Nach 2 Todesfällen: Wie gefährlich sind Meningokokken in Österreich?

Die bakterielle Infektion kann rasch lebensbedrohlich werden. Eine Expertin beantwortet die wichtigsten Fragen.
Neisseria meningitidis bacteria

Zusammenfassung

  • Nach einem Meningokokken-Ausbruch in Südostengland mit zwei Todesfällen empfiehlt die Gesundheitsbehörde Hunderten Kontaktpersonen vorsorglich Antibiotika.
  • Meningokokken-Infektionen verlaufen oft schwer und können innerhalb weniger Stunden lebensbedrohlich werden; typische Symptome sind hohes Fieber, Nackensteifigkeit und Hautflecken.
  • Auch in Österreich treten jährlich einzelne Fälle auf, wobei Impfungen gegen verschiedene Serogruppen empfohlen werden.

Im Südosten Englands hat ein Ausbruch von Meningokokken mehrere Menschen infiziert und zu einer Meningitis geführt: Das ist eine Entzündung der Hirnhäute („Meningen“). Zwei Personen sind bereits gestorben. Nach Angaben der britischen Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency hatten einige der Betroffenen zuvor eine Großraumdisco besucht. Auch mehrere Angestellte des Lokals sollen sich angesteckt haben.

Als Vorsichtsmaßnahme empfiehlt die Behörde nun Hunderten Kontaktpersonen eine vorbeugende Antibiotika-Behandlung. Damit soll verhindert werden, dass sich die Bakterien weiter ausbreiten.

Bei den Erkrankten wurde die Meningokokken-Serogruppe B nachgewiesen.

Wie gefährlich sind Meningokokken, kann sich so ein Ausbruch auch nach Österreich ausbreiten und wer sollte sich impfen lassen? Antworten der Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt, Leitung des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin. 

Was sind Meningokokken und warum sind sie so gefährlich?

Meningokokken sind Bakterien der Art Neisseria meningitidis. Sie werden über Tröpfcheninfektion übertragen, etwa beim Husten, Niesen oder durch engen Kontakt zwischen Menschen. In seltenen Fällen können sie schwere Erkrankungen verursachen, etwa eine Hirnhautentzündung (Meningitis) oder eine Blutvergiftung.

Die besondere Gefahr liegt im schnellen Verlauf der Erkrankung. „Bei Meningokokken kann sich innerhalb weniger Stunden eine invasive Erkrankung entwickeln, etwa eine Sepsis oder eine Hirnhautentzündung. Diese kann auch tödlich verlaufen“, sagt die Infektiologin Wiedermann-Schmidt. Gerade diese rasche Entwicklung mache die Infektion so gefährlich.

Warum bekommen in Großbritannien so viele Menschen vorsorglich Antibiotika?

Beim aktuellen Ausbruch erhalten viele Kontaktpersonen prophylaktisch Antibiotika. Hintergrund ist, dass Menschen die Bakterien bereits tragen können, ohne Symptome zu entwickeln.

„Da wartet man nicht, ob jemand Symptome entwickelt oder nicht“, erklärt Wiedermann-Schmidt. „Man behandelt alle, die Kontakt hatten oder zum Zeitpunkt des Ausbruchs dort waren, prophylaktisch, um mögliche schwere invasive Erkrankungen möglichst im Vorfeld zu verhindern.“

Gerade bei Meningokokken sei rasches Handeln entscheidend. „Diese Erkrankungen können sich sehr schnell entwickeln. Innerhalb weniger Stunden kann sich eine schwere invasive Infektion entwickeln.“

Ursula Wiedermann-Schmidt posiert vor einer grünen Wand.

Ursula Wiedermann-Schmidt: „Bei Meningokokken kann sich innerhalb weniger Stunden eine Sepsis oder eine Hirnhautentzündung (Meningitis) entwickeln."

Wer ist besonders gefährdet?

Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder. „Die höchst gefährdete Gruppe sind die ganz kleinen Kinder“, sagt Wiedermann-Schmidt. „Ihr Immunsystem ist noch nicht vollständig entwickelt, deshalb sind sie besonders anfällig für invasive Erkrankungen.“

Deshalb empfiehlt der österreichische Impfplan die Impfung gegen Meningokokken B bereits im frühen Kindesalter. „Meist wird im ersten Lebensjahr oder sogar im ersten halben Lebensjahr geimpft, weil das Immunsystem noch nicht so gut entwickelt ist.“

Diese Impfung ist derzeit allerdings nicht Teil des kostenlosen Impfprogramms, sie wird aber im österreichischen Impfplan ausdrücklich empfohlen.

Welche Meningokokken-Typen gibt es?

