Gute Fette aus dem alten Flachs

Kanne, Öl: Abcmeoto/Fotolia
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Seine ungesättigten Fettsäuren machen das fast vergessene Leinöl jetzt für die moderne Wissenschaft interessant.

Seit hochwertige Öle und Fette als das gesunde i-Tüpferl moderner Ernährung gelten, rückt Leinöl zunehmend in den Blickwinkel. Die uralte Kulturpflanze Lein (auch Flachs genannt) wurde bis vor 150 Jahren intensiv in Mitteleuropa angebaut. Die Volksmedizin nutzte das daraus gepresste, kräftig gelbe und leicht nussig schmeckende Leinöl gegen allerlei Wehwehchen: Bei Magen- und Darmproblemen ebenso wie bei Hautleiden oder Husten.

Warum das funktionierte und was das Besondere am Leinöl ist, erforscht heute zunehmend die moderne Wissenschaft. Mittlerweile liegen zahlreiche Studien vor, die die Wirkmechanismen zeigen (siehe unten) . Das Öl wirkt unter anderem positiv auf die Gefäße und damit auf Herz- und Kreislaufsystem und Gehirnzellen und hemmt Entzündungen.

"Leinöl zählt aufgrund seiner guten Fettsäurezusammensetzung zu den hervorragendsten Ölen", erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Sabine Bisovsky. Es enthält als einziges Speiseöl mehr Alpha-Linolensäure als Linolsäure. Alpha-Linolensäure ist im Körper die Basis für die Produktion der Omega-3-Fettsäuren, die für die wohltuende Wirkung auf Herz und Gefäße verantwortlich sind. Sie zählen zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die über die Nahrung aufgenommen werden müssen.

Die Renaissance des Leinöls sieht die Öl-Expertin positiv. "Man muss nicht immer in die Ferne schweifen, um gesundheitlich wirksame Nahrungsmittel zu finden. Es ist gut, wenn man auf Pflanzen aus dem eigenen Kulturkreis zurückgreifen kann."

Ähnlich dachte der bekannt kritische Medizin-Journalist Hans-Ulrich Grimm, als er für sein neues Buch "Leinöl macht glücklich" recherchierte. "Lein war in früheren Zeiten die wichtigste Omega-3-Quelle. Fetter Meeresfisch wird erst jetzt dafür genutzt." Dabei verfüge Leinöl mit rund 50 Prozent über wesentlich mehr dieser hochwertigen Fettsäuren. Sein Fazit: "Lein ist unter den Nahrungspflanzen der beste Lieferant dafür. Durch die Konzentration auf fette Fische wurde er vernachlässigt." Dass Leinöl in den Anbauregionen gerne mit Milchprodukten wie Topfen gegessen wird, sieht Bisovsky als natürliche, ernährungsphysiologische Aufwertung. "Milchprodukte enthalten hauptsächlich gesättigte Fettsäuren. Mit Leinöl wird die Fettsäurezusammensetzung richtiggehend optimiert."

Kein Koch-Fett

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: "Durch seine spezielle Fettsäurezusammensetzung ist Leinöl sehr licht- und hitzeempfindlich. Zum Kochen kann man es nicht verwenden", betont Bisovksy. Sie setzt auf Abwechslung und Vielfalt: "Raps- oder Walnussöl sind da besser geeignet und sind auch recht gute Quellen für Alpha-Linolensäure."

Hans-Ulrich Grimm ergänzt: "Von Leinöl alleine kann man sich nicht ernähren." Im Alltag sei auch er ein Öl-Mischer. "Für selbstgemachte Mayonnaise mische ich Oliven-, Sonnenblumen- und Leinöl."

Positive Wirkung bei Zivilisationskrankheiten

Immer mehr Studien weisen darauf hin, dass man mit Leinöl und Leinsamen bei Zivilisationskrankheiten gegensteuern kann. Buchautor Hans-Ulrich Grimm hat die wichtigsten zusammengetragen.

Allergien Leinöl scheint auf die Entzündungsrezeptoren im Körper zu wirken. US-Forscher stellten fest, dass sich die Nahrungsmittelallergien ihrer Patienten nach sechs bis acht Wochen Leinölgabe besserten. In einem kanadischen Versuch reagierten Mäuse, die viel Alpha-Linolensäure erhalten hatten, mit einer geringeren Immunantwort.

Arterienverkalkung In einer australischen Studie konnte gezeigt werden, dass Leinöl die Gefäße geschmeidig erhält und damit Arterienverkalkung vorbeugt sowie das Schlaganfallrisiko verringern kann. Kanadische Forscher stellten ebenso fest, dass Leinöl den Blutdruck senkt. Verantwortlich dafür dürften die enthaltenen hormonähnlichen Substanzen, die Lignane, sein.

Diabetes Diese Lignane wirken auch auf den Blutzucker. Sie verhindern den Anstieg nach den Mahlzeiten.

Krebs Die Lignane beeinflussen den Hormonhaushalt positiv – vermutlich ein Schutzeffekt vor Brust- und Prostatakrebs. Ebenso wird eine Art Biokatalysator aktiviert, der mithilft, Schadstoffe schneller aus dem Körper zu transportieren. Die Forscher vermuten, dass hier unterschiedliche Mechanismen zusammenarbeiten.

Psyche Omega-3-Fettsäuren spielen eine große Rolle im Gehirn-Stoffwechsel. Bei Studien zu Schizophrenie, bipolaren Störungen und Depression verbesserte Leinöl die Stimmung. Auch bei Gesunden scheint es zu wirken. Grimm: "Seit ich Leinöl morgens im Müsli esse, sind mein Allgemeinbefinden und meine Laune besser geworden."

Info: Nicht lange haltbar

Fettsäuren Sie spielen im Körper eine wichtige Rolle – als Energieträger, Bestandteile der Zellmembran oder als Ausgangssubstanz zur Bildung von Hormonen und Stoffwechselprodukten. Es gibt einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren zählen zu Letzteren und können nicht vom Organismus gebildet werden. Wir müssen sie über die Nahrung aufnehmen.

Ernährung Täglich drei bis fünf Gramm Leinöl (ein Teelöffel) sind empfohlen. Der nussige Geschmack ist gewöhnungsbedürftig, passt aber gut in Müsli, (Topfen-)Aufstriche oder als Salatdressing. Im nördlichen Mühlviertel, einer alten Weberregion, sind Leinölerdäpfel (gekochte Erdäpfel, etwas Sauerrahm, Gewürze, Leinöl) ein Traditionsgericht.

Buchtipp Hans-Ulrich Grimm, Leinöl macht glücklich. Das blaue Ernährungswunder, Verlag MensSana, 18,50 €.

(kurier) Erstellt am
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