© KURIER/Jeff Mangione

Gelenksersatz
06/15/2015

"Meine Hüfte habe ich vom KURIER"

Der Gesundheitstalk gab den Anstoß zu einer Operation – das Protokoll einer Erfolgsgeschichte.

TEP: Das ist kein Schimpfwort mit Schreibfehlern, sondern das Kürzel für den sperrigen Ausdruck "TotalEndoProthese" – innenliegende Prothese für Knie oder Hüfte. Genug der Erklärung, jetzt meine Erfolgsgeschichte, wie ich nach monatelangen Schmerzen in allen Lebenslagen quasi über Nacht wieder fest und schmerzfrei auf beiden Beinen stehen kann. Damit möchte ich allen Menschen mit ähnlichen Problemen Mut machen.

Es beginnt harmlos im Herbst 2014. Nach dem Schwimmen im Mittelmeer im Herbst meldet sich meine linke Hüfte. Der Schmerz ist nur leicht und vergeht rasch. Bald werden aber alltägliche Tätigkeiten unangenehm. Ein Röntgenbefund zeigt: Der linke Spalt im Hüftgelenk ist schon sehr schmal. Arthrose. Der Orthopäde stellt als einzige Option mittelfristig ein künstliches Hüftgelenk in den Raum. Damit habe ich nicht gerechnet. Mein Alltag wird auf die neuen Umstände abgestimmt. Die Strecken zu Fuß werden immer kürzer, ich versuche alle notwendigen Wege mit dem Fahrrad zu bewältigen. Die Schmerzen nehmen weiter zu, ich schleppe mich in eine Klinik für Orthopädie in Wien. Eine Injektion, die sofortige Schmerzlinderung brachte, die Aussicht, diesen Zustand noch zwei Jahre bewältigen zu können und der Hinweis, dass die Wartezeit auf eine Hüft-OP 18 Monate betrage, sind das Ergebnis.

Der Schmerzen setzen wieder ein

Gerade zu dem Zeitpunkt, als kurz darauf die Schmerzen wieder unvermindert einsetzen, lese ich die Ankündigung zum KURIER-Gesundheitstalk über Gelenksersatz. Im vollbesetzten Van Swieten Saal spricht Univ. Prof. Dr. Reinhard Windhager, Leiter der Orthopädie der MedUni Wien, von Wartezeiten in den Klinken des Krankenanstaltenverbundes Wien zwischen 2 und 6 Monaten, je nach Schweregrad. Und er rät, prinzipiell eine OP für notwendigen Gelenksersatz nicht hinauszuzögern, weil in der Phase der Schonhaltung gesunde Körperteile überbelastet und damit selbst geschädigt werden können!

Prof. Windhager bestärkt mich, die Ambulanz der Orthopädie im AKH aufzusuchen. Dort wird festgestellt, dass meine Knorpelsubstanz inzwischen kaum mehr vorhanden ist und unter Belastung schon Knochen auf Knochen reibt. Der OP-Termin wird fixiert, zwei Monate muss ich noch durchhalten.

Tag der Aufnahme

Kontrollröntgen. Habe die Schmerzmittel bereits abgesetzt, kann nur mit viel Überwindung jene Stellungen einnehmen, die für die letzten Bilder meiner kaputten Hüfte verlangt werden.

Tag der OP

Nüchtern mit meinem Bett zum OP-Saal gerollt – freundlichst begrüßt – Anästhesist erklärt jeden einzelnen Schritt – "Kreuzstich" mit flacher Nadel kaum spürbar zwischen Nervenbahnen hindurch – nach 15 Minuten beginnende Taubheit von den Zehnen aufwärts – spüre noch immer Herumtasten an meiner Hüfte – also doch Vollnarkose, Tiefschlaf …

Erwachen beim "Umbetten" in der "OP-Schleuse" – ich spüre meine Naht, aber keine Schmerzen, die OP ist geschafft! Ein Stunde OP-Dauer, mein Bein in großer Kunststoffschiene ruhiggestellt, Zehen erwachen langsam von der SpinalanästhesieSchmerzen bleiben aus!

1. Tag nach der OP

Ruhige Nacht in Rückenlage. Erstes Erfolgserlebnis 24 Stunden nach der OP: Unter Anleitung des Physiotherapeuten erstes Aufstehen, bin vorsichtig, erwarte Schmerzen beim Belasten der "neuen" Hüfte, Fehlanzeige! Nur ein leichtes Ziehen in der Naht! Dann die ersten Schritte, mit Hilfe von Krücken!

2. Tag nach OP

Bei Morgenvisite Drainage entfernt, Physiotherapeut lehrt mir Stiegen steigen mit Krücken. Lerne "Seitenschlaf-Technik" mit Polster zwischen den Beinen – die Schlafstellung der nächsten Wochen. Ziehe jetzt am Gang eine Runde alleine, lerne "Leidensgenossen" kennen … Zu Mittag letzte Infusionsnadel entfernt – es geht aufwärts! Habe weiter keine Schmerzen. Ich bin glücklich!

