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„Er ist mein Blutsbruder“: Wie eine Stammzellspende einer Ärztin das Leben rettete

Bei Leukämie kann eine Stammzellspende Leben retten. Doch nur 4 Prozent der Menschen in Österreich sind als potenzielle Spender registriert. Warum es sie braucht, zeigt der Fall einer betroffenen Ärztin.
Ärztin Gabriele Leister mit ihrem Stammzellspender beim Wandern.

Gabriele Leister ist Anästhesistin, 49 Jahre alt und steht mitten im Berufsleben. Dass sie heute wieder arbeitet, war vor ein paar Jahren nicht absehbar: 2017, mit 40, erhielt sie die Diagnose akute myeloische Leukämie (AML), eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems, also des Knochenmarks. Blutvorläuferzellen vermehren sich unkontrolliert und verdrängen nach und nach die normale Blutbildung. Dadurch entstehen zu wenige gesunde rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen.

Für Leister war die Diagnose ein Schock, insbesondere weil die Symptome zunächst unscheinbar begonnen hatten. „Ich habe mich drei Wochen krank und ungewöhnlich erschöpft gefühlt, hatte Nackenschmerzen und bekam beim Stiegen steigen plötzlich schlecht Luft. Nach einer Blutabnahme war relativ rasch klar, dass es sich um eine AML handelt. Ich bin in eine regelrechte Starre verfallen“, erzählt Leister.

Spender gesucht

Bereits einen Tag nach der Diagnose begann die Chemotherapie. Sie sprach gut darauf an und rasch wurde deutlich, dass eine Stammzelltransplantation langfristig eine Chance auf Heilung bieten würde. Dabei wird das erkrankte blutbildende System eines Menschen durch gesunde Stammzellen eines anderen ersetzt. Ziel ist es, dass sich daraus ein neues, funktionierendes Knochenmark entwickelt.

Die Stammzellen stammen meist von einem passenden Spender und werden aus dem Blut gewonnen: Der Spender erhält zuvor ein Medikament, das die Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut mobilisiert. Diese werden dann über ein Verfahren ähnlich der Dialyse aus dem Blut gefiltert. Eine Entnahme direkt aus dem Knochen, die viele immer noch befürchten, ist heute selten. Einen passenden Spender zu finden, ist jedoch nicht einfach. „Passend“ bezieht sich auf die sogenannten HLA-Merkmale (Humane Leukozyten Antigene). Das sind Eiweißstrukturen auf der Oberfläche von Zellen, die dem Immunsystem helfen, „eigen“ und „fremd“ zu unterscheiden. Je mehr davon übereinstimmen, desto geringer ist das Risiko von Abstoßungsreaktionen oder schweren Nebenwirkungen. Eine 100-prozentige Übereinstimmung ist ideal, aber nicht immer notwendig.

Wahrscheinlichkeit von 1:500.000

Ist eine Stammzellspende erforderlich, wird über eine Spenderzentrale in internationalen Datenbanken nach Übereinstimmungen gesucht. Diese sind bei Geschwistern statistisch häufiger, doch in rund 70 Prozent der Fälle wird der passende Spender außerhalb der Familie gefunden. Bei Gabriele Leister wurden zwei mögliche Spender in einem Register entdeckt, doch beide fielen aus. „Einer der beiden war auf Weltreise, der andere krank. Dadurch hat sich die Behandlung hinausgezögert. In dieser Wartezeit tauchte ein dritter Spender auf, der sich gerade zu dieser Zeit in Polen registrieren hat lassen. Das war ein absoluter Glücksfall“, erzählt die Medizinerin. Die Übereinstimmung war 100 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen zueinander passende Gewebemerkmale haben, liegt bei nur 1:500.000. Aktuell wird nur für jeden zehnten Betroffenen eine passende Stammzellspende gefunden.

Während Leisters eigenes Immunsystem durch Chemotherapie und Bestrahlung vollständig ausgeschaltet wurde, bereitete man den Spender auf die Entnahme vor. Seine Stammzellen wurden aus dem Blut gefiltert und nach Wien geflogen. Sie werden vom Körper wieder nachgebildet. Am nächsten Tag erhielt Leister die Zellen wie bei einer Bluttransfusion. Die neuen Zellen fanden ihren Weg ins Knochenmark und nahmen dort ihre Arbeit auf. Leister: „Nach etwa zehn Tagen waren erstmals neue Blutzellen nachweisbar. Abstoßungsreaktionen hatte ich keine und die Medikamente konnten schrittweise reduziert werden. Heute fließt in meinem Körper ausschließlich das Blut meines polnischen Spenders, sogar mit einer neuen Blutgruppe.“

Fünf Jahre nach der Transplantation konnte sie den Mann kennenlernen, der ihr dieses zweite Leben ermöglicht hat. Ist der Spender einverstanden, ist eine Kontaktaufnahme möglich. Aus einem anonymen Kontakt wurde ein persönlicher. Leister und Spender Zbigniew schrieben einander E-Mails, besuchten sich und lernten die Familien kennen. „Es ist schwer zu erklären“, sagt Leister, „aber es fühlt sich an, als wäre dort eine zweite Familie entstanden. Er ist für mich mein Blutsbruder.“

"Wollte unbedingt wissen, wer es ist"

Sie reist regelmäßig nach Polen, auch der um zehn Jahre ältere Zbigniew war mit seiner Frau Jola bereits in Österreich, gemeinsam mit Gabriele Leister waren sie etwa in Salzburg Bergsteigen. „Ich kann kaum in Worte fassen, was es mir bedeutet, dass ein Mensch, der mich nicht gekannt hat, so selbstlos war und mir seine Zellen geschenkt hat. Das ist so großartig, dass ich unbedingt wissen wollte, wer das ist und es war wunderschön, eine erste Antwort zu erhalten.“

Mit ihrer Geschichte möchte Leister andere dazu ermutigen, sich für eine Stammzellspende registrieren zu lassen. Nach einer kurzen Online-Anmeldung beim Roten Kreuz oder beim Verein „Geben für Leben“ erhält man ein Typisierungsset. Mit einem Wattestäbchen macht man einen Wangenabstrich und sendet es mittels Rückkuvert zurück. Nach einer Laboranalyse wird man international als Spender registriert. Passt man zu einer erkrankten Person, wird man erneut kontaktiert und gefragt, ob man zur Spende bereit ist.

Gabriele Leister weiß, wie viel von einer solchen Registrierung abhängen kann. „Manchmal reicht ein vergleichsweise kleiner Schritt, um einem anderen Menschen das Leben zu retten. Man muss sich bewusst sein, dass man selbst oder ein‚ Angehöriger auch Blutkrebs bekommen könnte. Gerade bei Leukämie sind sehr viele Kinder betroffen, die so die Chance haben, wirklich gesund zu werden“, sagt Leister.

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