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Lungenkrebs: Warum er bei Frauen oft erst spät erkannt wird

Lungenkrebs ist längst nicht mehr nur eine „Raucherkrankheit“ des Mannes. Frauen sind immer häufiger betroffen - Rauchen erklärt nur einen Teil des Anstiegs.
Human lung cancer under a magnifying glass.

Als „typischer Lungenkrebspatient“ gilt in der öffentlichen Wahrnehmung ein älterer männlicher Raucher. Doch dieses Bild der „Raucherkrankheit“ entspricht schon längst nicht mehr der Realität. Bei Männern ist die Häufigkeit der Erkrankung rückläufig, bei Frauen hingegen steigt sie seit Ende der 1990er-Jahre an - ein Grund dafür ist das veränderte Rauchverhalten mit steigendem Anteil an rauchenden Frauen. Aber damit allein könne der Anstieg der Erkrankungen nicht erklärt werden, betont jetzt die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) anlässlich des Welt-Lungenkrebstages heute, Samstag, 1.8.

Aber weil unspezifische Beschwerden wie anhaltender Husten, Atemnot, Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Gewichtsverlust besonders bei jüngeren Frauen selten gleich mit einer Lungenerkrankung in Verbindung gebracht werden, kommt es oft zu einer verzögerten Diagnose bei Frauen. 

Gleichzeitig zeigen immer mehr wissenschaftliche Studien, dass Frauen in vielerlei Hinsicht anders von Lungenkrebs betroffen sind als Männer. 

Romana Wass, Oberärztin am Kepler Universitätsklinikum in Linz und stv. Leiterin der ÖGP-Expertengruppe „Pneumologische Onkologie“: „Mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Frauen später diagnostiziert werden als Männer und häufiger mehrere Arztkontakte benötigen, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. 

Gründe hierfür sind unter anderem das weiterhin verbreitete Bild des ‚typischen Lungenkrebspatienten‘ als älterer männlicher Raucher sowie die geringere Wahrscheinlichkeit, bei Nichtraucherinnen frühzeitig an Lungenkrebs zu denken.“

Dabei ist Lungenkrebs inzwischen – nach Brustkrebs – weltweit und auch in Österreich bereits die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen. 2024 gab es 2.513 Fälle bei Frauen und 3.020 Fälle bei Männern.

Lungenkrebs: Nicht immer liegt es am Rauchen

Und gerade bei Frauen ist nicht immer der Tabakkonsum der auslösende Faktor. Dazu Maximilian Hochmair, Oberarzt im Krankenhaus Nord des Wiener Gesundheitsverbundes und Leiter der ÖGP-Expertengruppe Pneumologische Onkologie: 

„Rund 80 bis 90 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen stehen weiterhin mit dem Tabakkonsum in Zusammenhang. Dennoch fällt seit einigen Jahren auf, dass vergleichsweise viele Frauen an Lungenkrebs erkranken, obwohl sie nie oder nur wenig geraucht haben. Besonders häufig handelt es sich dabei um das Adenokarzinom, den heute häufigsten Typ des Lungenkrebses.“

Die Ursachen dafür seien vielfältig: Passivrauchen erhöht nachweislich das Erkrankungsrisiko. Hinzu kommen Luftverschmutzung sowie die Belastung durch Rauch aus Holz-, Kohle- oder Biomassefeuern in Innenräumen. 

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit insbesondere Frauen in Ländern mit traditionellen Kochstellen über viele Jahre erheblichen Konzentrationen gesundheitsschädlicher Feinstäube und krebserregender Stoffe ausgesetzt.

Auch Dämpfe, die beim starken Erhitzen von Speiseölen entstehen, werden als möglicher Risikofaktor diskutiert. Diese Belastungen betreffen Frauen aufgrund traditioneller Rollenverteilungen in vielen Regionen der Welt häufiger als Männer.

Lungenkrebs entwickelt sich bei Frauen anders

Zahlreiche Studien zeigen mittlerweile aber auch, dass sich Lungenkrebs bei Frauen auf molekularer Ebene teilweise anders entwickelt als bei Männern.

Dazu Hochmair: „Frauen weisen häufiger sogenannte EGFR-Mutationen auf. Diese genetischen Veränderungen fördern das Wachstum bestimmter Tumoren, eröffnen aber gleichzeitig die Möglichkeit einer gezielten Behandlung mit modernen Tyrosinkinasehemmern. Gerade deshalb ist eine umfassende molekulare Diagnostik heute unverzichtbarer Bestandteil der Therapieentscheidung.“

Biologische Geschlechtsunterschiede

Auch Unterschiede im Immunsystem, im Stoffwechsel von Medikamenten sowie in der Regulation zahlreicher Gene werden zunehmend beschrieben. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass biologische Geschlechtsunterschiede Einfluss darauf haben können, wie Tumoren entstehen und wie sie auf Behandlungen reagieren. Viele dieser Mechanismen sind allerdings noch nicht vollständig verstanden.

Deutlich vorsichtiger bewertet die Wissenschaft dagegen den Einfluss weiblicher Hormone. Waas: „Zwar besitzen viele Lungentumoren Östrogenrezeptoren, und experimentelle Studien sprechen für einen möglichen Einfluss von Östrogen auf das Tumorwachstum. Ob hormonelle Verhütungsmittel oder Hormonersatztherapien das Erkrankungsrisiko tatsächlich verändern, ist bislang jedoch nicht eindeutig belegt. Die bisherigen Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse.“

Frauen in Studien bisher seltener vertreten

Ein weiteres Problem betrifft die klinische Forschung. Frauen waren über viele Jahre in Studien zu Lungenkrebs seltener vertreten als Männer. Dadurch beruhen viele Erkenntnisse zu Dosierungen, Nebenwirkungen oder Therapieeffekten überwiegend auf männlichen Patientenkollektiven.

Hochmair: „Heute weiß man, dass Frauen unter bestimmten Krebstherapien häufiger Nebenwirkungen entwickeln können. Dies betrifft unter anderem Übelkeit, neurologische Beschwerden und einige immunvermittelte Nebenwirkungen. Ob daraus künftig geschlechtsspezifische Dosierungsempfehlungen entstehen sollten, wird derzeit intensiv untersucht. Gesicherte Empfehlungen existieren bislang jedoch nur in Einzelfällen.“

Fazit: „Lungenkrebs ist längst keine Erkrankung, die ausschließlich ältere männliche Raucher betrifft. Frauen erkranken häufig unter anderen Voraussetzungen, zeigen teilweise andere Tumoreigenschaften und stehen vor besonderen Herausforderungen bei Diagnose und Behandlung“, betont Hochmair.

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