3. Tag nach OP

Seitenlage in der Nacht – welch herrlich neues Schlafgefühl! Meine Krücken sind ständige Begleiter, Stolpern oder Stürzen wäre fatal. Bei der OP wurden Teile der Gelenkskapsel gespalten, erklärt mir mein Operateur, Prof. Windhager. Diese wird sich zwar neu aufbauen, das dauert aber rund drei Monate. In dieser Zeit benötigt mein neues Gelenk besonderen Schutz.

4. Tag nach der OP

Mit dem Versprechen, alle Vorsichtsmaßnahmen zu befolgen, werde ich entlassen. Dem Bett zu Hause habe ich schon vor der OP eine zweite Matratze verpasst, um in die höhere Liegefläche leichter und sicherer ein- und aussteigen zu können. Auch der WC-Sitz wurde erhöht. Der Barhocker wird zu meinem Lieblingsplatz, er ermöglicht eine richtige, Gelenk schonende Sitzposition.

Alle Wege zu Hause, auch nur wenige Schritte, lege ich mit Unterstützung beider Krücken zurück.

3 Wochen nach der OP

Die Rehabilitation beginnt mit einem weiteren Erfolgserlebnis: Der Orthopäde lässt mich ohne Krücken gehen, "die brauchen Sie nicht mehr!" Ein dreiwöchiges "Trainingscamp" beginnt, Muskelaufbau und richtiges Verhalten stehen am täglichen Plan, die wunderbare Umgebung und die modernen Einrichtungen der neuen RehaKlinik Baumgarten in Wien lassen die Mühen rasch vergessen. Gehen wird flüssiger, erster "Ausflug": Spaziergang vorbei an der Kirche am Steinhof, weit über eine Stunde, keine Probleme!

Seit der OP sind fast zwei Monate vergangen, der Alltag ist wieder ziemlich normal. Der KURIER-Gesundheitstalk war mein Schlüssel zum Erfolg, dort konnte ich Univ. Prof. Reinhard Windhager kennenlernen, der mich perfekt operiert hat und dem ich mein wieder erlangtes schmerzfreies Lebensgefühl verdanke! Ich kann zu Recht behaupten: "Das hab’ ich vom KURIER!"

Der frühere ORF-Journalist Manfred Ruthner protokollierte für den KURIER seine Krankengeschichte.

Info: Patienten-Infotag über Gelenks-ersatz am 16. 6., ab 15.30 Uhr, Van Swieten Saal der MedUni Wien, 1090 Wien, Van-Swieten-Gasse 1a, Anmeldung: 01/40400-40830, oderalexandra.mayr@meduniwien.ac.at

Neues Gelenk trägt zur Lebensverlängerung bei

Univ. Prof. Reinhard Windhager ist Leiter des Endoprothetikzentrums und der Universitätsklinik für Orthopädie, AKH/MedUni Wien.

KURIER: Wann sollte man sich für ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk entscheiden?
Reinhard Windhager: Wenn Schmerzen den Alltag unerträglich machen und auch im Liegen Schmerzen permanent auftreten. Eine TotalEndoProthese kann nicht nur latente Schmerzen egalisieren und den Alltag normalisieren, sondern trägt auch zu einer Verlängerung des Lebens bei. Durch die wiedergewonnene Schmerzfreiheit steigen die Freude an Bewegung im Allgemeinen und auch die Lebensfreude an sich.

Ist ein Hinauszögern schädlich für die gesündere Seite?
Ja, das kann sogar weitere Folgen haben. Durch gewisse Schonhaltungen tritt Muskelschwund auf, man wird ungeschickt. Im Extremfall kommt es dabei über längere Zeit zu einer gebückten Haltung, die wieder Schäden an der Wirbelsäule verursachen kann.

Welche Risiken gibt es?
Keine besonderen, ein geringes Risiko, wie bei mittelschweren Operationen generell, bleibt jedoch. In seltenen Einzelfällen müsste auf eine Metall-Unverträglichkeit bedacht genommen werden. Die neue, minimal invasive Hüftgelenksoperation ist besonders schonend und erlaubt wenige Stunden nach dem Eingriff, wieder erste Schritte zu gehen.

