Testosteron: Wann eine Hormontherapie sinnvoll ist – und wann gefährlich
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth ließ kürzlich mit einer polarisierenden Ansage auf der Plattform X aufhorchen. Künftig sollen bei allen Soldaten über 30 Jahren im Rahmen der jährlichen Gesundenuntersuchung die Testosteronwerte gemessen werden. Er begründete dies damit, dass der „einzelne Kämpfer“ stets der wichtigste taktische Vorteil der USA bleiben werde. Deshalb müsse man ständig nach neuen Wegen suchen, um die Leistungsfähigkeit und langfristige Gesundheit der Soldaten zu optimieren. Die Tests sollen sicherstellen, dass Soldaten über „die richtigen Testosteronwerte“ verfügen, um Bestleistungen zu erbringen. Der Testosteronspiegel sinke mit zunehmendem Alter oft auf natürliche Weise, so der Pentagon-Chef.
„Rein um leistungsstarke Warrior heranzuzüchten, ist ein Screening die falsche Motivation“, sagt Urologe Erik Randall Huber vom Urologenzentrum in Wien. Allerdings räumt er ein, dass damit ein Datenschatz erhoben würde, der jede Menge neue Erkenntnisse zu Testosteron-Screening und Ersatztherapie bringen könnte.
Richtwerte individuell
Dabei sollte man wissen, dass die Interpretation der Werte sehr individuell ist. „Testosteron wirkt über Rezeptoren, die bei jedem Menschen unterschiedlich stark empfänglich sind. Wenn der Testosteronspiegel niedrig ist, kann es sein, dass der Rezeptor stark ist und das Testosteron gut bindet. Dann braucht der Körper grundsätzlich weniger Testosteron.“ Derselbe Wert könne bei zwei Personen unterschiedlich interpretiert werden.
Die Richtwerte, an denen sich Mediziner orientieren, liegen zwischen 3,6 ng/ml und 2,3 ng/ml. Unter 3,6 KANN ein Mangel vorliegen, unter 2,3 liegt DEFINITIV ein Mangel vor.
Auf die Symptome kommt es an
Ein Testosteronmangel ist mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Osteoporose assoziiert. Zudem hat er starken Einfluss auf das gesamte Wohlbefinden und die Libido. „Männer mit Testosteronmangel präsentieren sich bei uns ähnlich wie bei einer Depression“, erklärt Huber. Oft kämen sie mit Antriebslosigkeit, Libidoverlust, Zunahme des Körperfetts und Abnahme der Muskelmasse – alles typische Symptome.
Auch Männer mit Typ-2-Diabetes sollten den Hormonstatus im Blick haben, denn Testosteron verbessert die Stoffwechsellage bei Diabetikern. Es führt zu Fettverlust und Muskelaufbau – vorausgesetzt, man trainiert.
Jeder Muskel wächst
Und hier ist es zum Missbrauch nicht weit. Zu viel Testosteron kann ebenfalls gravierende Folgen haben. „Die Gründe für einen Missbrauch können vielfältig sein, oftmals geht er mit einer verzerrten Wahrnehmung des Körperbildes einher“, so Huber. Männer kämen mit unerfülltem Kinderwunsch in die Praxis – nach Absetzen könne sich die Fruchtbarkeit in den meisten Fällen wieder normalisieren. Ein Zuviel an Testosteron kann zudem schwere Herzerkrankungen nach sich ziehen, etwa eine Herzmuskelvergrößerung. „Wenn man Testosteron nimmt, wächst jeder Muskel – auch jene, die nicht wachsen sollen, wie der Herzmuskel“, so Huber.
Testosteron ist ein körpereigenes Sexualhormon, das vor allem in den Hoden bei Männern und in geringeren Mengen in den Eierstöcken bei Frauen produziert wird. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung männlicher Geschlechtsmerkmale, dem Muskelaufbau, der Knochendichte und der Libido.
Wie ein Mangel behandelt wird
„Nicht der Laborwert allein entscheidet über eine Therapie, sondern die Kombination aus Beschwerden, wiederholt erniedrigten Testosteronwerten und dem Ausschluss behandelbarer Ursachen“, so Huber.
Bei nachgewiesenem Testosteronmangel und deutlicher Symptomatik ist eine Ersatztherapie Goldstandard. Testosteron wird dabei über Gele, Spritzen oder Pflaster verabreicht. „Eine Therapie sollte nur erfolgen, wenn tatsächlich ein Mangel vorliegt und Symptome bestehen und der erniedrigte Wert in einer zweiten morgendlichen Messung bestätigt wurde“, betont Huber. Vor Beginn müssen Prostatakrebs und andere Kontraindikationen ausgeschlossen werden. Die Behandlung erfordert regelmäßige ärztliche Kontrollen, da eine unkontrollierte Testosterongabe Risiken birgt – etwa für das Herz-Kreislauf-System oder die Blutbildung.
Kommentare