Wissen und Gesundheit
06.06.2017

Die hohe Kunst, gelassen und humorvoll alt zu werden

Der 77-Jährige Therapeut Uwe Böschemeyer weiß, wie wichtig es ist, im Alter die Hoffnung zu suchen.

Alt ist wie jung – nur besser. Wenn einer das sagen darf, dann Uwe Böschemeyer. Nicht nur, weil er selbst schon den 77. Geburtstag gefeiert hat, sondern auch, weil er in seiner psychotherapeutischen Praxis täglich mit Menschen zu tun hat, die ein stattliches Alter erreicht haben.

Sich mit dem Thema des Älterwerden auseinanderzusetzen, fiel aber auch ihm nicht ganz leicht, wie er erzählt: "Als mein Verleger auf mich zukam und mir ein Buch mit dem Titel vorschlug, ,Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern‘, schossen mir zwei Dinge durch den Kopf: ,Das also soll mein letztes Buch werden. Mein Verleger hält mich wohl für ein Auslaufmodell.‘ Doch dann ging in mir etwas vor, was ich noch nie erlebt hatte. Es war, als hätte ich einen wunderschönen Berggipfel gesehen, der mir bisher verborgen geblieben war. Die Ideen sprudelten nur so. Bis in den späten Abend hinein notierte ich, was mir einfiel und sagte voller Begeisterung: ,Das ist mein Buch.‘"

1,2 Millionen Senioren in Österreich

Böschemeyer spricht damit eine große Bevölkerungsgruppe in Österreich an: Fast 1,2 Millionen Menschen sind laut Statistik Austria 70 Jahre oder älter. Das entspricht einem Anteil von mehr als 13 Prozent.

Doch nicht nur Senioren sollten sein Buch lesen. Wer ein beglückendes Alter erleben will, sollte die Weichen dafür schon recht früh stellen. Doch auch wenn man die 70, 80 oder gar 90 erreicht hat, kann man sein Leben noch aktiv gestalten, sagt er im KURIER-Interview.

KURIER: Fangen wir doch gleich mit dem Titel Ihres Buches an: "Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern." Was bedeutet gescheitertes Alter für Sie überhaupt?

Uwe Böschemeyer: Frustration, Perspektivlosigkeit, Einsamkeit, Mangel an Sinn, Resignation. Aber: Gescheitertes Alter ist keine schicksalhafte Notwendigkeit. Ein Mensch scheitert, wenn seine Resignation seine Hoffnung blockiert. Hoffnung aber ist das erste, was er braucht, wenn das Scheitern droht.

Was war Ihr Bild vom Altsein, als Sie 20, was als Sie 50 Jahre alt waren?

Mit 20 war für mich die Gegenwart die Ewigkeit. Mit 50 beschäftigten mich hin und wieder Gedanken, mein Leben könnte endlich sein. Erst in den 60ern begriff ich, dass die Sterne einmal ohne mich leuchten werden.

Was ist schön und erstrebenswert daran, alt zu sein?

Zunächst: Keine Zeit ist besonders beglückend oder schwierig. Wie wir sie finden, hängt vor allem von unserer Einstellung zu ihr ab, das heißt davon, was wir in ihr suchen: das Schöne, Befreiende oder das Schwierige, Einengende. Meine Erfahrung, die ich mit nicht wenigen Alten teile: Alternde oder alte Menschen haben die Möglichkeit, gelassener, weitsichtiger, humorvoller zu werden und – das wirklich Wichtige zu begreifen.

Sie zitieren C. G. Jung: "Es gibt immer etwas Neues, das vor mir liegt." Wirklich? Kann das jeder sagen? Auch der, der kein Geld mehr hat, um sich mehr als das Nötigste zu leisten? Auch der, dessen Familie und Freunde schon alle "weggestorben" sind?

Nicht jeder, aber nicht wenige. Weil jeder Mensch einzigartig ist, sind auch die Situationen seines Lebensweges einzigartig, also immer wieder neu. Worauf kommt es an? Das Wichtigste: ob ich resigniere oder nach der Hoffnung in mir selbst suche. Hoffnung aber ist etwas spezifisch Menschliches.

Sie sind ein großer Befürworter der Eigenverantwortung: Was würden Sie einem jungen Menschen, so um die 30, 40 Jahre, raten – was soll er tun, um einem Scheitern vorzubeugen? Und was kann ich als alter Mensch noch tun, um positiv in den Tag zu starten?

