Auch Zugvögel sollen aus von der Raumstation ISS ĂŒberwacht werden.

© APA/ZB/Patrick Pleul

Wissen

Icarus hebt endlich ab - und beobachtet Tiere aus dem All

Nach fast 20 Jahren Planung soll das deutsch-russische Projekt Icarus nun auf der ISS starten.

07/03/2019, 08:17 AM

Martin Wikelski steht unter Strom. Vor rund 18 Jahren hat er das Projekt Icarus erdacht und konzipiert. Und nun steht die Beobachtung von Tierbewegungen aus dem All kurz vor dem Start. Am 9. Juli sollen die Bordcomputer auf der ISS eingeschaltet werden. „Das ist wie ein Traum“, sagt der Direktor am Max-Planck-Institut fĂŒr Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee. „Man sitzt da und trĂ€umt jahrelang immer bloß - und dann denkt man: Moment, jetzt wird das wirklich Wirklichkeit, das kann doch nicht sein! Wir können es noch gar nicht fassen.“

Zum Schutz von Tier und Mensch

Die Idee hinter Icarus - International Cooperation for Animal Research Using Space: Verschiedene Tiere - etwa Zugvögel, aber auch BĂ€ren oder Ziegen - sollen mit Mini-Sendern ausgestattet und mit Hilfe der Internationalen Raumstation ISS aus dem All beobachtet werden. Wikelski und sein Team erhoffen sich davon Aufschluss ĂŒber die Wanderrouten von Tieren auf der Erde. Zum einen, um zum Schutz der Arten beitragen zu können, etwa indem man Schutzzonen anpasst und verbessert. Zum anderen zum Schutz von Menschen - denn Tiere können bei ihren Wanderungen etwa auch Krankheitserreger verbreiten. Das Wissen ĂŒber ihre Routen könnte daher helfen, Epidemien vorzubeugen, einzudĂ€mmen oder zurĂŒckzuverfolgen. Zudem könnte Icarus als FrĂŒhwarnsystem fĂŒr Naturkatastrophen wie Erdbeben und VulkanausbrĂŒche dienen. Denn bereits in der Vergangenheit gab es Hinweise darauf, dass Tiere sich vor solchen Ereignissen auffĂ€llig verhalten, etwa unruhig werden.

Neues VerstÀndnis vom Leben auf der Erde

Das Besondere an Icarus sei, dass die Daten, die die vielen Sender sammeln, zusammengefĂŒhrt wĂŒrden, sagt Wikelski. Durch die Kombination aller Informationen erhalte man ein völlig neues VerstĂ€ndnis vom Leben auf der Erde. „Wir können in diesem Tierkollektiv Sachen messen, die wir vorher einfach nie sehen konnten“, sagt Wikelski. „Es ist im Endeffekt der sechste Sinn der Tiere, den wir abgreifen.“
Anfangs hatte Wikelski seine Idee der US-Raumfahrtbehörde Nasa vorgestellt - die allerdings ablehnte. 2014 stieg stattdessen die russische Raumfahrtagentur Roskosmos mit ein. Auch die Max-Planck-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum fĂŒr Luft- und Raumfahrt (DLR) und die UniversitĂ€t Konstanz sind maßgeblich beteiligt. Die deutschen Partner finanzieren die Entwicklung der Technik, die Russen kĂŒmmern sich um den Transport und die Installation im All.

