Wie Influencer junge Männer mit Testosteron-Werbung in Gefahr bringen

Ein Mann sitzt besorgt auf einem Sofa und schaut auf sein Handy.
Niedriger Testosteronspiegel als angebliche Krise der Männlichkeit: Eine neue Studie zeigt, wie Influencer junge Männer verunsichern und mit fragwürdigen Tests Geld verdienen.

"Wenn du morgens nicht mit einer Erektion aufwachst, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du einen niedrigen Testosteronspiegel hast", warnt ein Tiktok-Influencer seine rund 100.000 Follower. 

Erwähnung findet der fragwürdige Appell des selbsternannten "Sex Coaches" auch in einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Kopenhagen. Kernaussage der Untersuchung: Niedrige Testosteronspiegel werden in sozialen Medien zunehmend als Problem dargestellt, Testosterontests und -behandlungen für junge Männer als Gegenmaßnahme gepriesen.

Verbreitet werden die Botschaften in der sogenannten "Manosphere", einem Sammelbegriff für frauenfeindliche Gruppierungen im Netz, die destruktive Männerbilder verbreiten und Jugendliche dahingehend radikalisieren.

Neuerdings werden junge Männer dort auch bezüglich ihres Hormonspiegels verunsichert, beschreiben die Autorinnen und Autoren der dänischen Untersuchung. Die Gruppe um Public-Health-Expertin Emma Grundtvig Gram untersuchte in Summe 46 einflussreiche Beiträge über niedrige Testosteronspiegel und Tests, die auf Tiktok- und Instagram-Konten mit insgesamt mehr als 6,8 Millionen Followern veröffentlicht wurden.

Männlichkeitsnarrative

Testosterontests und -behandlungen würden als unverzichtbar für eine optimierte Männlichkeit beworben, heißt es in der Studie, in der entsprechende Postings im Internet analysiert wurden. Erst bestimmte Testosteronwerte würden einen Mann zum Mann machen, so das Narrativ. Testosteron werde "als Schlüssel zum Erreichen dieses Status positioniert", erklärt Studienleiterin Gram im Guardian

Normale Schwankungen in Bezug auf Energieniveau, Stimmung oder Libido würden zudem "als Anzeichen einer Pathologie" dargestellt. Gram: "Das schafft ein Gefühl der Dringlichkeit für Lösungen, was wiederum lukrative Märkte für Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel und medizinische Geräte befeuert, selbst wenn kein klinischer Nutzen vorliegt."

Schon vergangenes Jahr kamen australische Forschende zu dem Ergebnis, dass Influencer in großem Ausmaß irreführende Informationen über medizinische Tests – unter anderem auch Testosteronmessungen – verbreiten. 

"Einfach Wahnsinn"

Lukas Lusuardi, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU), findet klare Worte für die Entwicklung: "Das ist schlicht und einfach Wahnsinn." Lusuardi, auch Vorstand an der Universitätsklinik für Urologie und Andrologie des Landeskrankenhaus Salzburg, sieht mehrere Probleme. "Zum einen ist eine einmalige Messung des Testosteronspiegels über einen Bluttest nur eine Momentaufnahme, die ein paar Stunden später schon wieder ganz anders sein kann."

Tatsächlich haben Männer keinen stabilen Testosteronspiegel, sondern durchlaufen jeden Tag einen Zyklus. Morgens ist der Testosteronwert am höchsten und nimmt im Laufe des Tages ab. "Zum anderen muss eine Bestimmung des Testosteronwertes immer im Rahmen einer Untersuchung beim Urologen oder Endokrinologen in Kontext gesetzt werden."

Medizinisch angezeigt sei eine Erhebung des Testosteronspiegels nur in bestimmten Fällen: "Es braucht Symptome wie Müdigkeit, fehlende Behaarung bzw. ein verspäteter Eintritt in die Pubertät, zu kleine Hoden oder den Eindruck, dass im Genitalbereich etwas nicht passt", erläutert Lusuardi. In solchen Fällen sei – je nach Alter des Buben oder jungen Mannes – eine Abklärung beim Kinderarzt oder Urologen nötig. 

Hinter solchen Beschwerden kann ein sogenannter Hypogonadismus stecken, eine endokrine Funktionsstörung, die bei Männern zu einem Mangel am Sexualhormon Testosteron führt. Auch angeborene Chromosom- und Gendefekte können Geschlechtsentwicklung und körpereigene Testosteronproduktion verändern. "Erworbene Erkrankungen wie Hodentumore können sich ebenso auswirken", weiß der Experte. 

Dass im Internet Laien mit großer Reichweite zu solchen Testungen aufrufen, "finde ich primitiv und gefährdend für heranwachsende Buben, die womöglich denken, dass sie ein gesundheitliches Problem haben – ohne jegliches Substrat", so Lusuardi. 

Wirtschaftliche Interessen

In einem Atemzug werden oft Selbsttests für zu Hause angepriesen. Mit speziellen Testkits soll sich die Testosteron-Konzentration anhand einer Probe von Speichel, Stuhl, Urin oder einigen Tropfen Blut einfach bestimmen lassen. 

In der dänischen Studie verfolgten die Influencer mit dem Gros der analysierten Beiträge auch finanzielle Interessen, wie zum Beispiel den Verkauf von Testosterontests, -behandlungen oder -ergänzungsmitteln, oder wurden von Herstellern gesponsert. Zwei Drittel der Beiträge enthielten direkte Links oder Promo-Codes zum Kauf von Produkten.

Spezialist Lusuardi hält von den im Internet erhältlichen Produkten nichts: "Diese Tests liefern häufig fehlerhafte Ergebnisse, die bei den Nutzern große Verunsicherung auslösen oder gar die gezielte Einnahme von Testosteron auslösen können."

Testosterondoping

Testosteronpräparate – häufig in Kapselform – aus dem Internet seien aus mehreren Gründen bedenklich. "Einerseits weiß man nicht, was genau man einnimmt", sagt Lusuardi. 

Besonders problematisch sei dies bei verschreibungspflichtigen Mitteln, die im Darknet oder in Hinterzimmern von dubiosen Quellen vertrieben werden. Insbesondere Anabolika, synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. "Es gibt inzwischen eine größere Community junger Männer, die für einen muskulöseren Körper bereit ist, Medikamente einzunehmen oder sich diese zu spritzen – und potenziell gigantische Auswirkungen auf den gesamten Körper in Kauf nimmt. Davon kann man nur abraten."

Die Latte an möglichen Nebenwirkungen ist lang und reicht von psychischen Auswirkungen wie gesteigerter Aggressivität oder Persönlichkeitsveränderungen bis hin zu hämatologischen Problemen sowie Problemen mit dem Gefäßsystem und dem Herzen. Auch Lebererkrankungen oder Potenzstörungen können bei langfristigem Missbrauch auftreten.

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