Wissen und Gesundheit
06.01.2012

Kryokonservierung: Baby aus dem Eis

Aus eingefrorenem Eierstockgewebe entstand ein Kind – eine Hoffnung für krebskranke Frauen mit Kinderwunsch.

Maximilian ist drei Monate alt: ein gesundes Baby, völlig normal entwickelt. Doch der Bub aus Radebeul bei Dresden ist ein kleines Wunder. Wie erst jetzt bekannt wurde, entstand das Baby aus Eierstockgewebe, das seiner Mutter Caroline Welz vor fünf Jahren entnommen worden war.

Damals ist bei der heute 33-Jährigen ein Hodgkin-Lymphom (aggressive Form von Lymphdrüsenkrebs) festgestellt worden. Nach einer Chemotherapie kehrte die Krankheit erneut zurück. Ihre Familie habe sie damals gedrängt, Eierstockgewebe und Eizellen einfrieren zu lassen, erzählte sie der Nachrichtenagentur dpa . „Heute bin ich froh darüber. Ich wollte in erster Linie nur gesund werden.“ Als sie nach weiteren Chemo- und Stammzellentherapien 2010 endlich als geheilt galt, wurde ihr das Gewebe mittels Bauchspiegelung wieder eingesetzt.

Daraus entwickelte sich – mithilfe von Hormonbehandlungen – ein voll funktionsfähiger Eierstock. „Wichtig war, dass das Retransplantat in Reichweite des Eileiters lag, damit dieser die unbefruchteten Eizellen aufnehmen konnte“, erklärt Wolfgang Distler, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Uniklinikum Dresden. Seine Patientin sei zudem auf natürlichem Weg schwanger geworden.

Die Technik, Eierstockgewebe junger Krebs-Patientinnen für eine spätere Schwangerschaft einzufrieren, ist nicht neu. Erstmals gelang dies 2004 in Belgien. Weltweit seien mittlerweile 15 Babys mit dieser Methode zur Welt gekommen, sagt Distler. Aber: „Mittels Proben konnten wir nun weltweit erstmals nachweisen, dass die Eizelle, die zur Schwangerschaft führte, nur aus dem Retransplantat stammen kann.“

Auch an der MedUni Wien wendet man diese Techniken an, um die Fruchtbarkeit von Krebspatientinnen sozusagen „auf Eis“ zu legen. Wir sind aber noch nicht in der Phase, eingefrorenes Gewebe wieder einzupflanzen“, sagt der Gynäkologe Univ.-Prof. Peter Husslein, Leiter der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde. „Die Erfolgschancen sind zudem noch nicht wahnsinnig groß.“ Derzeit verfüge man über Eierstockgewebe von rund 100 Frauen, das zentral in Deutschland gelagert wird.

Eierstock oder Eizelle

Warum teilweise Eierstockgewebe und nicht nur Eizellen eingefroren werden, erklärt Husslein mit dem Termindruck einer akuten Krebserkrankung. „Vor einer Chemo- oder Strahlentherapie fehlt meist die Zeit, Eizellen für eine Entnahme zu stimulieren. Die Krebstherapie soll ja rasch beginnen. Eine Bauchspiegelung zur Entnahme von Eierstockgewebe ist gerade noch zu schaffen.“

Kinderwunsch nach einer Krebserkrankung kommt gar nicht so selten vor. In Oberösterreich haben sich deshalb 2011 die Kinderwunschklinik Wels, das AKH und das Spital der Barmherzigen Schwestern in Linz sowie das Klinikum Wels-Grieskirchen zur interdisziplinären Plattform „Fertisave“ zusammengeschlossen. „Wir informieren etwa an Krebs erkrankte Frauen im reproduktionsfähigen Alter über Gewebskonservierungsmöglichkeiten. Ob es sinnvoll ist, kommt aber auf das jeweilige Therapieschema an“, betont Gynäkologin Johanna Hell aus dem Team um Prim. Klaus Reisenberger im Klinikum Wels. Generell kämen alle Krebsarten – außer natürlich Eierstockkrebs selbst – für derartige Techniken infrage.

Gesetzeslage: Nur bei Krebs-Diagnose erlaubt

Es hätte gesellschaftliche Sprengkraft, wenn das Einfrieren von Eizellen oder Eierstockgewebe nicht nur bei Krebserkrankungen zulässig wäre“, sagt Univ.-Prof. Peter Husslein von der Wiener Uni-Frauenklinik. Er glaubt, dass „das kommen wird“. Und hofft gleichzeitig auf „vernünftige Rahmenbedingungen“.

Derzeit ist in Österreich die Entnahme, Aufbewahrung und Retransplantation von Gewebe zur Reproduktion lediglich bei einer Krebserkrankung gesetzlich erlaubt. „Aus Altersüberlegungen verbietet es das Reproduktionsgesetz derzeit. Ich habe einen Antrag an die Ethikkommission gestellt, das zu überdenken.“ Die Familienplanung werde heute nach hinten geschoben, dann passe die Qualität der Eizellen und Spermien oft nicht mehr.

Für die Gynäkologin Johanna Hell vom Klinikum Wels-Grieskirchen ist das ein „ganz anderes Thema, das nicht mit der Erhaltung der Reproduktionsfähigkeit bei Krebs vermischt werden sollte“.

Info: Gewebe für später einfrieren

Kryokonservierung Die aggressiven Chemo- und Strahlentherapien im Rahmen einer Krebsbehandlung greifen auch die sensiblen Fortpflanzungsorange an. Bei Männern ist das Einfrieren von Spermien schon länger üblich. Seit einigen Jahren ist das Einfrieren von Eizellen und Eierstockgewebe auch für Frauen möglich.

Ablauf Beim sogenannten „ovarian tissue banking“ werden bis zu zwei Drittel eines Eierstocks operativ entfernt und bei 196 Grad Celsius eingefroren. Die Zellen sind nach dem Auftauen zum Großteil voll funktionstüchtig.