Wissen und Gesundheit
11.01.2018

Gesundheitssystem: Die Ressourcen besser verteilen

© Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Top-Experten forderten bei der Gesundheitsinitiative des KURIER eine Diskussion über effizienteren Einsatz der finanziellen Mittel.

Österreich hat "dramatische Fortschritte" bei der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung erzielt, etwa im Bereich der Krebsmedizin – aber um diese abzusichern, sei es notwendig, jetzt zu handeln: Das betonte Univ.-Prof. Michael Gnant, Vorstand der Uni-Klinik für Chirurgie von AKH/MedUni Wien Donnerstag beim Frühstücksgespräch zur KURIER-Gesundheitsinitiative (siehe unten).

"Die Therapien werden immer aufwendiger und komplexer", so Gnant. Da mache es in der Qualität der Therapie einen großen Unterschied, ob eine Behandlung in einer Einrichtung drei Mal oder hundert Mal im Jahr durchgeführt werde: "Wir benötigen ein Bekenntnis zur Zentrumsmedizin: Es ist nicht sinnvoll, dass ein Land mit der halben Bevölkerungszahl von Istanbul 160 Behandlungseinrichtungen für Onkologie hat. Das ist für Höchstleistungen wie hochkomplexe Operationen kontraproduktiv."

Video: Frühstücksgespräch zur KURIER-Gesundheitsinitiative

Eine Diskussion müsse es auch über die Kostenverteilung geben: "Patienten, die teure Therapien benötigen, werden teilweise auf abenteuerliche Weise von Bundesland zu Bundesland verschickt". Man könne sich durchaus darauf einigen, dass diese oder jene Therapien zum Beispiel nur mehr in Wien am AKH gemacht werden – "aber dann muss es auch die Mittel dafür geben".

Diskussion stellen

Die Gesellschaft müsse sich auch einer Diskussion stellen, "was wollen wir uns mit welchen Ressourcen leisten? Geht es immer nur um Heilung, oder sind uns drei zusätzliche Lebensmonate ohne Schmerzen auch viel Geld wert?" Man tue in der Medizin immer so, als wäre Geld ohne Ende da: "Aber dem ist nicht so." Gnant verwies auf das "Seitenstettener Manifest" zur zukünftigen onkologischen Versorgung Österreichs: Eine gesamtgesellschaftlich nachhaltige Krebsmedizin könne es sich nicht leisten, Behandlungsstandards zu akzeptieren, bei denen – aufgrund von nur ökonomischen Gesichtspunkten – wirksame Behandlungen nicht stattfinden: "Auf der Strecke bleibt dabei der Mensch."

"Wir benötigen einen Masterplan, wo wir bei der Krebsbehandlung in fünf oder zehn Jahren sein wollen", so Tobias Eichhorn von Pfizer Oncology.

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Auch Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres warnte vor Rationierungen "unter dem Aspekt, dass wir uns etwas nicht leisten können": "Die Gesundheit geht vor Polizei, Militär oder ÖBB." Österreich gebe zwar – bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt und auch pro Kopf – mehr für Gesundheit aus als die Türkei oder osteuropäische Staaten, "aber weniger als die Schweiz oder Deutschland. Die Kosten galoppieren nicht davon. Von 2009 bis 2016 lag die Steigerung bei den Gesundheitsausgaben nur bei einem Prozent über der Inflation." – "Wir haben genug Geld im System", sagte Alexander Herzog, stv. Obmann der SVA. "Das Problem ist, dass das Geld schlecht verteilt ist." So sei eine Stärkung des Haus- und des Landarztes notwendig. Dafür könnten von anderen Bereichen – wie den Spitälern – Mittel abgezogen werden. Für die SVA sei es eine zentrale Forderung, die Finanzierungsströme zu vereinheitlichen – das sei auch die Voraussetzung dafür, dass der Patient seine Therapie tatsächlich dort bekomme, wo er sie auch brauche.

Großes Potenzial

"Die Apotheker haben täglich 400.000 Kundenkontakte, die niedergelassenen Ärzte 300.000 Patientenkontakte. Das ist ein großes Potenzial, das man bündeln kann", sagte Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer. So seien in Oberösterreich bereits 25 Apotheker für die Betreuung von Tumorpatienten ausgebildet.

"Im Bereich Gesundheit steht für mich vor allem der Patient im Mittelpunkt", hieß es in einer Grußbotschaft von Gesundheits- und Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) zur KURIER-Gesundheitsinitiative. "Die Österreicher sollen wissen, welche Rechte sie als Patienten haben. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, dass Menschen oft erst dann versuchen, sich Wissen über ihre Rechte anzueignen, wenn sie betroffen sind. Hier möchte ich Aufklärungsarbeit leisten."