Hat wieder umgelernt: Linkshänder Andreas Müllner

© Uwe Mauch

Umlernen
07/19/2013

Linkshänder: Heute wieder mit links

Andreas Müllner hat mit knapp 40 noch einmal umgelernt. Für ihn: „Ein Akt der Befreiung“

von Uwe Mauch

Seine Uhr trägt er am rechten Handgelenk. Seine Handschrift ist eigenwillig schön. Während Andreas Müllner mit seiner linken Hand schreibt, betont er: „Ich bin eindeutig Linkshänder.“

Das war für ihn nicht immer klar. Denn die feinmotorischen Erfahrungen des Schreibens mit der dominanten linken Hand hat er als Kind nicht machen dürfen. Seine Eltern sprachen von der „hässlichen Hand“, und sein Volksschullehrer hat ihm das Schreiben mit der Linken dezidiert verboten.

Diese künstliche Unterdrückung hat den Linkshänder drei Jahrzehnte seines Lebens nicht zur Ruhe kommen lassen. Mit knapp 40 hat er sich daher entschlossen, das Schreiben selbst in die Hand, in seine linke Hand, zu nehmen. Heute kann er sagen: „Das war für mich ein Akt der Befreiung.“

Rechtswidrig

Müllner, Jahrgang 1965, ist froh, dass den Linkshändern heute in den Schulen mehr Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird als in seiner Kindheit. Dennoch kritisiert er, dass den speziellen Fähigkeiten, die sie entwickeln könnten, noch immer wenig Beachtung geschenkt wird.

Aus eigener Erfahrung weiß er: „Wenn es um die Lösung eines Problems geht, suche ich oft einen anderen Weg als die Rechtshänder, was anstrengend sein kann.“ Und manchmal zu neuen Erkenntnissen führt ...

Umgelernte Linkshänder (siehe Zusatzbericht rechts) eint, dass sie weder mit der Rechten noch mit der Linken schön schreiben können. Davon unbeeinflusst, konnte sich Andreas Müllner als Akademiker sehr gut behaupten. Er hat Humanbiologie und Anthropologie studiert, dann jahrelang als IT-Spezialist in der Telekommunikations- und Banken-Branche und als Wissenschaftler an der Universität gearbeitet.

Vor zehn Jahren hat er sich zum Umlernen entschlossen. Er erinnert sich noch genau: „Anfangs habe ich ein wenig geübt, aber nur zwanzig Minuten pro Tag. Denn ich habe schnell bemerkt, dass das gut geht.“

Linksorientiert

Meeting-Mitschriften, Konzepte, Notizen, Einkaufs-und To-do-Listen, Stichwortzettel – alles schreibt er seither buchstäblich mit links. Interessant auch: „Von einem auf den anderen Tag habe ich auch die Computermaus mit der anderen Hand bedient und hatte dabei keinerlei Umstellungsprobleme.“

Es passt ins Bild, dass einer, der von sich selbst sagt, dass er die Welt anders, synthetischer wahrnimmt, seit Kurzem als Shiatsu-Praktiker (www.shiatsu-muellner.at) arbeitet. Nicht nur, weil die Behandlungen ihm und seinen Klienten gut tun, sondern auch, weil er verstehen will, wie ein humanes System im Umgang mit Krankheiten funktionieren könnte.

Und dann hat er sich auch eine Linkshänder-Gitarre zugelegt – eine weitaus größere Herausforderung für ihn: „Ich musste mir alle Griffe, alle Abläufe noch einmal vom Status null beibringen. Dafür kann jetzt die dominante linke Hand den Rhythmus vorgeben, dadurch ergänzen sich Gitarre und Stimme besser.“ Auch die Schmerzen im linken Arm sind weg.

Heute wertet der doppelt Umgelernte das Umlernen als eine richtige Entscheidung: „Schreiben mit der linken Hand ist für mich wie recht haben.“ Er hütet sich jedoch, allen umgelernten Linkshändern zu raten, es ihm gleich zu tun. „Weil was ist, wenn es mit der Linken doch nicht so gut geht? Dann könnte auch das Schreiben mit der Rechten darunter leiden.“

Müllner hat gewagt und gewonnen. Er will nicht dick auftragen, das ist nicht seine Art, er sagt nur: „Ich schreibe heute mit der Linken schöner als mit der Rechten.“

Die seltsamen Schleifen in seinem Gehirn

Es gibt Schätzungen, dass bis zu vierzig Prozent der Menschheit umgelernte Linkshänder sind. Das sind per Definition Menschen, die ihre natürlichen Anlagen nicht nützen (dürfen). Andreas Müllner hält diese Schätzungen allerdings für zu hoch gegriffen.

Dafür kann er sein Leben als Linkshänder exakt beschreiben: „Das Schreiben mit der Hand ist wahrscheinlich der komplexeste Prozess, den ein Lebewesen ausführen kann. Daher kosten die seltsamen Schleifen, die sich beim Schreiben in meinem Gehirn drehen, auch sehr viel Energie – Energie, die mir dann anderswo fehlt.“ Er erinnert sich an einige Aussetzer bei Schularbeiten, die niemand erklären konnte. Heute weiß er: „Umgelernte Linkshänder können sich speziell in Stresssituationen nicht so lange konzentrieren.“

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