Wenn das Herz stillsteht: Was Menschen beim Nahtod erleben
Viele Betroffene berichten bei Nahtoderfahrungen von hellen Lichtern und leuchtenden Farbwelten.
Die Sonne liegt über Simmering. Vor der Feuerhalle steht die Luft, drinnen richtet sich der Blick auf ein Thema, das man dieser sommerlichen Stimmung kaum zuordnet: den Tod. „Auch an Tagen wie diesen soll darüber gesprochen werden, nicht nur zu Allerheiligen und Allerseelen“, betont Renate Niklas, Geschäftsführerin der Friedhöfe Wien, bei einer Podiumsdiskussion.
Im Mittelpunkt stehen Menschen, die eine sogenannte Nahtoderfahrung gemacht haben. Eine davon ist Brigitte Guschlbauer, eine Sozialarbeiterin, die viele Jahre an einem Burnout litt. Als sie sich eine scheinbar harmlose Streptokokken-Infektion einfing und sich nicht auskurierte, geriet ihr Körper außer Kontrolle. Die Folge: drei schwere septische Schocks mit Multiorganversagen.
In Licht gebadet
Die damals 33-Jährige hatte zu dieser Zeit eine Nahtoderfahrung: „Ich habe in Licht gebadet und getanzt. Die Farben Rosa und Gelb waren sehr präsent.“ Es habe sich angefühlt, als würden Raum und Zeit aufhören zu existieren. „Es wurden alle Fragen beantwortet, obwohl ich nicht wusste, was die Fragen waren“, ergänzt sie. Vier Monate verbrachte die zweifache Mutter auf der Intensivstation, sechs Wochen davon im Koma.
Eine ähnliche Erfahrung machte die Psychotherapeutin und evangelische Theologin Rotraud Perner. Sie war im Winter mit dem Auto auf dem Weg ins Waldviertel. Gegen Mitternacht geriet sie mit ihrem Auto ins Schleudern und fuhr gegen einen Baum. „Später habe ich erfahren, dass ich ihn gefällt habe“, erzählt sie. Als sie das Bewusstsein verlor, sah sie fünf Meter von dem Baum entfernt eine schneeweiße Lichtsäule. Dreimal habe sich das Fahrzeug überschlagen; für Perner fühlte es sich an, „als würde ich mich sanft im Bett umdrehen“.
Beides Nahtoderfahrungen, die dem Wiener Pathologen und Universitätsprofessor Roland Sedivy bekannt vorkommen. „Häufig genannt werden Frieden und Ruhe, das Verlassen des Körpers, Licht‑ oder Tunnelwahrnehmungen, Lebensrückblicke und Begegnungen.“ Aber nicht alle haben positive Nahtoderfahrungen: Fünf Prozent der Menschen verspüren extreme Angstgefühle.
Aber wie lassen sich diese Licht- und Farberscheinungen erklären? Sedivy bezeichnet sie „als Eigenaktivität des visuellen Systems unter Extremstress“. Das heißt, das Gehirn sieht nicht mehr „die Außenwelt“, sondern interpretiert Signale aus Netzhaut, Sehbahn und Sehrinde so, als kämen sie von außen. „Also: kein Licht im Raum, sondern Licht im Gehirn“, erklärt er. Der wichtigste Mechanismus ist „wahrscheinlich eine Kombination aus gestörter Durchblutung mit verminderter Sauerstoffzufuhr.“ Bei sinkender Sauerstoffversorgung werden Netzhaut und visueller Cortex (Hirnrinde) instabil.
Nervenzellen feuern unkoordiniert, hemmende Netzwerke fallen aus und es entstehen Phosphene – also Lichterscheinungen, die aus Lichtpunkten, Blitzen, Leuchtmuster, Farben bestehen. Solche Phänomene kennt man auch von der Migräne-Aura, epileptischen Entladungen im Hirnlappen des Hinterkopfes (Okzipitallappen), Druck auf den Augapfel oder bestimmten Halluzinogenen. Das berühmte „Licht am Ende des Tunnels“ muss nicht zwingend ein Blick ins Jenseits sein. Eine mögliche Erklärung: In extremen Situationen bricht das äußere Gesichtsfeld früher weg als die Wahrnehmung in der Mitte. Der Rand wird dunkel, im Zentrum bleibt ein heller Fleck.
Neurochemische Prozesse
Auch Dimethyltryptamin (DMT) spielt eine Rolle: ein psychoaktiver Wirkstoff, der unter anderem in bestimmten Pflanzen des Amazonasgebiets vorkommt und durch Ayahuasca bekannt wurde. Das Gehirn produziert ihn selbst, nahe am Ableben steigt seine Konzentration. „Nahtoderfahrungen sind eine Form von Halluzinationen“, sagt Sedivy. Berichte, wonach Menschen mehrere Stunden „tot“ (nicht scheintot) gewesen und zurückgekehrt seien, sieht Sedivy kritisch. Biologisch tot zu sein und wieder ins Leben zurückzukehren, sei irdisch denkunmöglich.
Und was macht eine Nahtoderfahrung mit dem Leben? Für Guschlbauer wurde diese Erfahrung zu einem Wendepunkt. Sie lebt heute mit einer körperlichen Behinderung, der gesundheitliche Zusammenbruch hat aber vieles verändert. „Ich will steinalt werden“, betont sie. Sie sei entspannter als früher, auch ihre Haltung zum Leben sei heute eine andere. Auch Perner hat keine Angst: „Mir ist es nie schwergefallen, über diese Nahtoderfahrung zu sprechen.“ Viele Fragen rund um das Sterben bleiben weiterhin unbeantwortet. Für Sedivy ist klar, wo die Grenzen der Wissenschaft liegen: „Ein Nahtod ist kein Tod. Was danach passieren wird, wissen wir nicht.“
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