Hoher Bedarf an Nachhilfe: Vor allem Deutsch mehr gefragt
Jedes dritte Schulkind braucht Nachhilfe.
Jedes dritte Schulkind in Österreich braucht Nachhilfe. Der Bedarf ist seit Jahren hoch. Besonders gegen Ende des Schuljahres, wenn die letzten Schularbeiten und Prüfungen anstehen, steigt die Nachfrage deutlich an. „Der Notendruck ist groß. Vor allem in Mathematik gibt es einen großen Bedarf, gefolgt von den Sprachen“, sagt Markus Kalina von der Schülerhilfe Österreich.
Laut Kalina zeigt sich der Unterstützungsbedarf quer durch alle Schulstufen. Besonders stark zugenommen habe die Nachfrage im Fach Deutsch. Vor allem während der Pandemie habe die Sprachkompetenz gelitten. „Die Einschränkungen im sozialen Austausch haben vor allem bei Kindern mit Migrationshintergrund Spuren hinterlassen. Deutsch ist ein klares Bedarfsfach geworden, deutlich sichtbarer als früher“, sagt Kalina.
Große Leistungsunterschiede zwischen Kindern
Verändert hat sich aus Sicht des Nachhilfeanbieters auch das Umfeld, in dem Kinder und Jugendliche lernen. Die Leistungsunterschiede innerhalb der Klassen seien heute deutlich größer. „Früher gab es zwei Geschwindigkeiten, heute massive Unterschiede“, erklärt Kalina. Lehrkräfte seien dadurch stark gefordert, langsame Schülerinnen und Schüler würden schneller abgehängt, während leistungsstärkere Kinder oft kaum gefördert werden könnten. Hinzu komme ein wachsender Leistungsdruck, der immer früher einsetzt. Das beginne oft schon mit neun oder zehn Jahren, wenn es um den Übertritt ins Gymnasium geht. Die am stärksten wachsende Kundengruppe seien inzwischen Volksschulkinder. Themen wie mentale Gesundheit spielten deshalb in der Nachhilfe eine zunehmend wichtige Rolle.
Kalina sieht Nachhilfe auch als Entlastung für Familien. Denn: Vier von fünf Schulkindern brauchen beim Lernen Unterstützung von den Eltern. „Nachhilfe nimmt den Druck von zu Hause weg und birgt weniger Konfliktpotenzial. Ohne Mitwirkung der Eltern ist es allerdings schwierig.“
Unterstützung beim "Lernen lernen"
Neben fachlichen Defiziten beobachten die Nachhilfelehrkräfte vermehrt Probleme beim selbstständigen Lernen. Digitale Medien, ein Überangebot an Informationen und neue Technologien wie KI würden die Aufmerksamkeitsspanne verkürzen und den Fokus erschweren. „Kinder brauchen dadurch vermehrt Unterstützung dabei, Lernen zu lernen“, meint Kalina. Gleichzeitig verändern KI-Tools auch die Art, wie gelernt wird.
Die Schülerhilfe setzt inzwischen auf ein eigenes, jugendschutzkonformes KI-Modell. „Lösungen werden nicht vorgegeben, der Schüler wird Schritt für Schritt herangeführt“, erklärt Kalina. Entscheidend sei, dass Schulen Kompetenzen neu bewerten: weg vom bloßen Abgeben fertiger Lösungen, hin zum Erklären und aktiven Mitwirken. Eltern sollten Nachhilfe nicht erst dann in Betracht ziehen, wenn die Noten bereits stark abgesackt sind. „Prävention ist wichtig, betont Kalina. Warnsignale könnten Wesensveränderungen, zunehmender Frust oder ein schleichender Notenabfall sein.
Leistungsabfall früh ernst nehmen
Er empfiehlt, regelmäßig mit Kindern über die Schule zu sprechen, Elternsprechtage zu nutzen und Entwicklungen früh ernst zu nehmen. „Wenn sich Defizite aufbauen, läuft der Unterrichtsstoff ja trotzdem weiter“, sagt der Experte. Frühzeitige Unterstützung könne nicht nur Zeit und Geld sparen, sondern auch psychisch entlasten. „Gerade Jugendliche stehen von vielen Seiten unter Druck. Wenn man den schulischen Druck reduzieren kann, ist das viel wert.“ Damit die selten beliebte Nachhilfe gut angenommen wird, ist wichtig, wie Eltern das Thema kommunizieren. Nachhilfe dürfe nicht als Strafe verstanden werden, sondern als Unterstützung.
Ferienkurse oder langfristige Begleitung können dabei helfen, den Druck im Schuljahr zu senken. „Wenn der Unterbau kompetenzmäßig passt, läuft das Jahr entspannter, mit mehr Freizeit und Spielraum.“
Wichtig sei auch die gesamtgesellschaftliche Frage, wie mit Leistung, Druck und Alternativen umgegangen wird. Eine Klasse zu wiederholen oder Schule zu wechseln sei kein Scheitern. Kalina: „Eltern sollten das auch so vermitteln. Das nimmt enorm viel Druck raus.“
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