispiele. Natürlich ist es völlig in Ordnung, bei Schulfächern unterschiedliche Vorlieben zu haben. Wenn Sie Ihrem Kind aber die "Ausrede", dass es völlig in Ordnung ist, Mathematik nicht zu können, anbieten, betreten Sie womöglich eine gefährliche Spirale aus Leistungsschwäche und Abneigung.

Behaupten Sie nie: "Das muss man lernen, aber gebrauchen kann man das nicht. " Die Inhalte der Lehrpläne sind meist sinnvoll gewählt. Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn etwa bei Eingangsprüfungen für die Lehre andere Anforderungen gestellt werden als im Unterricht. Was als traditioneller Dreisatz abgefragt wird, sieht in der Schule meist anders aus.

Sagen Sie nie: "Ich hab das so gelernt. Schau her, ich zeig dir, wie man das macht. " Die Lösungswege, die heute vermittelt werden, sind manchmal ganz anders als die Verfahren von früher. Mit Ihrem Eingreifen richten sie vielleicht mehr Schaden an.

Geben Sie nie nach, wenn Ihr Kind fordert: "Sag mir einfach, was ich tun soll. Ich will das nicht verstehen." Auswendig gelernte, unverstandene Rechenverfahren bleiben nicht lange im Gedächtnis und erschweren das Verständnis der nachfolgenden Inhalte.

Buchtipp: Timo und Juliane Leuders. Mathe können. Ein Ratgeber für Eltern. Verlag Klett Kallmeyer. 20,40 Euro