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10/12/2012

„Ich habe keine Angst vor dem Tod“

Was kommt nach dem Leben? Tut Sterben weh? Bernard gibt Antworten auf die letzten großen Fragen. Tausende Menschen lesen seine Bücher, besuchen seine Vorträge.

von Birgit Braunrath

Als Treffpunkt schlägt Bernard Jakoby den Friedhof Inzersdorf in Wien 23 vor. Der sei ganz in der Nähe von seinem Hotel, erzählt er. Der Berliner Sterbeforscher befindet sich rund um Allerheiligen auf Vortragsreise durch Österreich. Er selbst nennt es "Tournee". Aber das klingt eigenartig populär angesichts des Themas.

Sterben. Für viele Menschen immer noch ein Tabu; ein Lebensthema, das im Leben nichts zu suchen hat.

Bernard Jakoby holt den Tod aus der Tabuzone heraus. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit dem Sterben, hat mit mehr als eintausend Menschen gesprochen, die durch klinischen Tod, Schockzustände oder tiefe Bewusstlosigkeit Nahtoderlebnisse hatten, hat Tausende Berichte über Nahtoderfahrungen weltweit studiert und hat das Sterben bei seinen krebskranken Eltern aus nächster Nähe über Jahre bewusst miterlebt. Diese Erfahrungen haben ihn zum Schluss geführt: "Wir sind hier, um lieben zu lernen."

KURIER:

Herr Jakoby, wir gehen über den Friedhof. Besuchen Sie gern Friedhöfe, wenn Sie in anderen Städten sind?

Bernard Jakoby:

Früher schon, heute nicht mehr. Weil ich denke, dass die Verstorbenen nicht da sind.

Wer ist da, was finden wir auf dem Friedhof?

Den abgestreiften Körper. Die Seele ist ja unsterblich und durch die Liebe weiter mit uns verbunden.

Was ist dagegen einzuwenden, dass Menschen zu Allerheiligen hierher kommen und Zwiesprache mit ihren Toten halten?

Absolut nichts! Viele brauchen das. Ich kenne Menschen, die gehen jeden Tag auf den Friedhof, als festes Ritual. Das Grab ist für sie der Ort, wo sie Kontakt mit dem Verstorbenen aufnehmen können, ihn spüren.

Immer mehr Menschen wollen heute die Urne mit der Asche eines geliebten Menschen bei sich haben, etwa im eigenen Garten . . .

Ich denke, dass manche sich da an die Reste anklammern. Das bringt nichts. Wir sollten die Verstorbenen lieber im Herzen tragen. Es geht darum, den Schmerz aufzulösen. Und das kann ich nur, wenn ich die Dinge annehme, wie sie sind.

Das sagt sich so leicht!

Das sagt sich leicht – und ist das Schwerste überhaupt. Aber ich merke in vielen Seminaren: Wenn Menschen nicht an diesen Punkt gelangen, dann sind sie traumatisiert, weil sie im Schmerz feststecken. Man wird nicht eher Frieden finden, bis man vielleicht – im schlimmsten Fall – dem Mörder seines Kindes vergeben kann. Denn durch die Wut, durch den Groll wird das Leben unerträglich. Das ist, was ich mit "Lieben" meine: die Dinge akzeptieren. Es fängt ja schon im Leben an. Die wenigsten können den anderen so akzeptieren, wie er ist. Alles ist an Bedingungen geknüpft: "Wenn du Arzt wirst, bist du mein geliebter Sohn." Vielleicht will der Sohn aber Musiker werden!

(Wir gehen an einem Grabstein vorbei, auf dem ein toter Vogel aus Marmor liegt, Hals und Kopf hängen nach unten.)

Ist das ein toter Vogel aus Stein? Auweia, das ist ja schrecklich!

Wie wollen Sie einmal begraben sein?

Das ist mir eigentlich ziemlich egal.

Wie finden Sie es, wenn Menschen ihre eigene Beerdigung zu Lebzeiten genau planen?

Das finde ich positiv, weil sie sich mit dem Sterben intensiv auseinandersetzen. Wenn ich plane, wie ich es gerne haben will, ist das eine Vorbereitung auf das Sterben.

Ist der Tod der Höhepunkt des Lebens?

Ich denke schon. Er ist der Übergang in eine andere Form des Seins.

Mit diesem "Übergang" beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren. Inwieweit hat da der Tod Ihrer Eltern eine Rolle gespielt?

Zunächst erkrankte meine Mutter an Krebs, zwei Jahre später mein Vater, und dann lief das ganze Drama parallel ab. Das habe ich über vier Jahre begleitet und tiefe Einblicke in den Sterbeprozess bekommen. Die eigentliche Initialzündung war dann, dass meine Mutter sich im Augenblick des Todes spürbar bei mir verabschiedet hat. Da wurde mir klar, dass genau in diesem Augenblick etwas freigesetzt wird, nennen wir es Seele oder Bewusstsein, etwas, das mit einer Ich-Identität ausgestattet ist. Die Seele löst sich langsam vom Körper, wir begeben uns sozusagen ins Außerkörperliche und kriegen alles mit, was um uns herum geschieht.

Klingt das nicht etwas esoterisch?

