Wissen 14.03.2013

Langes Leben mit Schattenseiten

Österreich ist bei der Lebenserwartung führend – aber die WHO übt auch Kritik.

Auf der einen Seite sind die Studienergebnisse sehr erfreulich: Die Menschen in der Region Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – 53 Staaten in Europa und Asien – leben heute länger und auch gesünder als in den 80er- und 90-er Jahren. Doch es gibt erhebliche regionale Unterschiede, wie der neue „European Health Report“ zeigt. Österreich schneidet bei der Häufigkeit verschiedener Todesursachen generell besser ab als der Durchschnitt – auch ein Effekt der guten medizinischen Versorgung. Doch beim Lebensstil, beim Konsum von Zigaretten und Alkohol, ist dies nicht mehr so – ein führender WHO-Experte fordert deshalb von Österreich entschiedenere Maßnahmen.

Die Lebenserwartunghat im Durchschnitt von 1980 bis 2010 um fünf Jahre auf 76 Jahre zugenommen. Aber die Unterschiede sind enorm: Von 82 Jahren in der Schweiz bis lediglich 69 Jahre in Russland. Österreich liegt mit mehr als 80 Jahren im oberen Drittel.

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© Bild: Kurier
Die Kindersterblichkeitist in Europa – nach einem Rückgang von 1990 bis 2010 um 54 % – mittlerweile die weltweit geringste.

Infektionskrankheiten sind in Europa seltener als in anderen Regionen. Sorgen bereiten der WHO aber Tuberkulose, die HIV-Epidemie in Osteuropa sowie Masern-, Polio- und Röteln-Epidemien.

Als wichtigste Risikofaktoren für viele Krankheiten sieht die WHO neben Umweltgefahren wie Feinstaub vor allem Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum:

Rauchen 27 Prozent der Bevölkerung in Europa ab 15 Jahren greifen regelmäßig zur Zigarette – mehr als in jeder anderen Region der Welt. Österreich erreicht diesen Wert bei den Männern. Dieser Raucheranteil ist zwar deutlich niedriger als etwa in der Ukraine oder der Türkei, wo rund die Hälfte der Männer raucht – aber viel höher als Schweden, wo es nur zirka 15 Prozent sind.

Alkohol Von allen Weltregionen der WHO ist in der Region Europa der Alkoholkonsum am höchsten – rund 10,6 Liter reiner Alkohol pro Jahr. Nach WHO-Schätzungen ist zu hoher Alkoholkonsum für rund 6,5 Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Die Österreicher trinken mit rund 13 Litern pro Jahr überdurchschnittlich viel.

Suizide Ihre Zahl geht in allen Teilen der Europa-Region zurück, nachdem sie Mitte der 1990er Jahre angestiegen war. Der Rückgang hat sich allerdings seit 2008 – dem Beginn der Wirtschaftskrise – verlangsamt. Und in Österreich ist die Rate vor allem bei den Männern etwas höher als im Durchschnitt der alten EU-15-Staaten.

Kritik an Österreich

„Männer leben in Österreich nach wie vor rund 5,6 Jahre kürzer als Frauen“, sagt der Mediziner und Epidemiologe Enrique Loyola vom WHO-Regionalbüro für Europa in Kopenhagen in Dänemark: „Andere Länder konnten diesen Unterschied verringern.“

Dass dies in Österreich noch nicht gelungen sei, könne u.a. am vergleichsweise hohen Alkohol- und Nikotinkonsum der Männer in Österreich liegen. Gleichzeitig müsse Österreich etwas gegen den steigenden Anteil von (jungen) Raucherinnen unternehmen. Österreich solle die Verfügbarkeit von Nikotin und Alkohol einschränken: Durch ein striktes Rauchverbot in der Öffentlichkeit, höhere Preise durch höhere Steuern und eine generelle Abgabe von Alkohol erst ab 18 Jahren. Aus den höheren Steuereinnahmen sollten Präventionsprogramme – etwa an Schulen – finanziert werden. Loyola: „Ich bin davon überzeugt, dass Österreich in internationalen Vergleichen noch viel besser abschneiden könnte, würde es mehr gegen den hohen Tabak- und Alkoholkonsum unternehmen.“

( Kurier ) Erstellt am 14.03.2013