Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Bald in Österreich? Was über die „Abnehmtablette“ bekannt ist

Neben den „Abnehmspritzen“ wird der Wirkstoff Semaglutid bald auch als Pille verfügbar sein. Wie sie funktioniert und was man über die Kosten weiß.
Eine Hand mit einer Pille und einem Wasserglas.

Seit der EU-weiten Zulassung der „Abnehmtablette“ Wegovy im Juli warten viele auf die Markteinführung. Das Medikament enthält den gleichen Wirkstoff wie die gleichnamige „Abnehmspritze“ des Pharmaherstellers Novo Nordisk. Vonseiten des dänischen Konzerns heißt es, dass an einer „schrittweisen Einführung der Wegovy Pille in EU-Ländern“ gearbeitet werde. „Zum aktuellen Zeitpunkt können wir noch kein genaues Datum für die Produkteinführung in Österreich nennen“, heißt es auf KURIER-Nachfrage.

Im Nachbarland Deutschland soll die Tablette im dritten Quartal 2026, das heißt in den nächsten Monaten, erhältlich sein, sagten Experten bei einer Presseveranstaltung des deutschen Science Media Centers am Mittwoch. Was ist bisher über die Tablette bekannt? Wie funktioniert sie und wer wird sie bekommen? Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie funktioniert die „Abnehmtablette“ Wegovy?

Die Tablette enthält den gleichen Wirkstoff wie die Spritze von Novo Nordisk, nämlich Semaglutid, jedoch in deutlich größerer Menge. Denn: „Es handelt sich um Peptide, die normalerweise, wenn man sie schluckt, schnell im Magen und im Darm verdaut werden und damit nicht wirksam sind“, erklärt Hans Hauner vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München. 

Vom Wirkstoff in der Tablette wird nur ein sehr kleiner Teil aufgenommen, „größenordnungsmäßig ungefähr eins bis 1,5 Prozent der Wirkstoffmenge, die man schluckt“, sagt Hauner. Um die gleiche Wirkung zu erzielen, braucht man daher „vom gleichen Wirkstoff 60-mal so viel wie wenn Sie es spritzen.“

Die Tablette enthält den Hilfsstoff Salcaprozat Natrium, der die Aufnahme in die Magenschleimhaut verbessert. „Man hat empirisch gesehen, dass diese Substanz sich eignet und die Absorption verbessert“, so Hauner. Die Effekte des Gewichtsverlusts sind laut den Zulassungsstudien mit jenen der Spritze vergleichbar.

Für wen ist die Tablette gedacht? 

„Die Indikation für die Therapie unterscheidet sich nicht zur Injektionstherapie“, betont Internistin Nina Meyer von der Charité Berlin. Die Zulassung gilt für „Adipositas oder Übergewicht mit Begleiterkrankungen“. Die Zielgruppe bleibt also gleich.

Der Unterschied liegt in der Anwendung: „Es spielt schon eine Rolle für Patientinnen und Patienten, die zum Beispiel eine Spritzenphobie haben“, sagt Meyer. Auch für Menschen, die sich ungern selbst spritzen oder dies nicht gut umsetzen können, könne die Tablette eine Option sein.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

„Das Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich nicht relevant zur Subcutan-Therapie (Spritze unter die Haut, Anm.)“, erklärt Meyer. Auch in Pillenform können gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, teilweise Erbrechen, Verstopfung und Durchfall auftreten. Meist handelt es sich um „milde bis moderate Nebenwirkungen, sehr selten schwere Nebenwirkungen“, so Meyer. Allerdings: „Absolut gesehen wird die Rate an Nebenwirkung steigen, je mehr Menschen die Therapie erhalten.“ 

Hauner betont, dass bis zu zehn Prozent der Nutzerinnen und Nutzer der „Abnehmspritze“ die Therapie aufgrund von Nebenwirkungen abbrechen. Neben gastrointestinalen Beschwerden gibt es Hinweise auf Augenveränderungen sowie Nervenschädigungen. Ein wichtiger Punkt sei auch der eigentlich erwünschte Appetitverlust. „Er kann für manche eine Einschränkung der Lebensqualität darstellen und auch ein Grund sein, die Therapie zu beenden. Essen ist doch ein wichtiger Bestandteil des Lebens und der Lebensqualität“, so Meyer. 

Problematisch können auch Nebeneffekte sein, die auftreten, wenn die Einnahme der Tabletten bzw. das Verwenden der Spritzen nicht medizinisch begleitet wird. Hauner verweist auf eine Studie mit 400 Teilnehmenden, in der neben Körpergewicht auch Muskelmasse verloren ging und es zu Vitamin- und Mineralstoffmangel kam. Die Therapie ist so vorgesehen, dass sie unter ärztlicher Aufsicht und Betreuung erfolgen sollte.

Wie wird die Tablette eingenommen?

Die Tabletten müssen täglich nüchtern in der Früh mit wenig Flüssigkeit eingenommen werden, anschließend braucht es 30 Minuten Abstand, bis etwas gegessen oder weitere andere Medikamente eingenommen werden dürfen. 

Die Dosierung wird wie auch bei den Spritzen langsam gesteigert. Meyer: „Bei der Tablette sind die Abstände zwischen den einzelnen Dosierungsstufen allerdings länger als bei der Subkutantherapie.“

Gibt es Nachteile gegenüber der Spritze?

Nachteil kann die Einnahme sein, aufgrund der 30 Minuten, die bis zur nächsten Mahlzeit eingehalten werden müssen, sowie die tägliche Einnahme statt wöchentlicher Spritzen. „Die Absorption ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und natürlich auch nicht jeden Tag gleich“, erklärt Hauner. „Wie gut der Wirkstoff aufgenommen wird, hängt auch von sonstigen Faktoren ab, was bei Menschen passiert, sei es, dass sie eine andere Krankheit dazu bekommen.“ Zudem ist die Dosierungsphase länger als bei der Spritze. 

Warum bestehen Bedenken hinsichtlich der Fälschbarkeit der Tablette?

„Ich schätze das Risiko, dass Tabletten gefälscht werden, für sehr, sehr hoch ein, weil wir das die letzten Jahre ja auch schon bei den Spritzen gesehen haben“, warnt Hauner. „Es wird heute immer leichter, auch übers Internet, an solche Medikamente heranzukommen oder umgekehrt für betrügerische Firmen, das dann weltweit über das Internet zu vertreiben.“ Tabletten seien leichter zu fälschen als Spritzen mit komplexeren Applikationssystemen. 

Was wird die Tablette kosten?

Novo Nordisk gibt zur Preisgestaltung derzeit keine Auskunft – diese erfolge mit der Markteinführung. „Ich glaube, man kann davon ausgehen, dass die Preise für das orale Semaglutid in der gleichen Größenordnung sein werden wie die Spritzen“, sagt Hauner. Die Tabletten werden in Österreich wie auch die Spritzen jedenfalls rezeptpflichtig sein, heißt es vonseiten der Apothekerkammer. 

Kommentare