Was versteht man unter einer solchen minimal invasiven Hüftgelenksoperation?
Der Schnitt ist nur wenige Zentimeter lang, es werden keine Muskeln und Sehnen durchtrennt, eine Bluttransfusion ist nur in Ausnahmefällen nötig. Der Operateur spreizt Muskeln und Sehnen nur ein wenig auseinander. Diese neue Operationstechnik wird von mir schon seit knapp zehn Jahren als Standard-Verfahren angewendet, ist besonders schonend und erlaubt wenige Stunden nach dem Eingriff, wieder erste Schritte zu gehen. Man muss allerdings spezielle Prothesen verwenden, deren Schaft etwas kürzer ist als bei traditioneller Methodik.
Bei Knie-Prothesen befestigen wir die Elemente mit Klebmaterial. Das ist problemlos und erleichtert auch im Falle des Falles einen eventuell notwendige Prothesentausch, weil sich die Prothese an der Klebschicht leichter lösen läst.
Bei Hüft-TEPs ist das zementfreie Verfahren erste Wahl, wenn Knochdichte und –Struktur in Takt sind. Mit dem "Einwachsen" in das Knochengefüge ergibt sich die größte Festigkeit.

Wie viele Operationen werden an Ihrem Zentrum jährlich durchgeführt?
In unserer Orthopädie sind es mehr als 600 derartige TEP-Operationen jährlich. Die Anzahl der Erstimplantationen ist auf hohem Niveau etwa gleichbleibend, hingegen ist die Zahl der Revisionsoperationen steigend. Gründe dafür sind einerseits die begrenzten Lebenszeiten früherer Implantate aber auch die massive Zunahme der Primärimplantationen in den letzten 15 Jahren.
Als belegt gilt der Zusammenhang zwischen der Anzahl durchgeführter Operationen und der erreichten Qualität. So kommen an unserer Orthopädie – sie wird in Kürze als erste Orthopädie Österreichs als EndoProthetikZentrum zertifiziert – nur Operateure zum Einsatz, die ein gewisses Mindestmaß an Eingriffen durchführen.

Wie lange hält eine Prothese?
Nach 15 Jahren müssen etwa 15 Prozent aller Operierten eine neuerliche OP über sich ergehen lassen. Im Regelfall beträgt die Lebensdauer mindestens 20 Jahre. Der Lebenswandel des Patienten kann entscheidend dazu beitragen, etwa durch die Auswahl und Intensität von Sportarten. Wobei Bewegung prinzipiell gut ist! Ideal wäre, Stopp-and-go-Bewegungen – etwa Tennis – zu meiden. Radfahren und Schwimmen sind ideal.

Wie lange sind die Wartezeiten auf einen Gelenksersatz?
Innerhalb des KAV (Krankenanstaltenverbund) in Wien beträgt die Wartezeit auf eine TEP zwischen zwei und sechs Monaten. Der Schweregrad der Erkrankung des Gelenks bestimmt die Reihung (AKH).

Welche sind die einzelnen Schritte bei einer solchen Operation?

  1. Vollnarkose oder Spinalanästhesie ("Kreuzstich"). Bei einer Spinalanästhesie wird die Kontraktionsfähigkeit der Muskel nicht zur Gänze ausgeschaltet. Es besteht also während der OP das Risiko, dass bei Restspannung der Muskulatur die Haken in den Muskel schneiden. Daher gebe ich der Vollnarkose den Vorzug.
  2. Etwa 10 cm langer senkrechter Schnitt seitlich/vorne an der Hüfte.
  3. Auseinaderspreizen von Muskel und Sehnen.
  4. Aufschneiden oder Teilentfernen der Gelenkskapsel (bildet sich normalerweise ohne Probleme nach – dauert ca. 3 Monate).
  5. Abschneiden des Oberschenkelhalses.
  6. Freilegen der Pfanne von Weichteilen, Einbau der neuen Pfanne.
  7. Einbau des Schaftes, einsetzen eines provisorischen Kopfes auf die geplante Position.
  8. Einmessen der richtigen Positionen.
  9. Einsetzen des endgültigen Kopfes in Schaft und Gelenkspfanne.
  10. Vernähen der Wunde. Die Gesamtdauer der Operation beträgt ca. 1 bis 1,5 Stunden.

Seit wann werden Endoprothesen routinemäßig eingesetzt?
Schon lange, in den 70-er Jahren, hat man in Österreich die ersten Totalendoprothesen eingesetzt. Allerdings waren damals die Materialien noch nicht so entwickelt und erprobt wie heute. Was vor allem für den Abrieb der Gleitflächen höchst bedeutend ist. Heute verwenden wir Keramik. Erstens ist bei Keramikflächen der Abrieb gering, zweitens wird dieser geringe Keramik-Abrieb in der Regel vom Körper ohne Probleme toleriert.

Welchen Stellenwert spielt die Forschung?
Die MedUniKlinik Wien ist auch in der Forschung tätig, war und ist seit etwa 20 Jahren an Neuentwicklungen beteiligt, die auch für die Zukunft vielversprechend sind. Vor allem an der Technik der Implantation und der damit verbundenen, verbesserten, technischen Ergebnisse und Schonung des Patienten wird intensiv gearbeitet.

Das Interview führte Mandfred Ruthner, früherer ORF-Journalist und Patient mit einer künstlichen Hüfte.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.