Meine Seminare und Vorträge wenden sich immer an das große, bürgerliche Publikum, nicht an esoterische Kreise. Die meisten Menschen kommen, wenn Sie selbst einen Todesfall in der Familie haben. Für mich sind Nahtoderfahrungen eine empirische Tatsache. Mit Esoterik hat das nichts zu tun.

Sie sind überzeugt, dass die Seele weiter existiert. Wie bekehren Sie jene, die sagen: "Es gibt keine Seele, nach dem Tod ist es aus"?

Gar nicht. Es bringt ja nichts, jemanden von Dingen überzeugen zu wollen, die einfach so sind. In den vergangenen 40 Jahren wurden millionenfach Nahtoderfahrungen bis in winzigste Details erforscht.

Wie sehen die Ergebnisse aus? Was kommt nach dem Leben? Was erleben Sterbende?

Sie erleben Frieden und Schmerzfreiheit und befinden sich außerhalb des Köpers. Verstorbene machen alle Erfahrungen aus einem Ich-Bewusstsein heraus. Sonst wäre es gar nicht möglich, dass jemand nachher darüber berichten kann. Man kommt in einen erweiterten Bewusstseinszustand, Raum und Zeit sind aufgehoben. Nur so erklärt sich, dass ein Sterbender, der an seine Mutter denkt, sich direkt in ihrer Gegenwart befindet und später genau sagen kann, was sie zu dem Zeitpunkt getan hat und welcher Song im Radio lief.

Heißt das, Menschen, die klinisch tot waren, wissen Dinge, die sie eigentlich nicht wissen können?

Genau. Eines meiner liebsten Beispiele: Eine Frau hat nach einem schweren Verkehrsunfall eine Kaiserschnittgeburt. Sie liegt auf dem Operationstisch, ihr Bewusstsein tritt aus dem Körper aus, sie schaut zunächst zu, wie die Ärzte um ihr Leben kämpfen, dann denkt sie an ihre neugeborene Tochter und sieht, wie diese im Nebenraum gebadet wird. Dann denkt sie an ihren Sohn, der befindet sich gerade auf Sylt und nimmt in einem Hotel das Abendessen zu sich. Später kann sie den Raum, in dem er isst, genau beschreiben.

Kritiker meinen, Sauerstoffmangel und Endorphin-Ausschüttung können Halluzinationen hervorrufen . . .

Halluzination ist ein ungeordnetes Erleben, mit Angst verbunden. Insofern kann eine Nahtoderfahrung keine Halluzination sein.

Und was ist mit dem oft zitierten Tunnel?

Das ist der berühmte Übergang, wo sich das Bewusstsein noch einmal erweitert, sodass es zu Begegnungen mit Verstorbenen kommen kann. Und dann sieht man am Ende dieses Tunnels das Licht, das immer als die größte Liebe beschrieben wird, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Haben Sie Angst vor Ihrem eigenen Tod?

Nein. Aber ich würde lügen, wenn ich nicht sage, dass ich es unangenehm fände, starke Schmerzen zu haben. Ich habe keine Angst vorm Tod. Wenn, dann Angst vorm Sterben.

Tut Sterben weh?

Sterben ist mitunter schon mit Schmerz verbunden. Denken Sie an Krebserkrankungen. Aber viele Krebskranke, die Nahtoderlebnisse hatten, berichten: Sobald der Körper verlassen wird, hört jeder Schmerz auf. Meine Mutter ist auf schreckliche Weise gestorben, es war nicht einfach, da dabei zu bleiben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man einfach nur die Hand hält, geht der Schmerz wie eine Welle durch, und dann beruhigt es sich wieder.

Ist jedem Menschen eine Sterbestunde fix?

Ich denke, kein Tod ist ein Zufall. Wir können ihn nur rauszögern durch die modernen Möglichkeiten der Medizin, aber wir können ihn nicht kontrollieren. Wenn der Zeitpunkt da ist, ist er da.

Wie stehen Sie dann dazu, wenn auf Ihrer Zigarettenpackung steht: "Raucher sterben früher!"?

(Er lacht und holt die Zigarettenpackung aus der Sakko­tasche, sie steckt in einem schwarzen Lederetui.) Dafür hab ich so eine Art Kondom, damit ich’s nicht sehe. Aber ich denke, wir sind auch ein Stück weit unsere Glaubenssätze. Ich glaub’ das einfach nicht. Denn dann dürften wir so viele andere Dinge auch nicht tun.

Was ist für Sie der höchste irdische Genuss?

Meine Zigaretten und ein schönes Bie r!

Das darf auch sein?

Ja, das ist wichtig. Ich denke nicht, dass man als Asket durch die Gegend laufen muss. Man soll das tun, was einem guttut. Wenn mir ein Schnitzel schmeckt, dann freu ich mich. Worüber soll ich mir da Gedanken machen?

Über das Tier, das dafür sterben musste?

Ja gut, dann könnten Sie noch damit kommen, dass man sich auch von Licht ernähren kann, das haben doch schon einige versucht. Aber bitte, ich finde: Jeder nach seiner Fasson!

Denken Sie zu Allerheiligen an Ihre Eltern?

In den ersten Jahren nach dem Tod meiner Mutter war es mir unheimlich wichtig, möglichst oft an ihr Grab zu gehen. Heute spielt das keine große Rolle. Ich weiß einfach, dass meine Mutter mich ein Stück weit begleitet.

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