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Wissen Gesundheit
04/07/2021

SOS-Kinderdorf fordert Ausbau der Kinderpsychiatrie

Kinder und Jugendliche leiden unter der Pandemie, doch Hilfsangebote sind rar. Was jetzt zu tun wäre.

Zum Tag der Gesundheit am heutigen 7. April lenkt das SOS-Kinderdorf den Blick auf die psychische Gesundheit der Jüngsten in der Gesellschaft: Die Organisation fordert angesichts der Pandemie den Aufbau einer Übergangspsychiatrie, flächendeckende Therapie auf Krankenschein und Förderung digitaler Angebote.

Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf, warnt:. "Die psychische Verfassung von Jugendlichen ist dramatisch. Immer mehr junge Menschen leiden an ernsten psychischen Erkrankungen. Sie brauchen Hilfe – rasch, professionell und leistbar."

Sofort reagieren

Christoph Schneidergruber, Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie von SOS-Kinderdorf in Kärnten, kennt die Praxis: "Gerade bei jungen Menschen ist es wichtig, sofort zu reagieren, wenn sie therapeutische oder psychiatrische Unterstützung benötigen."

Derzeit fehlt in Österreich jedoch die nötige Infrastruktur dazu. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hinkt weit hinter dem vorgesehenen Versorgungsplan hinterher. Es gibt zu wenig Fachärzte und Fachärztinnen und damit fehlen gleichzeitig Ausbildungsplätze, um ebendiese Fachleute aufzubauen.

"Die Politik ist dringend gefordert, dieses Dilemma zu lösen. Hier braucht es schnelles und entschlossenes Handeln, damit junge Menschen eine gesunde Zukunft haben", so Moser. "Derzeit wird der Bedarf an psychosozialer Unterstützung für Kinder und Jugendliche fast täglich mit neuen Studien untermauert. Wann, wenn nicht jetzt, wird dieses Thema endlich energisch angegangen?"

Therapie auf Krankenschein

Die Österreichische Gesundheitskasse will in den Ausbau von Psychotherapien investieren, das geht allerdings schleppend voran. Unklar ist, inwiefern Jugendliche davon profitieren werden. Bereits vor der Corona-Krise fehlten rund 70.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder und Jugendliche. Die Auswirkungen der Pandemie haben den Versorgungsnotstand weiter verschärft.

"Es kann nicht sein, dass Jugendliche bzw. ihre Familien therapeutische Behandlungen, die nicht billig sind, zum überwiegenden Teil selbst finanzieren müssen. Das schließt große Teile der Bevölkerung schlichtweg aus. Und wir wissen, dass gerade Jugendliche aus wirtschaftlich schlechter gestellten Familien derzeit besonders belastet sind. Sie brauchen Unterstützung und die muss leistbar sein", so Moser.

Zugang vereinfachen

Die benötigte Hilfe müsse nicht nur leistbar, sondern auch erreichbar sein. Gerade in ländlichen Regionen ist das oft schwierig. Regelmäßige Therapien sind bei langen Anfahrtswegen kaum zu schaffen, noch dazu in ohnehin belasteten Situationen. SOS-Kinderdorf fordert darum innovative und kreative Ansätze wie etwa Krisenbehandlung zuhause oder digitale Therapieangebote.

"Seit dem ersten Lockdown hat sich in unseren Ambulatorien für Kinder- und Jugendpsychiatrie gezeigt, dass Therapien über Telefon oder Videochat gerade von Jugendlichen sehr gut angenommen werden", so Schneidergruber.

SOS-Kinderdorf sieht darin die Chance, einen unterversorgten Gesundheitsbereich rasch zu entlasten, insbesondere am Land. "Solche neuen Konzepte können helfen, lange Wartezeiten zu überbrücken und akute, schwere Krankheitssymptome schneller zu identifizieren und umgehend Maßnahmen zu setzen. Jeder Tag, den ein Jugendlicher oder eine Jugendliche alleine unter einer psychischen Krankheit leidet, ohne Hilfe zu bekommen, ist einer zu viel", so Schneidergruber.

Übergangspsychiatrie für Jugendliche

Damit junge Menschen genau die Behandlung bekommen, die sie brauchen, müssen die richtigen Angebote geschaffen werden. Derzeit unterscheidet das österreichische Gesundheitssystem zwischen Kindern bis 18 Jahren und Erwachsenen. In der Realität fühlt sich kaum jemand schlagartig mit dem 18. Geburtstag erwachsen. Der Wechsel von der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie ist für viele junge Menschen ein schwieriger Schritt. SOS-Kinderdorf schlägt darum vor, 15- bis 25-Jährige am Weg zum Erwachsenwerden mit Überganspsychiatrie zu begleiten, wie es etwa bereits in Deutschland erfolgreich geschieht.

Bessere Koordination

Auch die Schnittstellen unterschiedlicher Betreuung müssen besser koordiniert werden. Gerade wenn junge Menschen schwer belastet sind, ist es wichtig, dass die Versorgung reibungs- und lückenlos funktioniert. Dazu müssen stationäre und ambulante Psychiatrie, Therapieplätze, mobile und digitale Angebote und auch geeignete Wohnformen eng ineinandergreifen.

„Damit junge Menschen die Chance auf ein gesundes und selbstbestimmtes Leben haben, müssen dringend entscheidende Schritte gesetzt werden. Seelisches Leid ist nicht so offensichtlich wie ein gebrochener Arm. Wir sind es Jugendlichen schuldig, ihre psychische Belastung aber ebenso ernst zu nehmen und alles dafür zu tun, damit es ihnen rasch besser geht“, so Moser.

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