Social Media erst ab 14: "Dann müssen Eltern nicht alleine kämpfen"
Viele Kinder und Jugendliche vernachlässigen Offline-Aktivitäten und bevorzugen das Handy.
Australien hat es vorgemacht und ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren eingeführt. Auch Frankreich und Großbritannien arbeiten an ähnlichen Gesetzen. Österreich will nach dem Handyverbot in den Schulen nun auch Soziale Netzwerke einschränken: Sie sollen erst ab 14 erlaubt sein. Die Umsetzung und wann genau die Regelung in Kraft treten soll, stehen noch nicht fest. Petra Trautwein, Lernexpertin und Autorin von „Handyfrei – wie Eltern ihren Kindern den gesunden Umgang mit Handy & Medien beibringen“, begrüßt gesetzliche Verbote. Sie würden Eltern helfen, klare Regeln umzusetzen. Vielen falle es schwer, konsequent zu bleiben, auch, weil sie selbst oft am Handy hängen und Medienkonsum oft als harmlos abtun.
Warum Eltern sich besser informieren sollten und wann Handykonsum bei Kindern problematisch ist, erklärt Trautwein im Interview.
Wann ist ein guter Zeitpunkt für ein Handy?
Petra Trautwein: Das ist sehr individuell, aber wären meine Kinder heute in dem Alter, würde ich versuchen, sie mindestens bis 14 ohne Handy zu lassen. Dass Kinder nicht ständig erreichbar sind, hat etwas mit Vertrauen und Zutrauen zu tun. Wir machen sie viel kleiner, wenn wir versuchen, sie ständig zu kontrollieren. Das Handy hat daran einen hohen Anteil. Wir müssen ihnen zutrauen, dass sie den Schulweg ohne uns meistern. Unsere Aufgabe – das haben viele Eltern ein bisschen vergessen – ist, sie dazu zu erziehen, selbstständig zu werden.
Ganz oft höre ich die Angst, dass ein Kind nicht dazugehört, weil es kein Handy hat. Hier hilft, sich mehr auf die Freunde im echten Leben zu fokussieren, auch mithilfe der Eltern. Erlebnisse, die man online hat, ersetzen Offline-Freundschaften nicht. Im Gegenteil: Je länger Kinder online sind, desto weniger wirkliche Freundschaften haben sie.
Petra Trautwein ist Lernexpertin und Buchautorin.
Wenn man seinem Kind ein Handy gibt, wie geht man am besten damit um?
Ich empfehle einen Medienvertrag, in dem klar steht, was das Kind mit dem Handy machen darf und was nicht, zum Beispiel alleine Apps herunterladen. 10-jährige sollten sich nicht einfach etwas herunterladen können ohne, dass die Eltern sich das mit dem Kind gemeinsam ansehen. Geregelt sein sollte auch, wie lange das Kind jeden Tag online ist. Ich erlebe ganz oft, dass Kinder sich daran nicht halten wollen. Da müssen Eltern dann dranbleiben. Familienleben beruht auf Regeln und wir können nicht, nur, weil die Diskussionen dazu anstrengend sind, es einfach laufen lassen. Klarheit und Konsequenzen sind sehr wichtig. Vielen Eltern fällt das schwer, auch weil sie das Handy selbst sehr viel benutzen. Das Handy ist aber kein Grundrecht, sondern ein Privileg.
Ich würde auch in den Vertrag hineinnehmen, dass die Schule und das Sozialverhalten nicht leiden dürfen, dass Kinder weiterhin zum Sport gehen – das ist individuell unterschiedlich, aber generell geht es um Offline-Aktivitäten. Oft sind Kinder sonst nur noch online, nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern weil die Apps und Spiele einfach ganz bewusst so angelegt sind, dass sie süchtig machen.
Buchcover "Handyfrei. Wie Eltern ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Handy & Medien beibringen"
Ist das kindliche Gehirn dafür anfälliger?
Ja, definitiv. Der präfrontale Cortex, der Teil vom Gehirn, der für die Emotionsregulierung zuständig ist, ist noch nicht ausgereift. Kinder können mit Reizüberflutung nicht so gut umgehen wie Erwachsene und dem Dopaminkick, wenn die nächste Nachricht kommt oder das nächste Video, noch schwerer widerstehen. Es ist wirklich Suchtverhalten, wenn Kinder dann Regeln brechen und versuchen, Sperren zu umgehen, damit sie länger online bleiben können. Auch Konzentration und Aufmerksamkeit leiden. Studien zeigen eindeutig einen Zusammenhang zwischen der Einführung von Smartphones und Tablets und dem Rückgang der Konzentrationsfähigkeit von Kindern. Viele denken, sie entspannen mit dem Handy. Aber das Gehirn entspannt dabei nicht, sondern ist im Hochleistungsbetrieb. Das gilt auch für Erwachsene.
Wann ist der Handykonsum zu viel?
Wenn ich mein Kind nicht mehr erkenne, weil es sich verändert. Weil es nicht mehr rausgeht, nicht mehr zum Sport geht, keine Freunde mehr hat. Wenn ich das Handy nicht weglegen kann, egal wie alt ich bin, dann bin ich süchtig. Man definiert Sucht dahingehend, dass der Alltag nicht mehr ohne Einschränkungen machbar ist. Es gibt Kinder, die sehr gut mit dem Handy umgehen. Sie haben weiterhin Freunde, gehen zum Sport, haben gute Noten. Dann ein oder zwei Stunden am Handy zu sein, ist in Ordnung.
Was halten Sie vom Handyverbot an Schulen und von einem Social Media Verbot für unter 14-jährige?
Ich finde es sehr, sehr gut, weil dann Eltern nicht alleine kämpfen müssen, sondern es klare Regeln gibt. Es kommt aber darauf an, wie gut die Zugangsbeschränkungen sind. Muss man zum Beispiel einen Ausweis hochladen, der dann geprüft wird oder fragt man einfach, wie alt jemand ist und lässt ihn dann herein. Man muss es vernünftig kontrollieren. Und Eltern können ihren Kindern schon sagen, schau, das ist ab 14, ich kann dir das nicht erlauben, das ist einfach verboten. Die Frage ist zudem, wie konsequent auch die Schule dabei ist. Es gibt durchaus Fälle, wo Hausaufgaben von Lehrern über einen Kanal verschickt werden, in dem die Kinder legal noch gar nicht sein dürften.
Heutige Eltern sind die Ersten, die eine Generation mit Handy begleitet. Und sie haben damit keine Erfahrung aus ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Meine Bitte ist wirklich, dass Eltern sich schlau machen. Man weiß, dass Kinder übers Internet immer früher mit Pornografie und Gewalt in Kontakt in Kontakt kommen. Vieles finden wir harmlos, weil wir es nicht besser wissen.
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