Infekt vorbei, aber nicht fit? Das passiert im Körper

Viele Menschen fühlen sich nach Grippe oder Covid dauermüde. Expertin: Was dahintersteckt, was normal ist – und was nicht.
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Zusammenfassung

  • Nach Grippe oder Covid fühlen sich viele Menschen länger erschöpft, da das Immunsystem und verschiedene Organe noch Zeit zur Erholung brauchen.
  • Normale Erschöpfung bessert sich langsam, während anhaltende Fatigue, Zustandsverschlechterung nach Belastung und fehlende Erholung auf ME/CFS oder Long Covid hinweisen können.
  • Ärztliche Abklärung ist ratsam, wenn nach vier bis sechs Wochen keine deutliche Besserung eintritt oder neue, belastende Symptome auftreten.

Der Infekt ist vorbei. Das Fieber ist gesunken, der Husten klingt ab, die akuten Symptome sind überstanden – oft ohne, dass je klar war, welches Virus dahintersteckte. 

Das Leben müsste also wieder in den gewohnten Rhythmus finden. Und doch fühlt sich der Körper anders an als zuvor: Die Energie reicht nicht bis zum Abend, der Kopf arbeitet langsamer, der Kreislauf ist instabil. Viele Menschen beschreiben diesen Zustand als ein ermüdendes Dazwischen: „Nicht mehr krank, aber auch nicht wirklich gesund.“ 

Dieses Gefühl ist kein Randphänomen. Ärztinnen und Ärzte hören es in ihren Ordinationen regelmäßig, besonders in dieser Wintersaison: Patienten, die einen Infekt hinter sich haben, sich aber nicht vollständig erholt fühlen. Sie sind wieder arbeitsfähig, aber nicht belastbar, sie funktionieren im Alltag, aber ohne Reserve.

Eine Immunologin klärt auf

Was in dieser Phase im Körper passiert und woran man erkennt, ob ein bisschen Geduld reicht oder medizinische Abklärung nötig ist, erklärt Prof. DDr. Eva Untersmayr-Elsenhuber, Immunologin an der Medizinischen Universität Wien. 

Ein zentraler Punkt sei zunächst die Art des Infekts. „Influenza oder Covid etwa sind keine banalen Atemwegsinfekte. Auch wenn man sie als respiratorisch wahrnimmt, betreffen sie den ganzen Körper.“ 

Speziell durch Covid habe man besonders gut verstanden, dass diese Viren an Zellen in vielen Organen andocken können – etwa in Blutgefäßen, im Darm oder Nervensystem – und dort Entzündungsreaktionen auslösen. 

„Je mehr Organsysteme beteiligt sind, desto stärker wird das Immunsystem aktiviert. In der Akutphase ist die Entzündungsreaktion daher entsprechend heftig, das ist auch gut und notwendig“, erklärt Untersmayr-Elsenhuber. 

Diese Entzündung hilft dem Körper, das Virus zu bekämpfen. Problematisch wird es erst, wenn diese Aktivierung nur langsam wieder abklingt und der Organismus länger im Alarmmodus bleibt.

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Prof. DDr. Eva Untersmayr-Elsenhuber, Immunologin an der Medizinischen Universität Wien

Veränderungen im Mikrobiom

Dabei lassen sich häufig messbare Veränderungen nachweisen. Studien zeigen, dass sich etwa das Mikrobiom verändert – also die Gesamtheit der Mikroorganismen an unseren Schleimhäuten, vor allem im Darm. „Das sehen wir, unabhängig davon, ob jemand Spätfolgen entwickelt oder sich vollständig erholt“, so die Immunologin. 

Auch das Immunsystem braucht länger, um wieder in den Normalzustand zu finden. Entscheidend ist jedoch, dass sich insgesamt eine langsame, spürbare Besserung zeigt. Heißt: „Belastung macht müde, aber sie verschlechtert den Zustand nicht dauerhaft“, fasst es Untersmayr-Elsenhuber zusammen.

Wenn das System gestört ist

Davon klar abzugrenzen sind postvirale Syndrome wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) oder schwere Long-Covid-Verläufe. „Hier sprechen wir nicht mehr von langsamer Genesung, sondern von einer krankheitswertigen Systemstörung“, sagt Untersmayr-Elsenhuber. 

