Kindesmissbrauch: Hinschauen hilft

Symbolbild Kindesmissbrauch - Kleinkind mit Teddybär in der Hand
Foto: KURIER/Berger

Noch immer handelt jeder Vierte bei Verdacht nicht. Aber die Österreicher werden sensibler – 2009 war es noch jeder Dritte.

Die Österreicher schauen genauer hin, wenn sie vermuten, dass ein Kind sexuell missbraucht wird. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Karmasin im Auftrag der „möwe" gemacht hat. Hedwig Wölfl, fachliche Leiterin dieser Kinderschutzorganisation: „Ein Viertel der Österreicher unternimmt nichts. Grund: Viele sind mit der Situation überfordert." Sophie Karmasin, die die Ergebnisse präsentierte, ergänzt allerdings: „Vor drei Jahren gab noch ein Drittel der Befragten an, sie würden bei einem Verdacht nicht eingreifen."

Hat jemand einen Verdacht, „so sollte er nicht zu früh Anzeige erstatten", rät Wölfl. „Das ist nicht immer im Sinne der Kinder." Gibt es nur vage Anzeichen, so sei es besser, Experten zu Rate zu ziehen. Etwa die „möwe": „Wir haben eine Hotline und eine Online-Beratung."

Sexueller Missbrauch passiere immer dann, „wenn ein Erwachsener seine Autoritätsposition zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse verwendet." Dazu gehöre schon, wenn jemand anzügliche Bemerkungen macht. Kinder, die großer sexueller Gewalt ausgesetzt sind, können das Erlebte ohne fachliche Hilfe nicht aufarbeiten. Dazu seien die Kinderschutzzentren da. Eine weitere zentrale Aufgabe der „möwe" ist die Präventionsarbeit. Durch Workshops an Schulen werden Kindern Botschaften vermittelt wie: „Über deinen Körper darfst du selbst bestimmen."

INFO: www.die-moewe.at, Tel: 0800 80 80 88

Interview: "Manche leiden ihr Leben lang"

Martina Fasslabend Foto: KURIER/Christandl Wissen hilft: möwe-Präsidentin Fasslabend will stärker aufklären

Martina Fasslabend ist Präsidentin der Kinderschutzorganisation „möwe". Der KURIER sprach mit ihr über die neueste Umfrage und die Arbeit der Organisation.

KURIER: Fast alle Österreicher wünschen sich härtere Strafen bei Kindesmissbrauch. Wie stehen Sie dazu?
Martina Fasslabend: Die Untergrenze von sechs Monaten halte ich für zu wenig. Da steht die Strafe in keinem Verhältnis zum Schaden, den die Tat anrichtet. Der Strafrahmen (maximal 15 Jahre) sollte ausgenützt werden. Positiv sehe ich, dass endlich die Verjährungsfrist hinaufgesetzt wurde.

Die Österreicher schauen jetzt genauer hin. Das ist doch ein Fortschritt.
Ja, Menschen, die sich vorher mit dem Thema beschäftigt haben, handeln eher. Deshalb ist unsere Aufklärungsarbeit bei der „möwe" und ähnlichen Organisationen so wichtig. Wir arbeiten besonders mit Schulen und Sportvereinen zusammen. Wir wollen den Menschen dort Mut machen, sich einzumischen, wo nötig.

Sie beklagen, dass Kinder auch unter psychischer Gewalt leiden.
Heute weiß fast jeder, dass die „g`sunde Watsch`n" nicht in Ordnung ist. Wenn Eltern ihre Kinder ohrfeigen, haben sie zumindest ein schlechtes Gewissen. Aber psychische Gewalt kann genau so schlimm sein – wenn ein Kind ständig gedemütigt wird. Oder wenn Eltern mit Kindern nicht sprechen, weil sie das als „Strafmaßnahme" sehen. Erschütternd ist, dass Menschen solche Erlebnisse oft 30, 40 Jahre lang nicht loslassen.

Was hilft betroffenen Kindern?
Psychologen unterscheiden zwischen Akut- und Spätfolgen von Gewalt. Dass ein Mensch ein Leben lang unter dem Erlebten leidet, kann man vermeiden, indem er rasch die richtige Hilfe bekommt.

Wie sieht diese Hilfe aus?
Da braucht es Vertrauenspersonen, die für das Kind da sind. Das sollte am besten immer die gleiche Person sein, weil diese Kinder ja bereits in ihren Beziehungen verunsichert wurden.

(kurier) Erstellt am
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