Den jungen Menschen würde ich fragen: Wie war dein Leben? Was solltest du unbedingt fortsetzen, was nicht? Willst du wirklich frei sein? Was ist für dich die Hauptsache? Und lebst du hauptsächlich, was für dich die Hauptsache zu sein scheint?

Dem alten Menschen würde ich sagen: Jeder Tag gleicht einer Straße mit frischem Schnee. Deshalb lass dir an jedem Morgen Zeit für drei Fragen. Erstens: Was will ich heute unbedingt erleben? Zweitens: Was könnte mich daran hindern, wirklich hindern? Drittens: Worauf will ich heute vor allem sehen: auf das Schwierige oder auf das Mögliche?

Sagen würde ich ihm oder ihr auch: Ist dir bewusst, dass du – wie alle anderen auch – im Leben bist?

Sie sind immer noch praktizierender Psychotherapeut: Woran leiden alte Menschen am meisten? Und wie sinnstiftend ist es für Sie, dass Sie lange jenseits des Pensionsalters noch arbeiten?

Sie leiden daran, dass der Körper anders will als die Seele. Dass das gesellige Leben von einst nur noch eingeschränkt stattfindet. Dass sie mit wichtigen Menschen nicht versöhnt sind. Dass ihr Leben nicht mehr sinnvoll ist. Dass ich noch praktiziere, erfüllt mich mit Sinn, täglich. Komme ich abends nach Hause, staune ich oft über meine Frische. Sie kommt daher, dass ich nicht mit mir, sondern vor allem mit anderen zu tun habe und mich frage, wie ich das jeweilige Problem lösen kann.

Was kann noch der Sinn des Lebens sein, wenn man weiß, dass die Jahre, die noch vor einem liegen, immer weniger werden?

Mein Lehrer Viktor Frankl ging davon aus, dass man Sinn finden kann, solange man lebt. Als ich jung war, hörte ich den Satz mit größter Skepsis. Heute weiß ich, dass er wahr ist. Inzwischen weiß ich auch: Man sollte nicht die Jahre zählen, sondern sich fragen, wozu mich der heutige Tag herausfordert.

Sie sagen, Humor sei wichtig. Bleibt vielen alten Menschen nicht das Lachen im Halse stecken, angesichts des nahenden Endes?

Worauf sehe ich: Auf das nahe Ende oder auf diesen Tag, an dem ich noch lebe? Fixiere ich mich auf meine letzte Stunde oder genieße ich die Gunst, am Leben zu sein und (hoffentlich!) daran noch teilnehmen zu können? Und: Wer wagt zu behaupten, dass das Ende zu einer Katastrophe wird?

Haben Sie ein Vorbild, also jemanden, der das Altern besonders gut meistert?

Ja, mein Großonkel, der leider nicht mehr lebt. Er verlor im Krieg seine beiden Söhne, bald danach seine Frau. Er war der heiterste Mensch, dem ich begegnete. Eine Kostprobe: Er sah seinen grau gewordenen Hund an, lachte und sagte: "Bobby, ist das nicht toll? So alt sind wir – und wir leben noch."

Die Liebe, die Beziehung zu anderen Menschen, macht das Leben lebenswert und erfüllt es mit Sinn. Man hat den Eindruck, dass heute der Narzissmus dominiert, der Beziehungen unmöglich macht. Was heißt das für die zukünftigen Alten?

Narzissmus ist Gift für die Seele! Dass die Liebe die schönste und heilsamste Möglichkeit für Menschen ist, insbesondere für alternde und alte, gehört zu meinen kostbarsten Erfahrungen im Beruf. Ob man das Lieben lernen kann? Man kann. Und glücklich zu nennen ist, wer damit früh genug beginnt.

Zur Person: Uwe Böschemeyer ist 1939 in Oranienburg (in der Nähe Berlins) geboren. Er studierte evangelische Theologie, Psychologie und Philosophie. Der Schüler Viktor Frankls gründete mit dessen Zustimmung das erste deutsche Institut für Logotherapie. Er ist Rektor der Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeits- bildung und Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse in Salzburg, wo er derzeit wohnt.

Uwe Böschemeyer: Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern. Verlag Ecowin, 24 Euro