Nächste Pandemie? Diese beiden Viren könnten sie laut Forschern auslösen
Während Indien Nipah-Infektionen rasch eindämmt, rücken zwei andere Viren in den Fokus der Forschung.
Zwei Ansteckungen mit dem Nipah-Virus in Indien haben die lokalen Behörden in Alarmbereitschaft versetzt (der KURIER berichtete). Als Reaktion wurden Überwachung, Labortests und Vor-Ort-Untersuchungen verstärkt. Auch in Nachbarländern wurden Kontrollen eingeführt. Kursierende Berichte über weitere Infektionsfälle seien falsch, heißt es.
"Die indischen Behörden haben dieses Mal wirklich sehr rasch reagiert", betont der Virologe Norbert Nowotny. "Man hat unter anderem über 100 Kontaktpersonen der infizierten Personen unter Quarantäne gestellt. Bei ihnen wurden bisher keine Ansteckungen nachgewiesen. Aus aktueller Sicht muss man sich keine allzu großen Sorgen machen", sagt er.
Nipah-Fälle: WHO gibt Entwarnung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Nipah-Viren zu den gefährlichsten Erregern weltweit, die eine Epidemie auslösen können. "Das Nipah-Virus ist wirklich extrem gefährlich für Menschen, weil es schwere Krankheitsverläufe und hohe Todesraten verursacht", erklärt Nowotny. Rund die Hälfte aller Infizierten stirbt infolge der Ansteckung. "Deswegen ist jedenfalls Vorsicht geboten."
Sowohl die EU-Seuchenschutzbehörde (ECDC) als auch die WHO haben aktuell jedenfalls Entwarnung gegeben. Die WHO schätzte das Risiko einer internationalen Ausbreitung Ende der vergangenen Woche als gering ein. Ähnlich argumentierte die ECDC für den europäischen Raum.
"Nipah-Ausbrüche gibt es insbesondere in Bangladesch und Indien immer wieder", sagt Nowotny. Das Virus kommt in der Natur bei Flughunden vor. Nowotny: "Da Flughunde als Virusreservoir und -überträger in Europa nicht vorkommen, sind direkte Ansteckungen bei uns nicht möglich."
"Reales Risiko" durch andere zoonotische Krankheitserreger
US-Forscher warnen unterdessen in einer neuen Publikation recht eindringlich vor zwei anderen zoonotischen Krankheitserregern. Es bestehe ein, wie es heißt, "reales Risiko", dass sowohl das sogenannte Influenza-D-Virus (Deltainfluenzavirus) als auch das Canine Coronavirus (CCoV) zu größeren Krankheitsausbrüchen führen könnten, schreiben die Fachleute der University of Florida im Fachblatt Emerging Infectious Diseases.
Defizite bei der Überwachung würden einer Ausbreitung den Nährboden bereiten. "Unsere Auswertung der Fachliteratur zeigt, dass diese beiden Viren eine Gefahr für die menschlichen Atemwege darstellen, jedoch wurde bisher wenig unternommen, um auf Infektionen mit diesen Viren zu reagieren oder sie zu verhindern", wird Mitautor und Mikrobiologe John Lednicky in einer Aussendung zitiert.
Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übergehen können – und umgekehrt. Manchmal verändern sich die Erreger so, dass sie auch Ansteckungen zwischen Menschen auslösen können. Würden die besagten Viren diese Fähigkeit entwickeln, "könnten sie Epidemien oder Pandemien auslösen, da die meisten Menschen keine Immunität gegen sie besitzen", betont Lednicky.
"Das Influenza-D-Virus ist tatsächlich nicht sehr gut überwacht"
Entdeckt wurde das Influenza-D-Virus vor rund 15 Jahren. Seither wurde es vor allem mit Infektionen bei Kühen und Schweinen in Verbindung gebracht. Infektionen wurden auch bei anderen Nutztier- und Wildtierarten nachgewiesen, darunter Geflügel und Hirsche.
Angenommen wird auch, dass das Influenza-D-Virus Atemwegserkrankungen bei Rindern begünstigt. In früheren Studien konnte die US-Forschungsgruppe um Lednicky bei nahezu allen großen Viehzüchtern im Raum Colorado und Florida Antikörper gegen das Influenza-D-Virus nachweisen – was darauf hindeutet, dass die Personen Kontakt mit dem Erreger hatten.
Bisher verlaufen Infektionen ohne Symptome. Weil sich das Virus allerdings laufend verändert, könnte es potenziell auch schwerwiegende Krankheitsverläufe auslösen, heißt es in der Studie, in der von einem kürzlich in China isolierten Influenza-D-Stamm berichtet wird, der entsprechende Eigenschaften besitzen soll.
"Das Influenza-D-Virus ist tatsächlich nicht sehr gut überwacht", bestätigt Nowotny. "Es gibt aber zum jetzigen Zeitpunkt keine solide Evidenz dafür, dass sich dieses Virus in eine für den Menschen gefährliche Richtung entwickelt."
Für wesentlich bedrohlicher hält Nowotny das Influenza-A-Virus, das unter Menschen, Schweinen und vielen anderen Säugetier- und Vogelarten zirkuliert. "Vor allem neue Rekombinationen zwischen humanen Influenza-A-Viren und etwa dem Vogelgrippevirus A/H5N1 kommen als mögliche Erreger einer nächsten Pandemie in Frage. Vergangene Grippepandemien sind so entstanden."
Ansteckende Viruserkrankung bei Hunden
Die Canine-Coronavirus-Infektion ist wiederum eine ansteckende Viruserkrankung bei Hunden, die zu Symptomen wie Durchfall und Erbrechen führt. Im Gegensatz zum Influenza-D-Virus kann das Canine Coronavirus sehr wohl – wenn auch sehr selten – schwere Infektionen beim Menschen auslösen. Spitalspflichtige Infektionen wurden etwa in Südostasien dokumentiert. "Da keine routinemäßigen Diagnosetests für das Virus durchgeführt werden, ist nicht bekannt, in welchem Umfang es die Bevölkerung insgesamt betrifft", bemängelt Lednicky.
"Das Canine Coronavirus wird bei Hunden sehr wohl überwacht, nicht aber beim Menschen", sagt Nowotny. Grund dafür sei auch hier, dass sehr selten menschliche Krankheitsfälle auftreten.
Ein bestimmter Stamm des Caninen Coronavirus wurde seit 2018 allerdings mehrfach bei Menschen mit Atemwegserkrankungen in Thailand, Vietnam und im US-Bundesstaat Arkansas nachgewiesen. Dies zeige, dass dieser Stamm bereits auf mehreren Kontinenten zirkuliert, so die US-Autoren.
Das Canine Coronavirus ist jedenfalls nur entfernt mit SARS-CoV-2 verwandt, betont Nowotny: "Man muss viele tierische Viren beobachten, aber gerade bei den in der US-Studie genannten Erregern ist Alarmismus nicht angebracht."
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