Wissen und Gesundheit
07.09.2017

Höheres Sterberisiko bei Aufnahmen am Wochenende

Eine Studie mit Daten aus 119 heimischen Intensivstationen zeigt den sogenannten "Wochenend-Effekt". Die Gründe dafür dürften im organisatorischen Bereich liegen.

"Wir betreiben in Österreich eine sehr gute Intensivmedizin: Die Wahrscheinlichkeit, auf einer Intensivstation zu versterben, sinkt jedes Jahr um zwei bis drei Prozent": Das betonen Univ.-Prof. Philipp Metnitz (Leiter der Abteilung für Allg. Anästhesiologie, Notfall- und Intensivmedizin des LKH-Univ. Klinikums Graz) und sein Kollege Paul Zajic vorab. "Niemand, der auf eine Intensivstation kommt, muss beunruhigt sein. Die Überlebenschance ist heute um rund 30 Prozent höher als vor 15 Jahren."

In einer neue Studie (erschienen im Journal Critical Care)konnten die Grazer Forscher aber einen Effekt für Österreich eindeutig nachweisen, der auch aus Großbritannien bekannt ist – aber nicht in allen bisherigen Studien belegt werden konnte: Wer am Wochenende auf einer Intensivstation aufgenommen wird, hat ein leicht erhöhtes Risiko, in den folgenden Tagen zu versterben. Wer hingegen schon länger auf einer Intensivstation ist, hat am Wochenende ein geringeres Sterberisiko. Die Mediziner werteten die Daten von 167.425 Patienten aus 119 Intensivstationen der Jahre 2012 bis 2015 aus. Österreich gehört in der Intensivmedizin zu den Ländern mit den profundesten Daten – es gibt ein Zentrum für Dokumentation und Qualitätssicherung in der Intensivmedizin (ASDI), dessen Obmann Metnitz ist.

Ursachensuche

"Die leicht erhöhte Sterblichkeit bei am Wochenende aufgenommenen Patienten liegt je nach Patientengruppe bei bis zu zehn Prozent", so die Intensivmediziner. "Man muss die Frage stellen, woran das liegt, was man an den gewachsenen Spitalsstrukturen ändern müsste. Das können wir mit dieser Studie aber noch nicht eindeutig sagen."

Mehrere Faktoren könnten eine Rolle spielen:

  • Wie in allen Abteilungen gibt es auch auf Intensivstationen am Wochenende und in der Nacht weniger Personal. "Man weiß aus internationalen Studien: Wird etwa die Zahl der Pflegepersonen unter ein gewisses Maß reduziert, steigt die Sterblichkeit – es bleibt dann z. B. weniger Zeit für die ordentliche Händedesinfektion nach jedem Patienten, verschiedene Infektionen nehmen zu", sagt Metnitz: "In Österreich haben wir aber immer noch recht gute personelle Verhältnisse. Allerdings gibt es einen ökonomischen Druck und man muss aufpassen, dass sowohl im ärztlichen wie auch im pflegerischen Bereich nicht weiter Personal eingespart wird."
  • Am Wochenende werden weniger invasive Maßnahmen durchgeführt. "Weniger Maßnahmen heißt nicht automatisch schlechter – das muss man untersuchen."
  • Am Wochenende gibt es weniger Personal auch in anderen Fachbereichen des Spitals.
  • Bei zu häufigen Dienstwechseln (Stichwort Arbeitszeitverkürzung) können Informationen nicht optimal weitergegeben werden.
  • Metnitz: "Es geht sicher nicht um ein individuelles Versagen, auch nicht um einzelne Stationen. Es geht vor allem um die Optimierung organisatorischer Prozesse."