Mehrere Serogruppen können Erkrankungen auslösen. „Insgesamt gibt es fünf Stämme, die beim Menschen Erkrankungen hervorrufen können“, erklärt Wiedermann-Schmidt. „Das sind Meningokokken B, A, C, W und Y.“

Für einige dieser Stämme gibt es kombinierte Impfstoffe. „Es gibt eine Kombinationsimpfung gegen A, C, W und Y. Diese ist in Österreich im Jugendimpfprogramm enthalten.“

Wie sieht das Impfprogramm in Österreich aus?

In Österreich orientiert sich das Impfschema an der Epidemiologie der Erkrankung. „Mit elf Jahren werden alle Jugendlichen kostenlos gegen die Stämme A, C, W und Y geimpft“, sagt Wiedermann-Schmidt.

Der Hintergrund ist, dass unterschiedliche Altersgruppen von unterschiedlichen Stämmen betroffen sind. „Man sieht in Österreich sehr klar, wann welche Stämme in welchen Altersgruppen vorkommen. Deshalb schützt man die kleinen Kinder vor allem gegen Meningokokken B.“

Jugendliche wiederum werden gegen mehrere andere Stämme geimpft. „Damit sollen sie auch bis ins junge Erwachsenenalter geschützt sein, also genau in jenem Alter, in dem jetzt auch die Betroffenen in England sind.“

Warum ist der aktuelle Ausbruch ungewöhnlich?

Der Ausbruch in Großbritannien betrifft vor allem junge Menschen und wird durch Meningokokken B verursacht. Das gilt als ungewöhnlich. „Bislang war es eher so, dass Meningokokken B vor allem bei kleinen Kindern aufgetreten sind“, sagt Wiedermann-Schmidt.

Bei Jugendlichen seien bislang häufiger andere Stämme verantwortlich gewesen. „Das waren eher C, W oder Y.“

Die Ursachen müsse man nun genau analysieren. „Man wird sich anschauen müssen, ob das Impfprogramm vielleicht nicht ausreichend angenommen wird oder ob sich die Epidemiologie verändert hat.“

Könnte sich dadurch das Impfschema ändern?

Der Ausbruch könnte langfristig auch Auswirkungen auf Impfstrategien haben. „Eine mögliche Überlegung wäre, Meningokokken B zweimal zu impfen“, sagt Wiedermann-Schmidt.

Das würde bedeuten, einmal im Kleinkindalter zu impfen und später im Jugendalter eine Auffrischung zu geben. „Das wäre dann möglicherweise gemeinsam mit der Impfung gegen die anderen vier Komponenten.“

Ob solche Änderungen notwendig sind, müsse aber erst anhand der epidemiologischen Entwicklung beurteilt werden.

Kann sich so ein Ausbruch auch nach Österreich ausbreiten?

Theoretisch sei das möglich. „Es kann natürlich sein, dass jemand, der die Erkrankung hat, sie aus einem anderen Land mitbringt“, sagt Wiedermann-Schmidt.

Ob sich ein Stamm tatsächlich in einer Bevölkerung ausbreitet, hängt von mehreren Faktoren ab. „Das hängt davon ab, wie gut die Immunität in der Bevölkerung ist.“

Zugleich weist die Expertin darauf hin, dass Meningokokken epidemiologisch sehr dynamisch sind. „Meningokokken haben eine enorme Dynamik in ihrer Epidemiologie“, sagt sie. „Es kann sich rein theoretisch einer dieser Stämme stärker in einer Bevölkerung ausbreiten.“

Ebenso sei möglich, dass ein Ausbruch regional begrenzt bleibt.

Wie ist die Situation derzeit in Österreich?

Auch in Österreich treten immer wieder invasive Meningokokken-Erkrankungen auf, wenn auch selten. Nach Angaben der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit wurden im Jahr 2024 insgesamt 15 laborbestätigte Fälle registriert. Eine betroffene Person ist verstorben. 

Aktuell gibt es jedoch keinen Hinweis auf eine ähnliche Entwicklung wie in Großbritannien. „Mir ist momentan nichts bekannt, dass es in Österreich bei Jugendlichen zu vermehrten B-Fällen gekommen ist“, sagt Wiedermann-Schmidt. 

Wie werden solche Erkrankungen überwacht?

Meningokokken gehören zu den meldepflichtigen Krankheiten. Das bedeutet, dass alle Fälle registriert und überwacht werden.

„Wir haben in Österreich eine gute Surveillance“, sagt Wiedermann-Schmidt. „Meningokokken-Erkrankungen werden routinemäßig erfasst.“

Diese Überwachung ermöglicht es, Veränderungen rasch zu erkennen und Impfstrategien gegebenenfalls anzupassen.

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