Schwerhörigkeit bei Kindern: „Für Josi sind die Hörgeräte ihre Ohren“
Rucksack herunter, Jacke ausziehen, eine kurze Begrüßung und dann greift Josi schon zu ihren Ohren, um ihre Hörgeräte herauszuholen. Für das zweijährige Mädchen ist die regelmäßige Kontrolle in der Kinderakustik von Neuroth mittlerweile Routine. Alle drei Monate kommt sie mit Mama Julia in die Meidlinger Hauptstraße in Wien, um die Geräte reinigen und anpassen zu lassen. Da Josi noch rasch wächst, müssen ihre knallgrünen Ohrpassstücke – das sind individuell angefertigte Verbindungsstücke zwischen Hörgerät und Ohr, auch Otoplastik genannt –, sowie die Geräte regelmäßig nachjustiert werden. Für Josi keine große Sache, sie interessiert sich vor allem für die Kamera des heute anwesenden Fotografen und zeigt stolz ihren Rucksack.
Auch für ihre Mama sind die Termine Routine, kurz nach Josis Geburt war die Diagnose Schwerhörigkeit für sie aber ein Schock. „Nur am Anfang war ein Cochlea-Implantat ein Thema (eine elektronische Hörprothese für Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit, bei denen ein Hörgerät nicht ausreicht, Anm.) und es war unklar, ob noch andere Beeinträchtigungen vorliegen. Das konnte zum Glück ausgeschlossen werden. Da mein Vater auf einem Ohr von Geburt an taub ist, gehen wir davon aus, dass die Schwerhörigkeit genetisch bedingt ist“, erzählt die Gymnasiallehrerin.
„Gänsehaut, wenn Kinder dank der Hörgeräte Sprache verstehen“
Erstmals aufgefallen ist sie beim Neugeborenen-Hörscreening, das in Österreich wenige Tage nach der Geburt bei jedem Baby stattfindet. Wenige Wochen später folgte die Bestätigung: Josi ist auf dem rechten Ohr hoch- und auf dem linken Ohr mittelgradig schwerhörig. Zwei Monate später erhielt sie bereits ihre ersten Hörgeräte. „Das jüngste Kind, das zu uns gekommen ist, war sechs Wochen alt“, erzählt Heidi Neuroth, ausgebildete Pädakustikerin und Leiterin der Neuroth-Kinderakustik.
Seit 20 Jahren begleitet sie Kinder von null bis 14 Jahren mit Schwerhörigkeit, hat unzählige Momente erlebt, in denen Kinder erstmals bewusst Stimmen, Geräusche oder Musik wahrnehmen und verstehen konnten. „Noch heute habe ich Gänsehaut, wenn Kinder ihre ersten Worte sprechen und dank der Hörgeräte Sprache verstehen können“, sagt Neuroth.
Heidi Neuroth passt Josi die Hörgeräte an.
Häufigkeit von Schwerhörigkeit
Etwa 1 bis 3 von 1.000 Kindern in Österreich werden mit einer Hörminderung geboren, das sind bis zu 250 Neugeborene pro Jahr. Rund 1 bis 2 Prozent der Schulkinder gelten als hörbeeinträchtigt. Nicht jede Hörminderung ist angeboren, manche entstehen durch Infektionen, Mittelohrprobleme oder Lärm. Nicht immer ist die Beeinträchtigung bei Kindern erkennbar, sie entwickeln oft erstaunliche Strategien, um im Alltag zurechtzukommen. Eine frühzeitige Abklärung schaffe Klarheit, betont Neuroth. Je früher Kinder Hörgeräte erhalten, desto besser.
Das Einstellen der Geräte erfordere viel Fingerspitzengefühl. Bei Säuglingen erfolgt die Audiometrie, die Messung jener Frequenzbereiche, in denen Unterstützung notwendig ist, noch schlafend. Später kommen sie zum „Hörspiel“, wo spielerisch festgestellt wird, auf welche Geräusche ein Kind reagiert. Josi wählt bei ihrem Kontrolltermin das Stein–Spiel: Sie hält sich einen Spielstein ans Ohr und wartet, welches Geräusch zu hören ist. Heidi Neuroth spielt Tierlaute in unterschiedlichen Frequenzen ab. Als ein Bellen ertönt, sagt Josi sofort „Wauwau“ oder „Kikeriki“, als sie das Krähen eines Hahns hört. Ältere Kinder bekommen sogenannte Wobbeltöne in bestimmten Frequenzen vorgespielt und drücken auf einen Tastknopf, wenn sie sie hören. So wird die Hörschwelle bestimmt.
Bis heute bekommt Heidi Neuroth Gänsehaut, wenn Kinder mithilfe von Hörgeräten erstmals Sprache verstehen können.
