Warum Heimtests fürs Darmmikrobiom problematisch sind
Forschende haben sieben Mikrobiomtests unterschiedlicher Anbieter geprüft – mit ernüchterndem Ergebnis.
Man nimmt zu Hause eine Stuhlprobe und schickt sie anschließend an den Hersteller des Testkits zurück. Aus dem Material werden dann Informationen über die Zusammensetzung der Mikroorganismen – Bakterien, Viren und Pilze – im Darm gezogen. Etwa darüber, ob ein mikrobielles Ungleichgewicht, sprich ein Mangel an nützlichen oder ein Übermaß an problematischen Keimen, vorliegt.
Anbietern von Mikrobiomselbsttests stellen die Autorinnen und Autoren einer neuen Studie nun allerdings kein gutes Zeugnis aus. Die Analyse von Stuhlproben durch kommerzielle Unternehmen liefere keine zuverlässigen Ergebnisse über das Darmmikrobiom.
21 Mikrobiomtests von sieben unterschiedlichen Anbietern untersucht
Die Forscherinnen und Forscher haben 21 Mikrobiomtests von sieben unterschiedlichen Anbietern untersucht. Man habe damit erstmals systematisch die Leistungsfähigkeit von derartigen Heimtests untersucht.
In der Studie verwendeten die Fachleute Stuhlproben eines Spenders, die so aufbereitet wurden, dass sie daraus mehrere Einzelproben mit immer der gleichen Zusammensetzung an Mikroben destillierten. Dann bestellten sie je drei Testkits von sieben Anbietern und ließen immer jene standardisierte Stuhlprobe analysieren. Zum Vergleich führten sie eine eigene aufwändige labormedizinische Untersuchung der Mikrobiomzusammensetzung der Probe durch.
Die Analysen zeigten unterschiedliche Ergebnisse, was die relative Häufigkeit ausgewählter Darmbakterien angeht – sowohl zwischen als auch innerhalb der Anbieter. Die Autoren der im Fachblatt Communications Biology veröffentlichten Studie resümieren, dass es große Defizite in der Qualität der Tests gibt.
Aussagekraft gilt schon länger als umstritten
Die Aussagekraft besagter Tests gilt schon länger als umstritten. Online werben Anbieter damit, dass sie Kundinnen und Kunden individuelle Informationen über Entzündungswerte, Gewichtsregulierung, körperliches und psychisches Wohlbefinden und sogar passende Rezeptvorschläge liefern können.
Allerdings gilt schon die Definition eines gesunden oder kranken Mikrobioms als wissenschaftlich heikel. Bei Entnahme, Verpackung und Transport dürfen die Stuhlproben nicht durch äußere Einflüsse verfälscht werden, deren Analyse ist aufwändig und kostspielig.
"Es gibt bisher eigentlich keine medizinische Indikation für einen Mikrobiomtest"
"Sie können für Kliniker nützlich sein, aber ich mag die Idee von Massentestungen nicht, weil die Interpretation der Ergebnisse noch viele Unsicherheiten birgt", hielt vor einigen Monaten Mikrobiom-Forscherin Maria Rescigno, auch Direktorin des renommierten heimischen Forschungszentrums CeMM, im KURIER-Interview fest.
"Mehrere medizinische Fachgesellschaften beziehungsweise internationale Expertengremien raten derzeit davon ab, Mikrobiomtests bereits breit in der Routinediagnostik einzusetzen", betont auch André Gessner, Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Regensburg, gegenüber dem Science Media Center. Der Grund sei neben der in der aktuellen Studie erneut gezeigten fehlenden Standardisierung die meist noch nicht mögliche konkrete Therapieempfehlung aufgrund eines Mikrobiombefundes.
"Es gibt bisher eigentlich keine medizinische Indikation für einen Mikrobiomtest, besonders nicht als Privatperson", erklärt Gregor Gorkiewicz, Professor für Medizinische Mikrobiomforschung an der Medizinischen Universität Graz. "Im klinischen Umfeld haben Mikrobiomtests, die von medizinischen Laboren durchgeführt werden, eine gewisse Indikation. Zum Beispiel bei schwer kranken Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation, beispielsweise nach einer Stammzelltransplantation, bei denen der Nachweis einer 'Mikrobiomverarmung' einen diagnostischen Wert hat, der auch therapeutische Konsequenzen nach sich zieht."
Kommentare