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„Wir sind gleich da!“ – Warum das Kinder nicht zufriedenstellt

Kleinkinder vor dem Volksschulalter können Zeit noch nicht einschätzen, die lange Fahrt in den Urlaub ist eine Qual und eine Geduldsprobe für Eltern. Erziehungswissenschaftlerin Iris van den Hoeven erklärt, warum und was wirklich hilft.
Ein Junge hält ein Spielzeugauto neben einem weinenden Kind auf dem Rücksitz eines fahrenden Autos.

KURIER: Sie schreiben in Ihrem Blog, dass Kleinkinder im Hier und Jetzt leben und noch kein Zeitgefühl entwickelt haben. Wie äußert sich das konkret bei einer längeren Autofahrt in den Urlaub?

Iris van den Hoeven: Auf einer langen Autofahrt erlebt sich ein Kind festgeschnallt, in seiner Bewegung eingeschränkt, womöglich auch gelangweilt oder überreizt, hungrig, müde … In Anbetracht der Menschheitsgeschichte sind Minuten oder Stunden vor relativ kurzer Zeit vom Menschen erschaffene Maßeinheiten. Ein Verständnis für Zeit scheint Erwachsenen selbstverständlich, für Kinder ist Zeit erst (be)greifbar, wenn bereits bestimmte sprachliche und kognitive Meilensteine erreicht wurden. Wir können davon ausgehen, dass für Kinder unter vier Jahren, Zeiträume noch nicht wirklich vorstellbar sind und damit ist obige Situation nicht so leicht aushaltbar. Allein dieses Wissen über die Entwicklung hilft Eltern ein Quengeln, das von genervt über verzweifelt bis wütend anschlägt, anders zuzuordnen. 

In welchem Alter begreifen Kinder, dass die Autofahrt enden wollend ist? Wann können sie  verstehen, was „noch zwei Stunden Fahrt“ bedeutet?
Sobald wir bestimmte Entwicklungsschritte exklusiv von Altersangaben festmachen, lassen wir viel außen vor. Nicht jedes Kind entwickelt alles im gleichen Tempo und erst wenn Kinder ausreichend Alltagserfahrungen gesammelt und die Uhr kennengelernt haben, können sie Zeitangaben wie „zwei Stunden“ einigermaßen realistisch einschätzen - und da bewegen wir uns schon im Grundschulalter. 

Zwei Stunden sind im Übrigen auch für Erwachsene mit Zeitverständnis, die nicht mehr sitzen können, keine wirklich beruhigende Antwort. Besser als Zeitangaben sind in jedem Fall (be)greifbare Ereignisse – die wir in kleine Etappen herunterbrechen:  Noch einmal das Hörspiel, dann machen wir eine Pause; Nach der Jause steigen wir aus und bewegen uns; Mit jedem Berg / Fluß / jeder Brücke sind wir schon ein Stückchen näher … Wenn die Sonne aufgeht / der Mond zu sehen ist ...

Iris van den Hoeven

Iris van den Hoeven war langjährig in der Elternbildung und im Kinderschutz tätig, sie ist Supervisorin, Fachbuchautorin, Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin, externe Lehrbeauftragte für Fort- und Weiterbildung an verschiedenen Pädagogischen Hochschulen und bietet für Eltern über ihre Plattform Blickpunkt Erziehung einen Podcast, Webinare und psychosoziale Beratung an.

Warum ist das Stillsitzen im Auto für Kinder so schwer?
Zunächst ist Bewegungsdrang ein Entwicklungsmotor – wir reduzieren Entwicklung oft auf Denken, Sprechen, Frustrationstoleranz … Entwicklung findet nicht exklusiv im Kopf statt, wir lernen über unseren Körper, unsere Sinne, das aktive Erkunden unserer Umwelt. Bei einer langen Autofahrt fällt vieles davon weg: Das Kind kann sich kaum bewegen, erhält vergleichsweise wenig verarbeitbare Sinneseindrücke, wird zugleich über viele schnelle Bilder reizüberflutet und mit dem Einfordern von Selbstregulation überfordert. Wenn Kleinkinder auf langen Autofahrten unruhig und mitunter so richtig anstrengend werden, ist das entwicklungspsychologisch völlig nachvollziehbar und keineswegs Zeichen schlechter Erziehung.

Ein Gedankenexperiment: Ich würde gern mal Erwachsene beobachten, die an einem Sitz fixiert sind, weil und solange es andere wollen. Allein der Gedanke daran dürfte eine gewisse Unruhe auslösen. Aber es hilft, Alltagsmomente aus kindlicher Perspektive heraus zu betrachten. Die Urlaubsfahrt wird dadurch nicht kürzer, es macht jedoch für unser eigenes Stresserleben einen Unterschied, wie wir das Verhalten unserer Kinder wahrnehmen. Und unser Stresspegel macht im Verständnis der interaktiven Gefühlsregulation wiederum einen Unterschied für das Erleben und Verhalten unserer Kindern. Die Botschaft bei Kleinkindern liegt nicht in den Worten „Nur noch 10 Minuten“, sondern im „Mama / Papa ist auch schon fix und fertig“ oder „Mama / Papa halten das aus, die Welt geht also doch nicht unter“.