Keine Einschränkung im Alltag
Die Messungen erfolgen im Freifeld, also über Lautsprecher, sowie über Kopfhörer, mit und ohne Hörgeräte. „In der Kinderakustik ist das Kind im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass die Technik so unkompliziert wie möglich ist, um den Kindern einen unkomplizierten Alltag zu ermöglichen. Moderne Kinderhörgeräte sind digitale Hochleistungsgeräte - sie vereinen Mikrofon, Verstärker und Lautsprecher auf kleinstem Raum“, erklärt Neuroth. Für Josi sind die Hörgeräte im Alltag keine Einschränkung. Einmal pro Woche müssen die Batterien getauscht werden. Sind sie leer, blinkt ein Licht auf, Josi merkt das bereits selbst und nimmt die Geräte dann heraus, erzählt Mama Julia. „Sie hat die Hörgeräte von Anfang an akzeptiert, nur selten will sie sie nicht abnehmen oder einsetzen. Für sie sind die Hörgeräte ihre Ohren.“
Nur zum Schlafen oder im Wasser werden sie abgenommen. „Wenn sie die Hörgeräte draußen hat, schaut sie uns öfter fragend an, aber kann auch so viel verstehen. Sie muss sich dann mehr auf ihre anderen Sinne verlassen“, sagt sie. Zusätzlich lernt Josi mit ihrer Mama Gebärdensprache und erhält Frühförderung. Sprachlich ist sie für ihr Alter sehr gut entwickelt.
Eine Hürde war die Suche nach einem Kindergartenplatz: Während im Kindergarten der Stadt Wien zunächst unklar war, ob Josi den gewünschten Platz bekommen kann, war das im privaten kein Thema. Josi geht in eine Familiengruppe, ihre Kindergartenfreunde bezeichnen die Geräte liebevoll als ihre „Ohrringe“.
Eltern machen sich Sorgen
Dennoch hat ihre Mutter Bedenken, ob sie einmal wegen der Hörgeräte gehänselt werden könnte. Heidi Neuroth kennt diese Sorge: „Die meisten Eltern fragen sich bei der ersten Diagnose, ob ihr Kind Sprache lernen kann, ob es im Kindergarten und in der Schule mithalten kann, einen Beruf ausüben oder Autofahren können wird. Andere wollen die Hörbeeinträchtigung nicht wahrhaben und denken, ihre Kinder kommen ohne Hörgeräte aus. Aber es braucht die Unterstützung, damit Kinder deutlich verstehen können, was um sie geschieht.“
Auch nach dem Neugeborenen-Hörscreening bis ins Schulalter sind regelmäßige Hörkontrollen daher wesentlich. Neuroth: „Je früher gehandelt wird, desto freier und unbelasteter kann sich ein Kind entwickeln. Gutes Hören ist nicht nur für den Spracherwerb wichtig, es ermöglicht Kindern, Geräusche räumlich einzuordnen, etwa im Straßenverkehr.“ Rund 90 Prozent der Umweltreize gelangen über das Gehör ins Gehirn. Gerade in den ersten Lebensjahren ist das Gehirn auf die akustischen Informationen angewiesen. Bis zu 95 Prozent der Kinder mit Hörminderung wachsen laut Neuroth in hörenden Familien auf, für die der Umgang mit Hörgeräten häufig völlig neu ist.
Josis Mama Julia rät Eltern von Kindern mit Schwerhörigkeit, nicht den Mut zu verlieren und viele Fragen zu stellen. „Wichtig ist, Vertrauen in Expertinnen und Experten zu haben. Mit Josi spreche ich und singe ich sehr viel, aber das würde ich mit einem Kind ohne Hörbeeinträchtigung auch so machen.“
Schwerhörigkeit
Geräusche und Sprache werden nur leise oder undeutlich wahrgenommen. Die Hörminderung kann angeboren sein oder durch Alter, Lärm, Krankheiten oder Schäden am Ohr entstehen. Sie kann häufig mit Hörgeräten ausgeglichen werden.
Hinter dem Ohr
Die Ohrstücke von Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten befinden sich im Ohr, die Elektronik-Gehäuse sitzen hinter dem Ohr. Das Design reicht je nach Geschmack von unauffällig bis stylish. Bei Kindern erhöht ein kindgerechtes Design die Akzeptanz, das Gerät gerne zu tragen.
Implantierbare Geräte
Das Mittelohrimplantat (Cochlea-Implantat) besteht aus einem extern getragenen Audio-Prozessor und einem Implantat unter der Haut, dessen Schwingungskörper den Schall in Vibrationen umwandelt und direkt auf das Mittelohr überträgt.
Im-Ohr-Hörgeräte
Die Ohrstücke sind sehr klein und praktisch unsichtbar. Sie werden direkt im Ohr getragen. Deshalb ist die Schallaufnahme sehr naturnah. Die gesamte Elektronik ist in die Ohrstücke integriert. Diese Geräte sind nicht für Kinder und Babys geeignet.
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