Lokalaugenschein
10/28/2013

Eine Bank für menschliches Gewebe

Warum ausgerechnet Graz Sitz des europäischen Biobanken-Netzwerkes wird.

von Susanne Mauthner-Weber

Berthold Huppertz führt durch sein Reich. Und wer ihm folgen will, muss gut zu Fuß sein. Über das ganze Gelände des Landeskrankenhauses Graz verteilt, hat der Direktor der Biobank Graz seine Lagerräume. Unterwegs erzählt er eine Anekdote. Unlängst sei eine alte Dame in seine Biobank gekommen und habe sich erkundigt, wo denn der Schalter sei, an dem sie Geld einzahlen könne. „Damit die Biobank das dann in nachhaltige Projekte investieren kann.“

Ja, es gibt Aufklärungsbedarf, gesteht Huppertz. Und nein, seine Währung sind nicht Devisen und Geldscheine, sondern menschliche Gewebe. Urin, Speichel, Blut, Haut, Hirn, Plazenta; erkrankt, gesund – Huppert hat alles in seinen Kellern. „Wir haben hier die größte akademische Biobank Europas – sechs Millionen Proben.“ Das ist wohl einer der Gründe, warum das neu geschaffene Zentrum des europäischen Biobanken-Netzwerkes BBMRI von Graz aus koordiniert wird. Die Biobanking and Biomolecular Resources Research Infrastructure wird von der EU gefördert, soll die über Europa verteilten Sammlungen zu einer einzigen virtuellen Biobank zusammenführen und so zur weltgrößten biologischen Proben-Bank werden.

In Graz.

In Österreich.

Eigentlich unglaublich.

Neue Therapien

Das Sammeln und Analysieren biologischer Proben wie Blut, Serum, Plasma, Urin, Gewebe, Zelllinien ist von essenzieller Bedeutung will man Krankheiten erforschen und Therapien entwickeln. Das war bis vor zwei Dekaden nicht selbstverständlich und ist es mancherorts heute noch nicht. Viele der kostbaren Proben wurden vernichtet (siehe Geschichte rechts). In manchen Ländern gibt es gar keine Biobank, da sammeln Wissenschaftler - quasi privat – Proben, die für ihre Forschung relevant sind. Die liegen dann in irgendwelchen Schränken oder Gefriertruhen. Und das entspricht kaum heutigen Qualitätskriterien.

Womit wir wieder auf unserem Rundgang durch die Keller des Direktor Huppertz wären. Da wird gefroren und in Paraffin gepackt. Unter –110 Grad kommen alle biologischen Prozesse zum Erliegen – soweit der aktuelle Wissensstand, erklärt er auf dem Weg zu Lager eins. „Blutproben können, sofern keine Zellen mehr drinnen sind, bei –80 Grad gelagert werden“, sagt er und sperrt die entsprechende Tür auf. Gefrierschränke doppelt-mannshoch, vollautomatisch mit unabhängigem Stromsystem, das die Kühlung auch im Notfall sicherstellt, stehen dahinter. „Gewebe mit Zellen muss bei –150 Grad gelagert werden“, fährt er mit dem Lokalaugenschein im Lagerraum mit dem flüssigem Stickstoff fort, um zum Schluss auch noch zum vollautomatisierten Raum mit den Paraffin-Proben zu wandern. Bis in einem Jahr wird man in einen Neubau umziehen. Die Fußmärsche sind dann Geschichte.

Bis dahin sollte auch das Netzwerk funktionieren: Heute meldet ein Forscher, der z.B. in Indonesien in der Krebsmedizin arbeitet, dass er Proben in verschiedenen Stadien, mit und ohne Metastasen, mit genetischen Unterschieden braucht. Innerhalb von 42 Stunden bekommt er Antwort, und die Proben werden verschickt. Was aber, wenn ein Forsche 100 verschiedene Proben einer seltenen Krebsart braucht, Graz aber nur 27 hat? Huppertz: „Durch das neue Netzwerk geht die Anfrage nach Lissabon, Helsinki, Manchester, London. Da sind fünf, dort 13 etc.“. Schnell hat man die 100 zusammen. „Das ist mein Traum. Und Graz ist der Knotenpunkt dafür.“

„Früher wurde alles weggeworfen“

Seit Jahrzehnten treibt Kurt Zatloukal die Frage um, inwieweit man Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung für Menschen umsetzbar machen kann. „Um das zu beantworten, braucht man menschliche Proben“, sagt der Grazer Pathologe. Das war der Beginn seines Engagements, das jetzt im Biobanken-Netzwerk mündet.

Doch der Reihe nach: „1993 stand ein Riesen-Container vor dem Institut, beladen mit Paraffin-Proben, die zerstört werden sollten“, erzählt der Wissenschaftler und erinnert sich, wie er „Halt!“ schrie. „Damals wurde alles weggeworfen, was älter als zehn Jahre war. Man hatte keine Ahnung, wie viele Informationen in diesem Material stecken. Stichwort DNA-Analysen“. Später haben externe Gutachter der Biobank großes Potenzial attestiert, ein Potenzial, das kein anderes Land hat. Zatloukal wurde in internationale Gremien entsannt. „Man stellte fest, dass man eine Forschungsinfrastruktur für die medizinischen Proben brauchen wird.“

33 Länder

Seit acht Jahren arbeitet er am Aufbau dieser europäischen Infrastruktur. Jetzt geht es richtig los. Zatloukal: „Es geht um echte Zusammenarbeit in ganz Europa, mehr als 270 Institutionen in 33 Ländern sind involviert.“ Neben Österreich sind acht europäische Staaten (Deutschland, Belgien, Estland, Frankreich, Griechenland, Malta, Niederlande, Schweden) Mitglieder der ersten Stunde. Die Biobank-Community ist unterschiedlich weit entwickelt. Einige haben eine langjährige Tradition. „Skandinavien ist stark bei Populationsfragen. Bei uns stehen eher Krankheiten im Vordergrund.“ In nahezu allen Ländern war das Thema nicht zentral organisiert. Einzelforscher konkurrenzierten einander mit verschiedenen Konzepten. „Im Moment wissen wir noch gar nicht genau, wer welche Proben für welche Fragestellung hat. Es gibt kein Internetportal, keine Datenbank. Wir haben nur eine Vorstufe, die jetzt weiter entwickelt werden muss. Es muss e i n e Adresse geben, an der man erfährt, welche Proben in welcher Qualität es gibt, sind sie für mich geeignet?“

Damit die Frage, die den Pathologen bewegt, endgültig beantwortet werden kann: Wie kann ich Erkenntnisse der Grundlagenforschung für Menschen nutzbar machen?

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