Wissen und Gesundheit
07.07.2017

Kakao durch die Nase: Experten warnen

Ein Amerikaner brachte ein spezielles Pulver für den "legalen Kick" auf den Markt. Über die Auswirkungen ist zu wenig bekannt.

Kakao kann man auf viele Arten genießen. Das Pulver durch die Nase zu schnupfen, ist eher ungewöhnlich. Genau das ist mit einem neuen Produkt des US-Amerikaners Nick Anderson möglich. Das ungesüßte Kakaopulver "Coco Loko" wird mit Gingko, Taurin und Guarana gemischt.

Wie ein Energy-Drink

Dadurch soll es ähnlich wie Energy-Drinks wirken. In der Washington Post beschrieb das Anderson, 29, so: "Du bist euphorisch, aber auch motiviert, Dinge zu erledigen." Das Gefühl soll bis zu einer Stunde anhalten. Dazu sollen Glücksbotenstoffe wie Serotonin und Endorphine ausgeschüttet werden. Und das Pulver soll Stress und Ängste reduzieren. Fast ein Wundermittel, möchte man glauben.

Kritik von Experten

Doch Experten sehen das Produkt kritisch. Nicht nur, weil die "Food and Drug Administration", die amerikanische Lebensmittel- und Arzneibehörde, "Coko Loco" noch gar nicht geprüft hat. Es gibt von wissenschaftlicher Seite auch keine Studien über die Auswirkungen von geschnupftem, also eingeatmeten Kakao. "Toxikologisch gibt es viele Aspekte, die Auswirkungen haben könnten. Wir wissen, dass etwa kleinste Nanopartikel sich im Körper anders verhalten als größere und dass dies zu unerwünschten Reaktionen führen kann", sagt Rainer Schmidt. Der Wiener Toxikologe ist wissenschaftlicher Leiter der Drogenberatungsstelle "Check it". Dazu kommt eine schnelle Reizung der empfindlichen Nasenschleimhäute durch geschnupfte Substanzen, was langfristig zu Schäden führt. Britische Ärzte warnen zudem vor Lungenschäden durch das feine Pulver.

Trend: Suche nach dem schnellen Kick

Dass der Kakao gesnifft wird, sieht Schmidt deshalb problematisch, weil auch die meisten Drogen geschnupft werden. "Es ist die schnellste Art, dass Substanzen ins Gehirn gelangen. Der Kick wird primär dadurch erlebt, dass die Substanz in einer relativ hohen Dosis ankommt." Ob eine "Line" Kakao der Einstieg zu harten Schnupf-Drogen wie Kokain oder Speed sein wird könne noch nicht gesagt werden. "Der Trend geht aber eindeutig in die Richtung, schneller zu einem Kick kommen zu wollen." Kakao-Sniffer sind in der heimischen Party-Szene noch nicht aufgefallen. "Kokain tritt häufiger auf. Das ist kein Trend, den man sich wünscht."

Aufputschendes Theobromin

Sich mit Kakaopulver aufzuputschen ist keine völlig neue Idee. Genutzt wird dabei die anregende, koffeinähnliche Wirkung von Theobromin, das in ungesüßtem Kakao enthalten ist. Es zählt zu den psychotropen Substanzen und wirkt auf das Nervensystem. In Berlin und anderen großen Städten wird auf manchen Partys sogar dickflüssiger Kakao statt Alkohol ausgeschenkt oder in Pillen verkauft. Der Weg zum Kick über die Nasenschleimhäute scheint da nicht mehr weit. Auch Nick Anderson entdeckte den Trend in Europa, gesteht er im Interview.

Die Nase vorn hatte hier auf jeden Fall der belgische Chocolatier Dominique Persoone. Er verkauft Kakaopulver mit Minze und Ingwer, das die Atemwege öffnen soll – samt einem "Chocolate Shooter", um es sich in die Nase zu schießen. Er entwickelte das Set 2007 im Auftrag der Ehefrauen der "Rolling Stones" Ron Wood und Charlie Watts für deren Geburtstagsfeier. Angesichts ihrer Vergangenheit wohl ungefährlicher, als jahrzehntelang nach dem Motto Sex, Drugs & Rock ’n Roll zu leben.