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Nach Operationen: Weniger Schonen, sondern mobil bleiben

Der Rücken zwickt, die Knie-OP ist überstanden? Dann raten viele automatisch zum Schonen. Warum das teils überholt ist – und Mobility das neue Nonplusultra ist.
Person in rosa Leggings steht auf einer pinken Yogamatte und beugt sich mit ausgestreckter Hand nach unten.

Von Nicola Afchar-Negad

Nach links beugen, stretchen – und dann das gleiche Spiel nach rechts. Was unspektakulär aussieht, erreicht auf Social Media gerade Hunderttausende. Vor einigen Jahren drehte sich alles um Vorher-Nachher-Fotos, Sixpacks und die Frage, wie man möglichst schnell möglichst viele Kalorien verbrennt. Heute sieht das der Algorithmus anders. Da hüpfen Menschen eine Minute lang auf der Stelle, um gut in den Tag zu starten. Da wird getestet, ob man mit 65 noch vom Boden aufstehen kann – ohne die Hände zur Hilfe zu nehmen. Es geht um Flexibilität, Balance, Koordination – und manchmal auch um sogenannte Hacks: Können Sie im Sitzen mit Ihren Fingern die Zehen der ausgestreckten Beine erreichen? Nein? Eine Fernbedienung kann helfen, demonstriert etwa Tom Morrison auf Instagram. Und: Ganz oft drehen sich die Postings auch darum, dass man sich bei Schmerzen nicht schonen, sondern fordern sollte. Woher kommt das alles – gefühlt aus dem Nichts?

Der Rücken mag Abwechslung

„Wir haben verstanden, dass Bewegung weit mehr ist als Training. Gezielte Bewegung ist ein biologischer Regulator“, sagt Ao.Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, Leiter der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin der MedUni Wien. „Sie beeinflusst Muskulatur, Stoffwechsel, Nervensystem, Schlaf, Psyche und sogar Entzündungsprozesse.“ Lange habe man bei Beschwerden zuerst an Ruhe gedacht. Heute wisse man, dass zu viel Immobilität viele Probleme eher verstärkt als löst. Besonders deutlich zeigt sich das beim Volksleiden Nummer 1, dem Rücken. Mit diesem Thema beschäftigt sich Crevenna seit Jahren, unter anderem in seinem Buch „Rückenschmerzen – vorbeugen und aktiv behandeln“. Noch immer glauben viele Menschen, ihr Rücken müsse möglichst geschont werden. Für Crevenna ist genau das oft der Denkfehler. „Der Rücken braucht Bewegung, Variabilität und Belastungsreize.“

 Anders gesagt: Er mag Abwechslung. Nicht das Sitzen an sich sei das Problem, sondern das stundenlange Verharren in derselben Position. Selbst der Versuch, permanent kerzengerade zu sitzen, könne zu Verspannungen führen. „Der menschliche Körper ist nicht für starre Haltungen gebaut, sondern für die dynamische Anpassung.“ Gut zu wissen: „Bei über 80 Prozent der Rückenbeschwerden ist Aktivität und Bewegung ausdrücklich erwünscht und kann vor einer Chronifizierung des Schmerzes schützen.“ Und: „Schmerz entsteht oft nicht an einer einzelnen Struktur.“ Sprich: Ein Stechen im Rücken kann etwa mit einer gestörten Hüftbeweglichkeit zusammenhängen. Die Conclusio: „Eine moderne Rehabilitation betrachtet daher nicht nur die schmerzende Region, sondern die Bewegungsmuster, das Belastungsverhalten und die gesamte Funktion des Menschen im Alltag.“

Angst vor Fehlern

Das führt uns zur Physiotherapie – und zu Jürgen Maureder. Der niederösterreichische Physiotherapeut (Praxis Birkengasse) kennt beide Seiten: Als ehemaliger Leistungsschwimmer begleitet er heute Freizeit- und Leistungssportler ebenso wie Menschen nach einer Verletzung oder Operation. „Erfahrungsgemäß wollen sich die Leute bewegen, wissen aber nicht, wie und wo sie anfangen sollen. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist bei vielen eine Hemmschwelle.“ Er zitiert die Richtlinien der WHO: „Die Minimalanforderung an den Körper sollten mindestens zweimal pro Woche Krafttraining und 150–300 Minuten moderates Ausdauertraining sein. Aber auch intensives Ausdauertraining mit 75–130 Minuten wird empfohlen.“ 

Maureder bestätigt den Mobility-Trend – er ist nicht nur auf Social Media zu beobachten. „Beispiel Krafttraining: Das Wissen um den Mehrwert ist in der breiten Masse angekommen.“ Und dann gibt es da noch den Begriff, der bei beiden Experten fällt: Prähabilitation – also die Vorbereitung des Körpers auf die zu erwartende Belastung durch eine Operation bzw. Therapie. Physiotherapeut Maureder startet: „In einigen Fällen ist eine Operation dann sogar nicht mehr notwendig, da ein Körper zum Beispiel auch ohne Kreuzband im Knie auskommen kann.“ Es gehe nicht darum, den „Chirurgen die Arbeit wegzunehmen“, aber: „Die Warteliste für viele orthopädische Operationen ist sehr lang.“ Auch Prof. Crevenna kommt auf das Thema zu sprechen, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Sein Team beschäftigt sich seit bald 30 Jahren mit der onkologischen Rehabilitation – „und seit kurzem auch mit der Prähabilitation.“ Ein Paradigmenwechsel in der Krebstherapie, in der es lange ausschließlich um Operationen, Chemotherapie und Bestrahlungen gegangen ist – das überrascht.

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Aktivität und Ruhe im salzburgerischen Leogang.

Mehr Lebensqualität

Heute sei gezielte körperliche Aktivität ein integraler Bestandteil der Therapien, nicht nur etwas, das man zusätzlich machen kann. Das Ziel: Lebensqualität. „Wir konnten vor vielen Jahren als weltweit Erste zeigen, dass individualisierte Bewegungs- und Trainingstherapie auch für Hochrisikopatienten sinnvoll und machbar sein kann – während oder unmittelbar nach onkologischen Therapien.“ Alles angepasst an die jeweiligen Diagnosen oder die persönliche Belastbarkeit – und interdisziplinär gedacht. Und immer häufiger werde sogar schon vor Behandlungsstart damit begonnen

Und um noch einmal zu Maureder zurückzukommen: Er liefert einen abschließenden Gedankenimpuls in Sachen „Einfach loslegen“: „Ein plakatives Beispiel: Wenn ich am Weg in meinen Supermarkt umknöchle, werde ich mich wahrscheinlich ärgern. Sobald meine Verletzung abgeheilt ist, werde ich diesen Weg wieder nehmen und deshalb nicht auf Lieferservice umstellen. Was ich damit sagen möchte: Die Vorteile der Bewegung sind den Nachteilen massiv überlegen.“

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