Wissen und Gesundheit
01.07.2017

Lehrerin klagt Eltern, die sich über sie beschweren

Einer Pädagogin wird seit Jahren vorgeworfen, Kinder zu verängstigen. Sie wehrt sich juristisch. Ein Fall der zeigt, wie schwierig es ist, gegen eine Lehrkraft vorzugehen.

Dass sich Schulen zukünftig ihre Lehrer selbst aussuchen dürfen, wird als großer Fortschritt gefeiert, der durch die Bildungsreform möglich wird. Nur: Das drängendste Problem ist damit nicht gelöst – nämlich jenes, wie man ungeeignete Pädagogen am Standort los wird.

Das zeigt das Beispiel eines Wiener Gymnasiums, wo eine Mathematikprofessorin unterrichtet, über die sich Schüler und Eltern seit Jahren massiv beschweren – der KURIER berichtete mehrmals. Nun hat der Konflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nachdem der Elternverein eine Petition verfasst hatte, in der beklagt wird, dass durch die Unterrichtsmethoden die Schüler derart verängstigt werden, dass sie sich in Therapie begeben müssen, hat die Professorin nun geklagt. Sie wirft dem Elternverein, konkret dessen Obfrau, üble Nachrede vor.

Der Vorwurf

Doch worum geht es in diesem Konflikt genau? Der Vorwurf: Die Pädagogin soll Kinder mit Worten erniedrigen – "Du bis zu dumm dafür" oder "Du schaffst das eh nicht" sei im Klassenzimmer zu hören. Und das schon seit Jahren, wie Andreas Kletecka, dessen Tochter in diese Schule geht, vermutet. Mehr noch: Er hat in einem Gespräch mit der Lehrerin den "Eindruck gewonnen, dass es ihr primär um Gehorsam und nicht um die Logik geht, was in Mathematik doch mehr als erstaunlich ist." Er erinnert sich an einen Satz, den sie ihm gegenüber geäußert hat, Zitat: "Es geht hier nicht um Logik, ganz im Gegenteil. Die Schüler haben das so zu machen, wie ich es gesagt habe." Er ist mit seiner Einschätzung nicht alleine: Als vor einer Woche im ORF-Magazin Report über die Causa berichtet wurde, gab es viele Reaktionen von ehemaligen Schüler. Da schreibt z. B. eine junge Frau, die 2009 maturiert hatte, "dass sie heute noch unter den Folgen ihres Unterrichts leidet. Ich will gerne etwas dazu beitragen, dass etwas gegen diese Professorin getan wird."

Die betroffene Pädagogin sieht sich im Recht, sie nehme "ihre Aufgaben im Rahmen des Lehrberufs gewissenhaft und genau wahr", heißt es in einem Schreiben ihres Anwalts. Und: Wenn sich die Eltern auf einen "ausgerufenen Tenor der angstfreien Schule durch den Stadtschulrat" berufen, so sei dem zu entgegnen, "dass dies vielleicht eine politische Wunschvorstellung sein kann, im Gesetz aber keine Deckung findet."

"Nichts Konkretes"

Wie reagiert man im Stadtschulrat? Von dort heißt es, dass es zwar allgemeine Beschwerden gebe, aber zu wenig Konkretes, um juristisch gegen die Professorin vorzugehen. Und die Eltern wollen verhindern, dass die Behörde mit den betroffenen Schülern redet. Zudem sei die Sache nicht so eindeutig: "Es gibt viele Schüler, die die Lehrerin gut finden, weil sie bei ihr viel lernen." Das bestreiten die Elternvertreter auch gar nicht. Nur gebe es eben nicht wenige, die unter ihr leiden. Und die müsse man schützen. "Wir wollen deshalb nicht, dass man mit Kindern redet, die derzeit noch von der Lehrerin unterrichtet werden. Das würde die Schüler zu sehr belasten", sagt Kletecka, der an der Uni Jus lehrt. Die Eltern wollen nun Aussagen ehemaliger Schüler sammeln, die ihre Vorwürfe untermauern. Was ihn ärgert: "Es kann nicht Aufgabe der Eltern sein, gegen eine ungeeignete Lehrerin vorzugehen. Das muss Sache der Behörden sein."

Zehn Fünfer

Die Professorin wird jedenfalls bald Besuch aus dem Stadtschulrat erhalten. Da in einer "ihrer" Klassen bei der gestrigen Zeugnisverteilung zehn von 23 Schülern einen Fünfer im Zeugnis hatten, wird die zuständige Landesschulinspektorin bei der Wiederholungsprüfung im Herbst anwesend sein, um zu gewährleisten, dass diese ordnungsgemäß über die Bühne geht. Und man verteidigt die Professorin auch: "Keiner der Betroffenen ist in Berufung gegangen. Es liegt wohl nicht nur an der Lehrerin."