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Wissen Gesundheit
11/05/2020

Telemedizin gewinnt im Schatten von Corona bei Diabetes an Bedeutung

Vom Blutzuckermanagement mit Tablet zur virtuellen Visite bei Schwangerschaftsdiabetes.

Die Corona-Pandemie stellt die medizinische Betreuung von Patienten mit chronischen Erkrankungen vor besondere Herausforderungen. Diabetiker werden neben anderen chronischen Erkrankungen häufig als eine der Corona-Risikogruppen genannt. Telemedizinische Versorgungskonzepte können die Patientensicherheit erhöhen und gesundheitliche Folgen wegen Unterversorgung vermeiden. Am LKH-Uniklinikum Graz hat man bei Diabetespatienten gute Erfahrungen mit telemedizinischen Tools gemacht.

Rund zehn Prozent der Österreicher sind von Diabetes betroffen, unter den Erwachsenen über 70 Jahren sind es etwa 25 Prozent, erläuterte der Diabetologe und Endokrinologe Harald Sourij von der Med-Uni Graz im Gespräch mit der APA. Ins Spital kommen Diabetiker häufig wegen einer völlig anderen Akutsymptomatik - und liegen dementsprechend nicht auf der auf Stoffwechselerkrankungen spezialisierten endokrinologischen Station. Ungewohntes Essen, andere Essenszeiten, weniger Bewegung im Krankenhaus beeinflussen dann oftmals den langfristig eingestellten Zuckerhaushalt und können ungünstige Blutzuckerwerte mit sich bringen. Dies führt auch dazu, dass der Spitalsaufenthalt länger dauert, die Heilung langsamer verläuft oder das Infektionsrisiko steigt.

"Glucotab" errechnet Insulinmenge

Damit die Blutzuckereinstellung im Spital dennoch gut funktioniert und die Zielwerte erreicht werden, haben steirische Forscher und Mediziner der Med-Uni Graz ein tablet-basiertes System entwickelt. Das sogenannte "Glucotab" errechnet aufgrund des beim stationären Patienten gemessenen Blutzuckerspiegels der jeweils vergangenen 24 Stunden die passende Insulinmenge. Auf schwankende Blutzuckerwerte kann somit akkurat reagiert werden. Die Bestimmung der erforderlichen Insulindosis erfolgt direkt am Patientenbett. Die errechneten Dosierungsvorschläge würden die Arbeitsabläufe verkürzen und damit behandelnde Mediziner anderer Fachdisziplinen und das Pflegepersonal unterstützen, so Sourij.

Entwickelt wurde das tablet-große System gemeinsam mit Joanneum Research und der Med-Uni Graz unter Mitwirkung der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie. Die endgültige Entscheidung und somit auch die Verantwortung liegen immer noch beim Arzt oder dem Pflegepersonal, betonte die Grazer Endokrinologin Julia Mader von der Uniklinik für Innere Medizin in Graz. Ärzte und Diabetesberater der Ambulanz für Diabetes, Lipid- und Stoffwechselkrankheiten können die Diabeteskurven ohne Besuch vor Ort einsehen und ebenfalls Therapieempfehlungen aussprechen.

Das elektronische Diabetes-Management-System habe sich in den vergangenen Pandemie-Monaten als hilfreich erweisen, da viele Besuche durch Diabetologen vor Ort vermieden werden konnten, hielt Mader fest. Das elektronische Diabetes-Management-System wurde in einem Regionalspital getestet, mittlerweile wird es auf nahezu allen chirurgischen Stationen des LKH Graz im Routinebetrieb eingesetzt. "Es gibt auch eine Pflegeheimvariante, die gerade erprobt wird, als nächster Schritt soll es auch im Hauskrankenpflegebereich zum Einsatz kommen", blickte Mader in die Zukunft. Die Vermarktung und Weiterentwicklung hat das Grazer Start-Up Decide Clinical Software GmbH übernommen.

Doch auch die Zahl der Schwangerschaften von Frauen mit Diabetes sowie mit Schwangerschaftsdiabetes ist am Steigen. Auch hier ist es wichtig, dass Unter- und Überzuckerungen vermieden werden um Komplikationen bei Mutter und Kind zu minimieren, sagte Sourij. An der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie wurde auch schon während des ersten Lockdown das Blutzuckermanagement von schwangeren Frauen mit Diabetes mellitus weitgehend telemedizinisch unterstützt. "Bei vielen Schwangeren mit vorbestehendem Diabetes mellitus wird der Blutzucker mittlerweile mit kontinuierlichen Messsystemen gemessen. Wenn die Daten elektronisch gesammelt und übermittelt werden, können sie in virtuellen Visiten besprochen werden", erklärte Sourij, der die Ambulanz für Diabetes, Lipid- und Stoffwechselkrankheiten leitet. Eine "Herausforderung" dabei bleiben die verschiedenen Softwaresysteme der Anbieter der Blutzuckermesssysteme. "Hier wäre eine einheitliche Plattform sehr hilfreich", sagte Sourij.

Telefonische Visite

An der Med-Uni Graz wird zudem das "Grazer Diabetes Register für Biomarkerforschung" geführt. An diesem Projekt mit dem Grazer CBmed (Center for Biomarker Research in Medicine) nehmen rund 1.300 Diabetespatienten teil und stellen ihre krankheitsbezogenen Daten der Diabetesforschung zur Verfügung. Ziel ist u. a. die Erforschung von Biomarkern zur besseren Risikoabschätzung und Therapieplanung bei Menschen mit Diabetes. Weitere Projekte beschäftigen sich mit der Gefahr von Blutgerinnselbildung bei Unterzuckerung, der Entstehung von Herzmuskelschwäche bei Zuckerkrankheit oder auch mit verschiedenen Fastenmethoden bei Diabetes mellitus.

"Die Nachverfolgung der Studienteilnehmer gestaltete sich heuer besonders herausfordernd", berichtete Studienleiter Sourij. Viele "Visiten" wurden daher telefonisch durchgeführt: Mithilfe eines tablet-basierten Tools, welches die Med-Uni mit der Firma Kapsch BusinessCom entwickelt hat, wurden die Daten direkt in die Forschungsdatenbank der Med-Uni Graz überführt. Diese ist wiederum elektronisch mit der Labordatenbank verknüpft. "Diese elektronischen Hilfsmittel haben uns definitiv erleichtert, die Herausforderungen der aktuellen Zeit besser zu meistern. Aber auch abgesehen von Covid-19 setzen wir immer mehr elektronische Tools in der klinischen Forschung ein, so haben wir auch bereits die elektronische Einverständniserklärung in dem Registerprojekt implementiert", schloss Sourij.

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