Essstörungen sind langwierige Erkrankungen.

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Magersucht
02/27/2017

Kinderpsychiater fordert eine Klinik für Essstörungen

Die Therapie von Magersucht dauert oft viele Jahre. Eine Spezialklinik fehlt in Österreich, ebenso fehlen Reha-Plätze, sagt Univ.-Prof. Andreas Karwautz.

von Ernst Mauritz

1000 Sit-ups und zweieinhalb Stunden Fitnesscenter – das sechs Mal die Woche, und zum Ausgleich am siebenten Tag drei Stunden Laufen: Dieses Pensum einer 17-Jährigen war nur ein Symptom ihrer Magersucht. Ein 15-jähriges Mädchen hatte innerhalb von knapp zwei Jahren einen Gewichtsverlust von 60 auf 36 Kilogramm. Und ein 15-jähriger Bursche trank täglich mindestens fünf Liter Wasser, um nur ja nicht zuzunehmen: "Viele unserer jugendlichen Patienten haben schon bedrohliche körperliche Beeinträchtigungen, aber trotzdem fehlt ihnen oft die Einsicht, wie wichtig für sie eine Therapie ist", sagt Univ.-Prof. Andreas Karwautz, Leiter der Ambulanz für Essstörungen an der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien / AKH Wien. Magersucht (Anorexie) ist nach Asthma und Adipositas (starkes Übergewicht) die dritthäufigste "chronische" Krankheit bei Jugendlichen. Die Therapie dauert im Schnitt fünf Jahre.

Vielfältige Auslöser

Auslöser ist eine Kombination biologischer (z.B. spezielle genetische Merkmale), psychologischer (z.B. Persönlichkeitszüge wie Perfektionismus) und psychosozialer Faktoren (z.B. familiäre Konflikte). An einer Therapie sind immer viele Berufsgruppen beteiligt – Fachärzte, Psychotherapeuten, Diätologen, Körpertherapeuten etwa.

"Aber es fehlt in Österreich eine eigene Klinik für Essstörungen", kritisiert Kinderpsychiater Karwautz im Vorfeld einer Essstörungstagung, die am 10. und 11. März 2017 für alle befassten Berufsgruppen an der MedUni Wien stattfindet. Ebenso fehle es an Tageskliniken und Rehaplätzen zur Nachbehandlung.

Lesen Sie nach der Grafik, wie die Behandlung von Essstörungen funktionieren kann

Spezielle Reha bei Essstörungen nötig

"Es ist ein großer Fortschritt, dass in Österreich vier Zentren für Kinderrehabilitation geschaffen werden", sagt Karwautz. "Aber diese Zentren in landschaftlich schönen Regionen sind für schwere psychiatrische Erkrankungen nicht geeignet." Hier müssten die Reha-Betten an kinderpsychiatrischen Fachabteilungen angebunden sein: "Essstörungen sind langwierige Erkrankungen. Geht es den Kindern schlechter, können sie rasch zurück auf die Akutabteilung kommen. Das kann man nicht mit einer Reha nach einer onkologischen oder orthopädischen Erkrankung oder auch einer depressiven Episode vergleichen." Im "Therapie-Centrum für Essstörungen" München sei das so umgesetzt worden: "Die stationären Aufenthalte verkürzten sich."

Nachbehandlung in Wohngemeinschaften

Gleichzeitig gibt es in München Wohngemeinschaften, in denen die Jugendlichen oft über Jahre betreut und behandelt werden: "In Österreich existiert nur eine WG zur Nachbehandlung."

Für Eltern, deren Kinder in psychiatrischer Behandlung sind (ambulant oder stationär), hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien das Programm SUCCEAT ins Leben gerufen (Supporting Carers of Children and Adolescents with Eating Disorders). Es bietet Angehörigen Hilfestellungen, wie sie mit den Kindern trotz schwierigen Krankheitsverlaufs eine Kommunikation und Konflikte bewältigen können. Infos erhalten Betroffene unter den Telefonnummern 0681 / 818 23 571 bzw. 01 / 40 400 / 64 800, eMail-Kontakt ist über succeat@meduniwien.ac.at möglich.

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