BÀren, Vögel, Ziegen unter Beobachtung aus dem All

Im vorigen August wurde die Icarus-Antenne bei einem Außenbordeinsatz am russischen Segment der ISS installiert. Ein Computersystem in der Station soll die empfangenen Daten verarbeiten. Im Rahmen von Icarus wollen Forscher etwa Papageien in Nicaragua in der NĂ€he eines Vulkans beobachten, Ziegen in Italien besendern und BĂ€ren als ErdbebenwĂ€chter auf der ostrussischen Halbinsel Kamtschatka nutzen. In den nĂ€chsten Jahren sollen mehrere Zehntausend Tiere mit den Sendern ausgestattet werden. Diese ĂŒbermitteln nicht nur die Position eines Tieres, sondern auch seine Beschleunigung, die Ausrichtung zum Magnetfeld der Erde, die Umgebungstemperatur sowie Luftdruck und Feuchtigkeit.
Dabei wiegen die zwei Quadratzentimeter kleinen Sender nur fĂŒnf Gramm, wie das DLR mitteilt. „Gerade mal so groß wie ein Daumennagel, werden sie mit Solarenergie betrieben und beherbergen eine komplexe Sende- und Empfangseinheit sowie Sensoren zum Aufzeichnen der Tierbewegungen und einen Datenspeicher.“

Kommunikation zwischen Minisender und ISS

Die Kommunikation zwischen Sender und ISS-Antenne beschreibt das DLR folgendermaßen: Sobald sich die ISS einem besenderten Tier nĂ€hert, weckt ein integrierter Timer den Sender aus dem Energiespar-Modus. Der Sender berechnet dann, wann die Raumstation vorbeikommt. Zu diesem Zeitpunkt schaltet sich der Sender ein und ĂŒbermittelt die aufgezeichneten Daten an die ISS. Von dort werden sie zum Kontrollzentrum in Moskau gesendet, von wo aus sie zum Icarus-Nutzerdatenzentrum in Konstanz weitergeleitet werden. „Dort speisen Wissenschaftler die Daten in eine weltweite Datenbank fĂŒr Tierbewegungen, die sogenannten “Movebank„, ein“, schreibt das DLR. „So werden sie fĂŒr die wissenschaftliche Nutzung zugĂ€nglich.“

Offizieller Start am 9. Juli 2019

Wenn nun am 9. Juli der Bordcomputer auf der ISS hochgefahren wird, testet das Programm zunĂ€chst das gesamte System samt AnschlĂŒssen und Antenne. Anschließend misst das System mithilfe der Antenne etwa zwei Wochen lang das elektronische Rauschen auf der Erde, um spĂ€ter die Signale der Tiersender zuverlĂ€ssig herausfiltern zu können. Ab November geben die Forscher um Wikelski und Projektkoordinatorin Uschi MĂŒller dann zunĂ€chst Hunderte Sender an kooperierende Forscherteams - etwa in Russland - aus. In den kommenden Jahren sollen dann Tausende Sender verteilt werden, deren Signale von der ISS-Antenne empfangen und weitergeleitet werden - „wie von einem riesigen Datenstaubsauger“, wie MĂŒller sagt. „Viele Gruppen weltweit wollen sich an dem Projekt beteiligen.“

NACHTRAG: Start verschoben

Wegen technischer Probleme ist der Start des deutsch-russischen Systems Icarus zur Erfassung von Tierbewegungen erneut verschoben worden. Eigentlich hĂ€tte der Computer auf der Raumstation ISS am 9. Juli 2019 eingeschaltet werden sollen, wie Projektleiter Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut fĂŒr Verhaltensbiologie in Konstanz sagte.

Die BelĂŒftung des GerĂ€ts habe allerdings nicht richtig funktioniert, weshalb der Computer wieder heruntergefahren wurde. Wann der zweite Versuch starten soll, war zunĂ€chst noch nicht klar. FĂŒr die Behebung der Probleme wĂŒrden Kosmonauten der ISS gebraucht, sagte Wolfgang Pitz vom Raumfahrtunternehmen SpaceTech aus Immenstaad am Bodensee. Die Firma ist an Icarus beteiligt und hat unter anderem die Antenne fĂŒr das Projekt entwickelt und gebaut. Auf der Raumstation gebe es jedoch einen engen Zeitplan fĂŒr die Kosmonauten. „Wir mĂŒssen sehen, wann sie es unterbringen können.“

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