Das zentrale Warnsignal für das Bestehen von ME/CFS ist die sogenannte Post-Exertional Malaise: eine deutliche Zustandsverschlechterung nach körperlicher oder geistiger Anstrengung, oft verzögert und über Tage anhaltend. „Belastung macht hier nicht einfach müde – sie macht richtig krank.“ 

Auslöser können bereits alltägliche Tätigkeiten sein: ein kurzer Spaziergang, Haushaltsarbeit, Lesen oder längere Gespräche. 

Hinzu kommen eine ausgeprägte Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert, kognitive Einschränkungen, Schmerzen sowie Störungen des autonomen Nervensystems, etwa Herzrasen oder Blutdruckprobleme. 

Für die Diagnose von ME/CFS müsse diese schwere Fatigue länger als sechs Monate bestehen und das Leben massiv einschränken. „Selbst leicht Betroffene haben nur noch rund fünfzig Prozent ihres früheren Aktivitätsniveaus“, erklärt die Immunologin.

Frau wirkt erschöpft und reibt sich die Augen.

Tiefe Müdigkeit nach einem Infekt: Sollte die Erschöpfung länger andauern, sollte man sie bei einem Arzt abklären lassen.

Was ist normal, was nicht?

Zwischen normaler Erholung und schweren postviralen Erkrankungen liegt eine breite Grauzone. Viele Menschen sind nicht mehr akut krank, aber deutlich unter ihrem früheren Leistungsniveau. 

Die Symptome schwanken, klassische Post-Exertional Malaise fehlt, doch Stress und Überlastung werden schlecht toleriert. 

In der Fachsprache finden sich dafür Begriffe wie postinfektiöse Erkrankung oder subakutes postvirales Syndrom. „Das ist nicht harmlos“, sagt Untersmayr-Elsenhuber, „aber auch nicht automatisch ME/CFS.“

Bleibt die Entzündung jedoch bestehen, hat das Folgen für viele Körpersysteme. Teile des angeborenen Immunsystems bleiben überaktiv, das beeinflusst die Durchblutung und Gerinnung. Gleichzeitig kann die Funktion der Mitochondrien – der Zellkraftwerke – gestört sein. 

Auch Stoffwechselwege spielen eine Rolle: Bestimmte Viren beeinflussen beispielsweise den Tryptophan-Stoffwechsel. „Wenn weniger Tryptophan zu Serotonin umgewandelt wird, hat das Auswirkungen auf Stimmung, Nervensystem und Kreislauf“, erklärt Untersmayr-Elsenhuber. 

Neben den direkten Effekten der Viren auf das Nervensystem können dadurch Symptome wie Brain Fog, Schwindel oder innere Unruhe zumindest teilweise erklärt werden. 

Wann sollte man ärztlichen Rat einholen? 

In den ersten ein bis zwei Monaten nach dem Infekt lassen sich im Blut oft noch Entzündungszeichen finden. Bei länger anhaltenden Beschwerden handelt es sich meist um sehr niedriggradige Prozesse, die mit Routineuntersuchungen nicht erfasst werden können. 

Zur Abklärung rät die Expertin, wenn sich nach vier bis sechs Wochen keine deutliche Erholung einstellt. Manchmal lassen sich behandelbare Ursachen finden: Eisen- oder andere Nährstoffmängel, Schilddrüsenveränderungen oder Virusreaktivierungen, z. B. von Herpesviren.

Nach Infekt: Ruhe geben!

Menschen können selbst etwas beitragen, damit sie sich nachhaltig erholen. Ein häufiger Fehler ist der Versuch, zu rasch wieder voll zu funktionieren. 

„Zu früh Sport zu treiben oder im Alltag sofort hundert Prozent zu geben, sehe ich aus immunologischer Sicht sehr kritisch“, sagt Untersmayr-Elsenhuber. 

Der Körper brauche eine echte Rekonvaleszenz – nicht nur vom Sport, sondern auch vom beruflichen Leistungsdruck. 

Abschließend betont sie erneut den Unterschied: Müdigkeit ist ein normales Signal des Körpers und durch Schlaf reversibel. Erschöpfung geht darüber hinaus, bessert sich ebenfalls durch Erholung. Fatigue hingegen ist ein pathologischer Zustand, der sich durch Ruhe nicht beheben lässt. „Das ist wichtig, zu erkennen, wann medizinische Abklärung notwendig ist."

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