Wissen und Gesundheit
23.08.2017

Krebsdiagnose im Blut: Wann sie Realität werden könnte

Einen Tumor früh mit einem Blutbefund nachweisen: Das könnte in einigen Jahren Realität sein.

Ulrike N., 54, geht regelmäßig zur Darmspiegelung, denn ihr Darmkrebsrisiko ist erhöht: Ihr Vater starb an einem – spät erkannten – Darmkrebs.

In einigen Jahren könnte es für sie – genauso wie etwa Frauen mit erblichem Brustkrebs – eine zusätzliche Möglichkeit der Vorsorge geben: Einen Bluttest, der Krebserkrankungen bereits im Frühstadium erkennen kann – so, wie über einen Blutbefund heute ein erhöhter Cholesterinwert nachgewiesen wird. Dieser Nachweis wäre dann über Bruchstücke von Tumor-Erbgut möglich, die im Blut zirkulieren, oder über die Tumorzellen selbst.

Noch nicht geeignet für die Klinik

Noch sind derzeit erprobte Tests nicht reif für den praktischen Einsatz – aber Forscher der Johns Hopkins Universität haben jetzt mit Kollegen aus Dänemark und den Niederlanden eine der bisher interessantesten Studien dazu veröffentlicht (im Journal Science Translational Medicine):

Sie hatten Blut- und Gewebeproben von 200 bereits diagnostizierten Krebspatienten (Brust, Lunge, Eierstock, Dickdarm) zur Verfügung – von Krebs in einem frühen bis zu einem späten Stadium.

Dann setzen sie ihren neuen Bluttest ein:

75 Prozent der Erkrankungen in einem Spätstadium konnten damit nachgewiesen werden. Was aber besonders interessant war:

62 Prozent der Erkrankungen in den frühen Stadien I und II wurden korrekt diagnostiziert – in diesen Stadien sind die Heilungschancen noch deutlich größer. "Diese Studie zeigt, in welche Richtung es geht, aber eine Erkennungsquote von 62 Prozent ist für einen Routeneinsatz noch zu wenig", sagt Prof. Holger Sültmann, Leiter der Abteilung Krebsgenomforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg zum KURIER. Ein Problem dabei: Es gibt auch Tumore, die keine veränderten DNA-Segmente ins Blut abgeben.

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Mit dem Test wurden DNA-Bruchstücke von 58 Genen untersucht, die bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen. "Wir suchen dabei die Nadel im Heuhaufen", sagt der Onkologe Victor Velculescu vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in einerAussendung seiner Universität. "Viele Tumore – etwa Lungenkrebs – werden erst spät erkannt, weil sie lange keine Symptome machen", so Sültmann. "Ein Nachweis über eine Blutprobe könnte in Risikogruppen die Früherkennung verbessern."

Für feste Tumore gibt es derzeit keine eindeutige Möglichkeit der Früherkennung über das Blutbild:

Zwar kann der Wert des Eiweißstoffes c-reaktives Protein (CRP) bei einem Tumor erhöht sein – die Ursache könnte aber genauso gut eine Infektion, Rheuma oder eine Verletzung sein.

Aus dem Blut wird auch der PSA-Wert ermittelt. Eine Erhöhung kann als Ursache ein Prostatakarzinom haben – muss aber nicht: Auch langes Radfahren oder eine gutartige Prostatavergrößerung können den Wert ansteigen lassen: "Es ist eben ein Prostatamarker, kein Tumormarker", sagt Sültmann.

Für die Früherkennung von Darmkrebs wird auch Stuhl auf nicht sichtbares Blut untersucht (Hämoccult-Test): Aber dabei geht es nur um den Nachweis, nicht die Analyse von Blut – und es gibt viele andere Blutungsursachen als Darmkrebs (z.B. Hämorrhoiden).

Kein Test für alle

Ein Bluttest auf Krebserkrankungen als Vorsorgetest für die ganze Bevölkerung sei auch in einigen Jahren nicht realistisch, betont Sültmann: Selbst, wenn die Tests noch genauer werden, würde es viele falsche Alarme geben, die bis zum Vorliegen einer detaillierten Abklärung die Betroffenen beunruhigen: "Und auch die Kosten werden dagegen sprechen." Risikogruppen (etwa starke Raucher, erbliche Krebserkrankungen in der Familie) könnten aber in einigen Jahren sehr wohl davon profitieren, als zusätzliche Vorsorge: "Wie lange es bis dahin dauert, lässt sich heute aber noch nicht sagen."

Wo es schon eine gezielte Anwendung gibt

Charakteristische genetische Merkmale von Tumorgewebe entscheiden heute schon in vielen Fällen darüber, welche Therapie angewandt wird. Diese Merkmale werden zunächst mit Hilfe des entnommenen Tumorgewebes bestimmt. „Aber mit Blutproben kann man heute in bestimmten Fällen frühzeitig erkennen, ob die Tumorzellen auf die Therapie schon resistent – unempfindlich – werden“, sagt Krebsgenomspezialist Sültmann: „In diesem Fall steigt die Zahl der im Blut nachgewiesenen Tumor-DNA an.“

Mit einem derartigen „Tumormonitoring“ kann man die Therapie schon ändern, bevor es wieder zu einem Tumorwachstum kommt. Und: „Mit Verfahren wie der Liquid Biopsy kann man dann auch abschätzen, welche Therapie am erfolgversprechendsten ist“, sagen Lungenkrebs-Spezialisten. Allerdings gilt das nur für Patienten, die bereits eine Diagnose haben und unter Therapie stehen. Hier kennt man die genetischen Veränderungen des Tumors – deshalb ist ein solcher Bluttest auch viel einfacher als eine Krebs-Vorsorgeuntersuchung , bei der wesentlich mehr DNA-Veränderungen abgetestet werden müssen.

Deshalb ist die neue Studie auch so bahnbrechend: Weil da gelang in vielen Fällen der Krebsnachweis, ohne vorab die konkreten Gen-Veränderungen zu kennen.