Totes Neugeborenes im Burgenland: "Für die allermeisten sind solche Fälle unbegreiflich"

Eine Person sitzt nachdenklich auf einem Bett und blickt auf geschlossene Vorhänge, durch die Licht fällt.
Der Fund eines toten Neugeborenen am Grenzübergang Nickelsdorf löst beklemmende Gefühle aus. Zwei Expertinnen erklären, wie es zu Neonatiziden kommen kann.

Das Neugeborene, das am Wochenende tot am Grenzübergang Nickelsdorf gefunden wurde, starb aktuellen Ermittlungen zufolge an einem Schädel-Hirn-Trauma (der KURIER berichtete). 

Eine Obduktion habe ergeben, dass das Mädchen lebend geboren wurde und unter Fremdeinwirkung zu Tode kam, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Eisenstadt am Mittwoch.

Bei einem Neonatizid, wie die Tötung eines Babys unmittelbar nach der Geburt genannt wird, kommt unweigerlich die Frage auf: Wie kann so etwas passieren? 

"Für die allermeisten Menschen sind solche Fälle unbegreiflich", betonte Psychiaterin Claudia Klier, die auf das Thema spezialisiert ist, in einem KURIER-Interview im November 2024. Damals wurde ein Neugeborenes tot außerhalb des Spitalsgeländes der Klinik Favoriten gefunden. 

Unverständlich erscheint meist insbesondere "die Tatsache, dass Betroffene sich keine Hilfe geholt haben", bestätigt Klier in einem KURIER-Gespräch anlässlich des aktuellen Falles.

Massive Stressreaktion und Gefühle der Ablehnung

Neonatizide sind von einer massiven Stress- und Panikreaktion der Mutter gekennzeichnet, erklärt Klier. Auch Gefühle der Ablehnung des Kindes und ein Nicht-Wahrhabenwollen der Geburt können auftreten, wie Claudia Reiner-Lawugger, Leiterin der Spezialambulanz für peripartale Psychiatrie (umfasst die Versorgung von Müttern und Vätern vor, während und nach der Geburt) an der Klinik Ottakring, erklärt. 

"Neonatizide gehen fast immer mit einer Negierung der Schwangerschaft und der Geburt einher", beschreibt auch Klier. Psychosoziale Belastungen und Traumatisierungen seitens der Mutter können laut Klier bei Neonatiziden ebenfalls eine Rolle spielen. 

In seltenen Fällen empfinden Frauen bereits in der Schwangerschaft Hassgefühle dem Kind gegenüber und möchten es bereits im Mutterleib schädigen. Im englischsprachigen Raum spricht man vom sogenannten "fetal abuse", also fetalem Missbrauch. "Diese schwere Beziehungsstörung zum Kind ist nach der Geburt eine Gefahr für Misshandlung oder Tötung", präzisiert sie. "Deshalb ist es enorm wichtig die Frauen schon in der Schwangerschaft zu erreichen."

Taten im Affekt

Auch eine postpartale Psychose kann der Hintergrund sein, führt Reiner-Lawugger aus: "Ich kenne die Patientin nicht und kann keine konkreten Einschätzungen treffen, aber in solchen Fällen entwickeln Mütter oft eine postpartale Psychose und können nach der Geburt nicht wirklich mit ihrem Kind in Kontakt treten."

Bei einer postpartalen Psychose leiden Betroffene neben innerlichen Spannungszuständen, Stress, Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit an spezifischen Ängsten. "Letztere münden in eine Gedankenspirale, die große Verzweiflung mit sich bringt und zu Taten im Affekt führen kann", sagt Reiner-Lawugger. 

Bei einer Psychose sei die Selbstbestimmtheit der Mutter unterbrochen: "Sie kann nicht mehr klar entscheiden, ihre Wahrnehmung durch Stimmenhören oder wahnhafte Gedanken getrübt sein."

Oft sehen Frauen im Weglegen oder Töten des Kindes einen letzten Ausweg. "Wobei die Tat in einem dissoziativen Zustand erfolgt", betont Reiner-Lawugger. Viele Mütter betrachten etwa danach erstaunt das leere Bettchen, "weil die Tat ihnen nicht erinnerlich ist und es sich so anfühlt, als hätte sie ein anderer Teil von ihnen verübt".

Auffälligkeiten oft bereits vor der Geburt

Geburtskomplikationen, etwa ein Not-Kaiserschnitt, oder auch eine Frühgeburt sind per se keine Risikofaktoren für die Entstehung einer postpartalen Depression oder Psychose. "Das begünstigt vielleicht Stress, Neonatizide oder Infantizide kommen aber auch bei Babys vor, die zum Termin geboren werden", sagt Reiner-Lawugger. Eine bestehende psychische Erkrankung oder Labilität der Mutter muss nicht zwingend vorliegen, kann das Risiko aber erhöhen.

Bei Neonatiziden kommt es oft bereits vor der Geburt zu Auffälligkeiten: Die Mutter nimmt etwa die Schwangerschaft nicht wahr, entdeckt erst spät, dass sie ein Kind erwartet. "Manchmal negieren Frauen sogar die Möglichkeit, überhaupt schwanger werden zu können, und verhüten deswegen nicht", sagt Klier. 

Zahl der Neonatizide rückläufig

Die Zahl der Neonatizide hat sich durch das Angebot der anonymen Geburt in Österreich stark verringert. "Ganz neue Daten zeigen, dass Neonatizide erfreulicherweise weiter zurückgehen", sagt Klier. "Es gab nun schon vier Jahre ohne Neonatizid seit 2019."

Im Falle des an der Klinik Favoriten gefundenen Babys, das durch ein massives Schädel-Hirn-Trauma sowie mehrfache Knochenbrüche verstarb, habe es sich letztlich um einen Infantizid gehandelt, weil das Baby nicht unmittelbar nach der Geburt, sondern erst eine Woche später von der Mutter getötet wurde. 

Klier: "Wir appellieren eindringlich an Frauen, die anonyme Geburt in Anspruch zu nehmen, weil sie im Spital unterstützt werden und ihr Kind sicher auf die Welt bringen können."

Wichtig sei, dass das Bewusstsein für postpartale Krisen in der Bevölkerung steigt. "Bei einem Herzinfarkt wissen die Menschen meist über Anzeichen und Erste-Hilfe-Maßnahmen Bescheid. Das sollte auch bei psychischen Ausnahmesituationen von Müttern und Vätern der Fall sein", sagt Klier.

"Wesentlich ist auch, dass man sich Hilfe holt", ergänzt Reiner-Lawugger. Wenn Frauen und Männer vor und nach der Geburt auf ein soziales Netz zurückgreifen können, sei das eine Ressource: "Dass sie in Schwangerschaftsvorbereitungskurse gehen, mit Hebammen und Gynäkologen Kontakt haben und jederzeit offen mit einem zugewandten Umfeld sprechen können."

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