Ist das „Wann sind wir endlich da?“ tatsächlich eine Frage nach der Zeit oder steckt etwas anderes dahinter?
Es ist wohl keine Frage nach einer genauen Zeitangabe, sondern nach Orientierung und Sicherheit: Ist diese Situation bald vorbei? Ist allen hier bewusst, dass ich nicht mehr lange hier sitzen kann und mag?

Ist „Warten können“, sprich Geduld, auch Charaktersache? Also in den Genen angelegt?
In meinen Beratungen begegnen mir sowohl Eltern, die ihre Kinder im Dauer-Turbomodus kaum einbremsen können, als auch welche, die trotz Drücken und Drängen ihr Kind keinen Zentimeter aus dem Bummelmodus bewegen können. In der Resilienzforschung ist unter anderem von angeborenem Temperament die Rede - wir alle kommen mit einem genetischen Startpaket auf die Welt. Doch nicht erst seit Epigenetik ein Thema ist, wissen wir, dass wir mehr als eine vorprogrammierte Festplatte sind. Wir entwickeln uns im Zusammenspiel von Veranlagung und Erfahrungen. Geduld und der Umgang mit gemischten Gefühlen, gerne auch Selbstdisziplin genannt, entwickelt sich im Zusammenspiel von biologischer Hirnreifung und sozialen Erfahrungen. Bedürfnisaufschub und Frustrationstoleranz sind Fähigkeiten, die von Kleinkindern nicht erwartet werden können, jedoch über vertrauensvolle und feinfühlige Begleitung langfristig aufgebaut werden können und sollten. Untersuchungen zum Schulerfolg zeigen: Kinder, die ihren Interessen nachgehen dürfen, Achtsamkeit und Freude erleben, denen Herausforderungen zugetraut werden und die sich zugehörig fühlen, entwickeln bessere Fähigkeiten zur Konzentration, Impulskontrolle und Geduld. Benachteiligt sind demnach Kinder unter Druck und Dauerstress, mit wenig körperlicher Bewegung, die sich einsam erleben.

Eltern sollten deshalb nicht erwarten, dass Kinder einfach müssen, geduldig zu sein. Hilfreicher ist es Kinder langfristig dabei zu begleiten, Strategien zu entwickeln und vorzuleben, wie Warten möglich werden kann. 

Wie kann man Kinder auf lange Fahrten vorbereiten?
Schritt eins wäre, die eigene Erwartungshaltung realistisch zu gestalten. Wenn ich mich als Erwachsener mit Kleinkind zu einer langen Urlaubsanreise entscheide, könnte das mit Mehraufwand verbunden sein und das liegt nicht am Kind. Hilfreich ist es, ausreichend Bewegungszeit vor und während der Fahrt einzuplanen – wo können wir nicht nur am Rastplatz, sondern abseits von Autobahn, Lärm, Asphalt und Hundehäufchen auf Wiesen, Spielplätzen, im Wald etc. Zwischenstopps machen. Während gemeinsam Jause, Lieblingskuscheltier, Spielsachen oder Bücher ausgesucht und eingepackt werden, tut es gut, den Ablauf der Reise kindgerecht zu besprechen. Vielleicht braucht es auch ein Jause, Decke, Schlafbrille, auch fürs Lieblingskuscheltier, damit auch das sich wohl fühlt auf der langen Autofahrt. Ihr Kind weiß das womöglich am besten. 

Was hilft im Auto wirklich, um die Zeit zu überbrücken?
Natürlich entspannt es Eltern einen Plan B und damit ein Repertoire fürs Zeitüberbrücken an der Hand zu haben. Etwa gemeinsam Lieder singen, Such- und Beobachtungsspiele zu machen oder altersgerechte Podcasts zu hören. Jedoch sind Eltern die Experten was ihre Kinder betrifft - sie wissen, wofür sich ihre Kinder begeistern. Ein Tipp wäre schon einige Zeit vor der Urlaubsreise basierend auf den Interessen des Kindes „Highlights“ zu sammeln, dann gibt es gewünschte Hörspiele, das kuschelige Autokissen, bevorzugte Snacks / Getränke … in der Zauber-Auto-Box.

Wie kann man sich auf mögliche Konflikte vorbereiten
Ein Konflikt ist nichts Schlechtes, er zeigt, dass für jemanden eine Grenze überschritten ist und da gilt es hinzuschauen. Wichtig ist es selbst eine realistische Erwartungshaltung zu haben, selbst wenn ich mich noch so gut vorbereite – kann es sein, dass die Anreise dennoch nicht so harmonisch abläuft. Dass Kinder ein bisschen quengeln, ist auch gar nicht schlimm – sie zeigen damit entweder ein Bedürfnis (ich brauche eine frische Windel, Bewegung, Berührung, Essen, Trinken, …) oder ihren Unmut und da tut es gut, wenn Eltern feinfühlig Verständnis zeigen und es zugleich aushalten, dass das Kind so eine lange Fahrt halt trotzdem gar nicht so großartig findet. Was aber für Kinder großartig ist: Eltern, die wissen, dass viele Konflikte entwicklungsbedingt und nicht Ausdruck von Trotz oder mangelndem Willen sind, und Eltern, die selbst möglichst gelassen und entspannt (ausgeschlafen, mit genügenden Zeitpuffern, voller Abenteuerlust) in den Urlaub starten. Es beginnt schließlich immer bei uns.

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