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Wissen Gesundheit
11/29/2020

Weibliche Hormone und X-Chromosom mildern Corona-Krankheitsverlauf

Erste Studienerkenntnisse zur geringeren Hospitalisierungsrate und niedrigeren Sterblichkeit bei Frauen - Unterschiede bestehen auch jenseits der Menopause.

Erste Studienergebnisse bieten Aufschluss dar√ľber, warum eine Covid-19-Erkrankung bei Frauen tendenziell milder verl√§uft und seltener zu einer Hospitalisation oder zum Tod f√ľhrt als bei M√§nnern. Bettina Toth, Klinikdirektorin an der Innsbrucker Universit√§tsklinik f√ľr Gyn√§kologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, verwies im APA-Gespr√§ch auf internationale Studien, die die positive Auswirkung weiblicher Hormone und des X-Chromosoms belegen.

Genderspezifische Unterschiede seien nicht nur vor der Menopause, sondern auch bei den 71- bis 83-j√§hrigen Patienten signifikant. Dies wirke sich auch auf Hormonersatztherapien aus, die von Frauen mit menopausalen Beschwerden in Anspruch genommen werden, erkl√§rte Toth, die sich auf die Bereiche Gyn√§kologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin spezialisiert hat. Unterschiedliche Studien w√ľrden darauf hindeuten, dass "weibliche Hormone im Zusammenhang mit Coronaviren etwas total Positives sind".

"Es sterben deutlich mehr Männer"

Studien w√ľrden belegen, "dass es bei von SARS-Cov-, MERS- oder Covid-19-Viren induzierten Krankheiten deutliche genderspezifische Unterschiede in der Schwere, sowie in der Hospitalisierungs- und Sterberate" g√§be. Bei Covid-19-Toten liege, so erkl√§rte die Gyn√§kologin, das Verh√§ltnis bei rund 60 zu 40 Prozent. "Es sterben deutlich mehr M√§nner als Frauen an oder mit Corona, √ľber alle Altersgruppen hinweg."

Es stelle sich also die Frage, schlussfolgerte Toth, "warum es Frauen besser geht und wie man die Erkenntnisse auf die Behandlung coronakranker Menschen anwenden kann". Eine Studie aus Wuhan w√ľrde erste spekulative Erkenntnisse liefern, dass sich weibliche Hormone, vor allem √Ėstrogen, positiv auf eine Corona-Erkrankung auswirken. Vereinfacht gesagt, lie√üe sich das m√∂glicherweise mit der Tatsache erkl√§ren, dass √Ėstrogen den ACE2-Rezeptor herunterreguliere und die Spike-Proteine des Coronavirus somit schlechter an die Rezeptoren andocken k√∂nnen. "Es kommen somit weniger Coronaviren in die Gastzelle", fasste Toth zusammen. Ferner wirkten √Ėstrogene direkt immunstimulierend, weshalb Frauen m√∂glicherweise besser in der Lage sind, die Virusinfektion unter Kontrolle zu bringen.

Behandlung mit √Ėstrogenpflastern

Diese Erkenntnis habe in den USA bereits zu einer konkreten Interventionsstudie gef√ľhrt. An Covid-19 erkrankte M√§nner und Frauen w√ľrden dort im Rahmen einer Phase-2-Studie mit √Ėstrogenpflastern behandelt, berichtete Toth.

Abgesehen von Hormonen gebe es einen weiteren geschlechtsspezifischen Unterschied, der sich ersten Erkenntnissen nach auf den Verlauf einer Coronainfektion auswirke, f√ľhrte Toth aus. So sitze eine Vielzahl von Genen, die auf die Immunantwort reagieren, auf den X-Chromosomen, von denen Frauen zwei und M√§nner nur eines haben. "Deshalb k√∂nnte die Immunantwort bei Frauen st√§rker ausgepr√§gt sein als bei M√§nnern", so die Innsbrucker Medizinerin.

Die eine Studienpopulation von 78 Probandinnen umfassende Studie aus Wuhan w√ľrde zudem zeigen, dass der √Ėstrogenspiegel eine wesentliche Rolle spiele. Dies f√ľhre auch dazu, dass die genderspezifischen Unterschiede in dieser Studie nur vor der Menopause signifikant seien. Nach der Menopause f√§llt der √Ėstrogenspiegel. "Nicht-menopausale Frauen weisen eine geringere Hospitalisationsrate und fr√ľhere Entlassung auf als Frauen in der Menopause", zitierte Toth aktuelle Studienergebnisse.

Die Ergebnisse wirken sich auch auf Toths T√§tigkeitsbereich an der Innsbrucker Klinik aus. Denn der Umstand, dass sich eine Hormontherapie positiv auf eine m√∂gliche Coronainfektion und abmildernd auf deren Verlauf auswirken k√∂nnte, k√∂nne als zus√§tzlicher Nutzen einer solchen Therapie gesehen werden. Grunds√§tzlich gelte es, Vor- und Nachteile im Einzelfall und nach ausgiebiger, individualisierter Beratung abzuw√§gen. "In Zeiten der Pandemie wollen wir gerade Frauen √ľber 55 Jahre sch√ľtzen. M√∂glicherweise k√∂nnte eine Hormontherapie die Immunantwort positiv beeinflussen", so Toth. Es blieben noch viele spannende Fragen im Zusammenhang mit geschlechterspezifischen Reaktionen auf das Coronavirus offen, r√§umte die Medizinerin ein.

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