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Verdauung: Schluss mit dem Tabu

Blähungen, Verstopfung, Durchfall – darüber spricht man nicht gern. Doch Verdauungsbeschwerden können Hinweise auf Erkrankungen sein. Warum es sich lohnt, offen darüber zu reden., sagt Gastroenterologin Monika Ferlitsch.
Hände formen ein Herz um den Bauchnabel.

Über Geld spricht man nicht. Über Verdauung schon gar nicht. Dennoch gehören Blähungen, Verstopfung, Durchfall oder Veränderungen des Stuhlgangs zu den Themen, die lieber verschwiegen werden. Als Gastroenterologin erlebe ich täglich, wie groß die Hemmschwelle ist, über Verdauung zu sprechen. Das ist verständlich, aber oft problematisch. Der Magen-Darm-Trakt ist ein hochkomplexes Organ, eng verbunden mit Immunsystem, Stoffwechsel und Psyche. 
Nicht umsonst wird der Darm als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Wenn hier etwas aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das auf das gesamte Wohlbefinden auswirken. Trotzdem warten viele Menschen Monate oder Jahre, bevor sie Beschwerden abklären lassen. Manche schämen sich, andere halten Symptome für „normal“. Dabei können gerade solche Hinweise auf Erkrankungen liefern – von Nahrungsmittelunverträglichkeiten über chronisch-entzündliche Darmerkrankungen bis hin zu Darmkrebs.


Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum jede kleinste Stuhlveränderung abzuklären: die Verdauung hängt immer mit der Art, der Häufigkeit und Menge der Nahrungsmittel, die wir zu uns nehmen, zusammen. 3 Mal am Tag bis 3 Mal pro Woche Stuhl zu haben ist komplett normal. Es ist meistens auch nicht notwendig, mit jedem neu aufgetretenen Durchfall zum Arzt zu laufen, die meisten solcher Akutbeschwerden sind viral bedingt und selbstlimitierend. Wenn aber die Beschwerden mehr als 4 Wochen anhalten oder Kreislaufprobleme auftreten, sollte ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Beim Thema Darmkrebsvorsorge begegnet mir oft Zurückhaltung. Doch moderne Untersuchungen sind sicher, effektiv und oft lebensrettend. Darmkrebs gehört zu den wenigen Krebsarten, die durch rechtzeitige Vorsorge verhindert werden können – wenn wir offen über Risiken sprechen und Vorsorge auch ohne Beschwerden nutzen. Soziale Medien verstärken die Unsicherheit: Entgiftungskuren oder Wunderdiäten versprechen schnelle Lösungen. 

Die Realität ist weniger spektakulär: Ausgewogene Ernährung, ausreichend Flüssigkeit, Bewegung und bewusster Umgang mit Stress leisten für die Darmgesundheit oft mehr.
Offen über Verdauung zu sprechen bedeutet nicht, jedes Detail beim Abendessen auszubreiten. Es bedeutet vielmehr, Beschwerden ernst zu nehmen, Fragen zu stellen und medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn etwas nicht stimmt. Verdauungsprobleme sind keine Charakterschwäche, kein peinliches Versagen des Körpers und kein Thema, für das man sich schämen muss. Sie sind Teil unserer Gesundheit. Vielleicht sollten wir deshalb anfangen, den Darm ähnlich selbstverständlich zu behandeln wie Herz, Lunge oder Gelenke. Wer offen über Verdauung spricht, kann Krankheiten früher erkennen, unnötiges Leiden vermeiden und zu einem entspannteren Umgang mit dem eigenen Körper beitragen. Denn Gesundheit beginnt oft dort, wo das Schweigen endet.

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