Wissen | Gesundheit
06.04.2018

So viel Zucker ist in den heimischen Getränken

In Großbritannien gilt ab heute die Zuckersteuer. In Österreich sinkt der Zuckergehalt seit 2010 – aber langsam.

Primarius Alexander Klaus ist mit den Folgen von massivem Übergewicht täglich konfrontiert – als Vorstand der chirurgischen Abteilung im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien. Ein Schwerpunkt: Adipositas-Chirurgie, etwa ein Magen-Bypass, der den Großteil des Magens umgeht und so raschere Sättigung – und damit eine Gewichtsabnahme – ermöglicht. „Wir haben Patienten mit einem Body-Mass-Index von 50.“ Adipositas beginnt bei einem BMI von 30. „Bei einer Größe von 1,70 Meter bedeutet das ein Gewicht von ca. 145 Kilogramm. Wir sehen heute erst die Spitze des Eisbergs.“

Aus seiner Erfahrung sagt der Chirurg: „Eine Steuer auf Zucker könnte eine zusätzliche Hilfe für krankhaft übergewichtige Menschen sein und sie unterstützen, zu gesunden – und in der Relation dann auch günstigeren – Lebensmitteln zu greifen.“ Nur sehr zuckerhältige Lebensmittel zu verteuern, sei aber zu wenig: „Wir brauchen mehr Präventionsmaßnahmen: Die müssen im Kindergarten beginnen.“

Studien zeigen positive Ergebnisse

Fünf Studien, die jetzt in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden, kommen zu dem Schluss: Zusätzliche Steuern auf Softdrinks, Alkohol und Tabak könnten ein wirksames Mittel gegen die Zunahme chronischer Krankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen sein. Heute, Freitag, tritt in Großbritannien die Zuckersteuer in Kraft – ab fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter ist eine Abgabe fällig, ab acht Gramm steigt sie nochmals.

Das vorsorgemedizinische Institut Sipcan erhebt seit 2010 jährlich den Zuckergehalt von rund 700 Getränken in Österreich. „Seit damals ist der durchschnittliche Zuckergehalt um 13, 5 Prozent gesunken. Das entspricht einem Gramm pro 100 Milliliter“, sagt Sipcan-Ernährungswissenschafter Manuel Schätzer. „Durch unsere Liste gibt es auch einen Druck auf die Industrie.“ Zumal Getränke, die den Sipcan-„Grenzwert“ für Zucker überschreiten, in Schulen nicht verkauft werden. Eine Zuckerreduktion könne nur schrittweise gelingen, „damit der Konsument eine Chance hat, sich daran zu gewöhnen“. Keine Lösung seien Süßstoffe als Ersatz: „Damit bleibt der Konsument an die Süße gewöhnt.“

Für und Wider

Auch wenn für die türkis-blaue Koalition eine Zuckersteuer kein Thema ist, gibt es in Österreich eine Diskussion darüber: „Eine Zuckersteuer ist keine schlechte Idee, weil es wirklich viele Getränke gibt, die unnötigerweise extrem viel Zucker beinhalten“, sagt Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres. Er unterstütze auch ein Ampelsystem zur Lebensmittelkennzeichnung: „Man sollte Nahrungsmittel nach gesundheitlicher Qualität sortieren. Denn es fehlt das Bewusstsein, dass manches zwar gut schmeckt, aber viele Inhaltsstoffe wesentlich weniger gesund sind, als vermittelt wird.“

„Solche Steuern müssten für Präventionsmaßnahmen zweckgebunden sein“, betont Franz Bittner, Patientenombudsmann der Wiener Ärztekammer. „Schon heute sind zehn Prozent der Bevölkerung Typ-2-Diabetiker.“

Skeptisch ist hingegen der stellvertretende SVA-Obmann Alexander Herzog: „Ich bin kein Freund von Steuern, sondern von Aufklärungsarbeit und positiven Anreizmodellen. Steuern sind Zwang, man nimmt den Leuten etwas aus der Tasche.“ Er könne sich ein Modell ähnlich dem SVA-Programm „Selbstständig gesund“ vorstellen, bei dem das Erreichen von fünf Gesundheitszielen den Selbstbehalt halbiert.

Getränkebezeichnungen: Was ist was?

Fruchtsaft: 100 % aus  der jeweiligen Frucht. Entweder direkt gepresst, erhitzt  und abgefüllt oder konzentriert und mit Wasser aufgefüllt.

Fruchtnektar: Saftanteil zwischen 25–50 %, Wasser und Zucker (Zuckerarten) und/oder Honig (Zucker, Zucker- arten und Honig bis zu höchstens 20 % des Gesamtgewichts).

Fruchtsaftgetränk: Saftanteil 6–30 %, Wasser, Zucker, Aromaextrakte und/oder natürliche Aromen, Genuss- säuren, Farb- u. Konservierungs- stoffe erlaubt. Zitrusgetränke: Orangeade, Zitronade.

Limonade: Kein Fruchtsaftanteil bzw. bei Hinweis auf Saft: 3–15 %, Wasser, Zucker, Aromen, Genusssäuren. Weiters möglich: Chinin, Koffein, Molkenerzeugnisse, Farbstoffe, Vitamin C, Verdickungsmittel, Süßstoffe, Konservierungsmittel.

Fruchtsirup: Geringer Fruchtanteil,  dickflüssige Zubereitung aus Fruchtsaft mit bis zu 68 % Zucker und Wasser.

Gespritzte Fruchtsäfte: Als „ideale Durstlöscher“ bezeichnet  Sipcan neben Wasser, Mineralwasser, ungesüßten  Kräuter- und Früchtetees auch gespritzte Fruchtsäfte. Sie sollten idealerweise im Verhältnis 1:3 gespritzt sein (1 Teil 100-prozentiger Fruchtsaft plus 3 Teile Wasser / Mineralwasser. Auf Verpackungen steht im Fall einer 1:1 Verdünnung „mit 50 % Fruchtanteil“, bei einer Verdünnung von 1:2 „mit 30 Prozent Fruchtanteil“. Außerdem sollte kein Zucker zusätzlich zugesetzt sein.

Nahrung,  kein Getränk: 100-prozentige Fruchtsäfte und Smoothies sind wie Milch ein Lebensmittel. Somit kann ein Glas 100-prozentiger Saft pro Tag eine Portion Obst ersetzen, ist  aber  kein Durstlöscher.