Starkes Übergewicht: Was kann die neue Abnehmpille?
Von Maik Henschke
Wer mit starkem Übergewicht abnehmen will, kann bald auch Tabletten schlucken, statt sich Injektionen zu verabreichen: Die EU hat eine orale Therapie mit dem Wirkstoff Semaglutid (Handelsname Wegovy) zur Gewichtskontrolle zugelassen. Es ist das erste Abnehmmedikament in Tablettenform in der EU, welches das Darmhormon GLP-1 nachahmt. In Deutschland könnte die rezeptpflichtige Abnehmtablette bereits im Spätsommer oder Herbst verfügbar sein. Für Österreich gibt es noch keinen Zeitplan, so Hersteller Novo Nordisk auf KURIER-Anfrage: „Wir arbeiten daran, neben dem bereits erhältlichen Wegovy-Pen auch die Wegovy-Pille in Österreich auf den Markt zu bringen, können zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch kein genaues Datum nennen.“ Die wichrigsten Fragen und Antworten.
Für wen ist die neue Tablette zugelassen?
Sie ist grundsätzlich für dieselben Zielgruppen gedacht und zugelassen wie die bisherige Wegovy-Abnehmspritze mit demselben Wirkstoff Semaglutid. Die Behandlung kommt in der Regel infrage für Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) ab 30 (Adipositas) oder bereits ab einem BMI von 27 (Übergewicht), wenn zusätzlich eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung vorliegt (u. a. Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe, Fettleber).
Auch die Tablette gibt es nur auf Rezept. Dringend empfohlen wird die Behandlung unter ärztlicher Begleitung und ergänzend zu einer Ernährungsumstellung sowie ausreichend Bewegung.
Wie ist die Abnehmpille einzunehmen?
Im Gegensatz zur Abnehmspritze, die man sich wöchentlich verabreicht, muss die Tablette täglich genommen werden. Sie muss nüchtern geschluckt werden, mit nur wenig Wasser. „Mit maximal 100 Millilitern, gerade so viel, dass sie in den Magen gelangt und dort liegen bleibt“, sagt Stephan Martin, Diabetologe und Direktor des Westdeutschen Diabeteszentrums in Düsseldorf.
Gewichtskontrolle mit Pille: Der Wirkstoff Semaglutid ist in der EU jetzt auch als Tablette zum Abnehmen bei starkem Übergewicht zugelassen.
Danach muss man eine halbe Stunde auf Essen oder Trinken verzichten. Der Grund: Die Tablette ist zum Schutz vor Magensäure verkapselt. Im Magen gibt sie den Wirkstoff in die Gefäße der Magenschleimhaut ab. Trinkt man zu viel, rutscht sie in den Dünndarm und wirkt nicht. Martin: „Diese Tabletten sind insbesondere geeignet für Menschen mit panischer Angst vor Spritzen.“
Welche Unterschiede zur Abnehmspritze gibt es?
Die Tablette habe „die gleiche Indikation, die gleiche Nebenwirkungsrate und eine ähnliche Wirksamkeit wie die Spritze“, sagt Martin. „Es ist der gleiche Inhaltsstoff, Semaglutid, nur höher dosiert.“ Zum Einstieg sind es bei der Tablette rund zehn Milligramm pro Woche, bei der Spritze 0,25 mg. „Ein Riesenunterschied, weil durch den Magen so wenig vom Hormon ankommt“, erläutert Andreas Pfeiffer, Endokrinologe und Ernährungsmediziner an der Berliner Charité.
Der Effekt ist identisch zur Spritze: Semaglutid ahmt das körpereigene Darmhormon GLP-1 nach und sorgen für eine längeranhaltende Sättigung. Der Appetit auf Süßes wird gezügelt.
Der wichtigste Unterschied ist die Einnahme: täglich schlucken statt wöchentlich spritzen. Die Tabletten müssen, anders als die Spritze, nicht gekühlt werden.
Kann man mit den Tabletten mehr abnehmen?
„Nicht wesentlich“, sagt Stephan Martin. In der OASIS-4-Studie verloren die Teilnehmer durchschnittlich 16,6 Prozent ihres Körpergewichts. Das bewegt sich in ähnlichem Rahmen wie die Wegovy-Spritze.
Abnehmerfolge von um die 20 Prozent zum Ausgangsgewicht seien laut Martin ohnehin nur mit einer Diätberatung und ausreichend Bewegung zu erreichen, bei vielen Patienten nicht einmal dann. Bei manchen wirke Semaglutid hingegen fast gar nicht, sagt Pfeiffer. Und: „Patienten mit Diabetes nehmen meistens weniger ab.“
Wer die Pille wieder absetzt, muss wie bei der Spritze mit einem Jo-Jo-Effekt rechnen.
Welche Nebenwirkungen sind bekannt?
Sie entsprechen denen der Abnehmspritze mit demselben Wirkstoff. „Die Magenentleerung wird verzögert. Man hat dadurch ein Völle- oder auch ein Übelkeitsgefühl“, sagt Martin. Bis zu einem Drittel der Patienten erbrechen häufig durch die Einnahme, so Pfeiffer. Ärzte empfehlen daher oft kleinere Mahlzeiten, zudem gewöhnt sich der Körper mit der Zeit oft an das Medikament. Zehn bis 20 Prozent müssten die Behandlung nach Nebenwirkungen abbrechen.
Kann man von der Spritze auf die Pille umsteigen?
„Man kann ohne Weiteres auf die Pille umsteigen“, sagt Pfeiffer. Zum konkreten Wechsel von der Wegovy-Spritze auf die neue Darreichungsform gibt es allerdings noch keine Studien. „Wenn man vorher mit der Spritze gut abgenommen hat, wird man wahrscheinlich mit der Pille das Gewicht mehr oder weniger halten können.“
Was wird die Pille kosten?
Auch die Wegovy-Tablette ist selbst zu zahlen. Preise sollen erst noch festgelegt werden und dürften je nach Land variieren. In den USA kostet eine Monatsration der Einstiegsdosis derzeit rund 149 US-Dollar (etwa 129 Euro). Durch weitere Hersteller dürften die Preise noch sinken. Stephan Martins Sorge: Durch die gesunkene Hemmschwelle könnten sich mehr Menschen die Abnehmpille legal oder illegal beschaffen, die sie gar nicht benötigen. „Die haben BMI 26, wollen eine Strandfigur.“ Dann werde die Tablette an einem Tag genommen, am nächsten nicht und am übernächsten Tag gleich mehrere: „Und dazu haben wir gar keine Daten, das sind Menschenexperimente.“
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