"Ischgl hat es nicht verdient, jetzt so alleine am Pranger zu stehen“, sagt Wissenschaftler Bergthaler,

© EPA/CHRISTIAN BRUNA

Wissen Gesundheit
11/27/2020

Umschlagplatz Ischgl: Forscher zeichnen Wege des Coronavirus nach

Das veränderliche Erbgut lässt schließen, wie sich das SARS-CoV-2-Virus in der frühen Pandemiephase verbreitet haben könnte.

Der Skiort im Paznaun schaffte es heuer international in die Negativschlagzeilen, war Ischgl doch ein Hotspot in der beginnenden Cornakrise. Jetzt haben Wissenschaftler das veränderliche Erbgut des SARS-CoV-2-Virus während der frühen Phasen seines Auftretens in Österreich analysiert und Anhaltspunkte gefunden, wie der Erreger Anfang des Jahres nach Tirol gelangen konnte und von dort in die Welt.

Internationale Studie

Das weit verzweigte Team um Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) arbeitet im Fachblatt "Science Translational Medicine" Erbgut-Mutationen des neuen Coronavirus heraus und zeigt damit die Entstehung früher Cluster in Ostösterreich auf.

Im Vergleich mit weltweit gesammelten SARS-CoV-2-Gendaten im Rahmen der "Global Initiative on Sharing All Influenza Data" (GISAID) ging es nicht zuletzt darum, nachzuzeichnen, welche internationalen Verbreitungsrouten sich im Frühjahr etablierten. Das Team analysierte dafür 345 Virus-Proben aus Österreich und 7.666 Proben aus dem GISAID-Netzwerk.

Eine dominante Virus-Variante im Wintersportort

Ihr Ergebnis: In Ischgl kursierte am Beginn der Pandemie eine dominante Virus-Variante, der zwischen 80 und 90 Prozent der Proben zugeordnet werden können, erklärt Bergthaler. "Wir haben zur gleichen Zeit aber auch dort sehr wohl andere Viren angetroffen." So fand sich etwa eine Variante des sich mit der Zeit leicht verändernden Erregers, die am besten zu einer Probe aus dem Iran passte. "Das zeigt auch, dass der Eintrag des Virus in ganz Österreich sicher sehr oft und wiederholt parallel stattgefunden hat", sagt der Wissenschaftler.

Ähnlichkeit mit Viren aus den französischen Alpen

Dann machten sich die Forscher in den internationalen Viren-Daten auf die Suche nach Proben, die gut zu jenen aus Österreich passten. Fündig wurden sie in genetisch gut passenden Proben aus einem Cluster aus den französischen Alpen, der in etwa zwei Wochen vor den ersten Ischgler Fällen auftrat. Das Virus könnte also "unter Umständen" von dort gekommen sein. Allerdings sage eine Ähnlichkeit an sich nichts über die Richtung der Übertragung aus, betonte Bergthaler. Zudem fehlen für diesen Zeitpunkt - Februar und März 2020 - Gendaten aus Italien. Darum könne man auch nichts Gesichertes zu einer sehr wahrscheinlichen Übertragungsachse von dort her sagen.

Export nach Deutschland, Dänemark, Norwegen und Island

Neben epidemiologischen Daten zeigt sich nun auch in dieser genetischen Studie, dass von Österreichs Skidestinationen aus das Virus vielfach nach Deutschland, Dänemark, Norwegen oder Island exportiert wurde. Im Ischgl-Cluster ist nämlich eine Virusmutation namens "Clade 20C" sehr präsent. Diese könnte man fast wie einen "Absender" von dort sehen - wenn auch nicht als Beweis für den Ursprung dort, sagte Bergthaler.

Mutation "Clade 20C" auch in den USA

Interessant ist, dass diese Variante auch an den Ostküste der USA und vor allem in New York in der frühen Epidemiephase stark präsent war. Theoretisch könnte dieser Corona-Mutant von Ischgl nach New York oder umgekehrt gekommen sein. Hier zeige sich aber ein weiterer internationaler Zusammenhang, der illustriert, wie rasch der weltweite Verkehr einen Erreger an andere Orte bringen kann.

Herkunftsländer der Gäste stimmen mit Virus-Statistiken überein

Das belegen auch Statistiken aus Ischgl zu den Herkunftsländern der Gäste dort, die zeigen, wie eine große Anzahl an Gästen aus unterschiedlichsten Ländern sich dort quasi die Klinke in die Hand gaben. "Ischgl ist hier aber sicherlich nicht das einzige Beispiel dafür, und hat es sich auch nicht verdient, jetzt so alleine am Pranger zu stehen", sagt Bergthaler, der mit seinen Kollegen und der AGES weiter daran forscht, welche Virus-Varianten auch jetzt in Österreich kursieren.

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