Wiener Onkologe: Warum heute viele Patienten Jahre länger leben

Krebs bleibt eine Schockdiagnose – doch die Onkologie erlebt eine Revolution. Matthias Preusser erklärt, was Patienten heute hoffen lässt und wie Prävention wirkt.
Interview: Matthias Preusser

Zusammenfassung

  • Innovative Therapien und Prävention ermöglichen heute deutlich längere Überlebenszeiten bei vielen Krebspatienten.
  • Bis zur Hälfte aller Krebserkrankungen könnten durch gesünderen Lebensstil und Vorsorge verhindert werden.
  • Die moderne Onkologie bietet zahlreiche neue Behandlungsformen, darunter Immuntherapien, zielgerichtete Therapien und personalisierte Medizin.

Die Diagnose Krebs ist für Betroffene noch immer ein Schock. Doch die Onkologie erlebt eine beispiellose Dynamik: Innovative Therapien verändern die Behandlungsmöglichkeiten fundamental. Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie, AKH Wien, MedUni Wien, erzählt, wie man sein Krebsrisiko minimieren kann und warum manche Patienten heute Jahre überleben, die vor 20 Jahren nur Wochen gehabt hätten.

Der Begriff „Krebs“ ist nach wie vor mit Angst und Schrecken verbunden, da ist man als Arzt gefordert. Warum sind Sie Onkologe geworden?

Onkologie ist das mit Abstand spannendste Fach der Medizin, in dem sich momentan am allermeisten tut. Natürlich hat man es dabei mit schwierigen und belastenden Situationen zu tun, gleichzeitig kann man als Arzt sehr weiterhelfen und auch wissenschaftlich viel beitragen.

Gibt es heute mehr Krebserkrankungen oder werden sie früher und häufiger erkannt?

Die Zahl der Krebserkrankungen ist steigend. Das hat mehrere Gründe: Die Bevölkerung wird älter. Krebs betrifft zwar Menschen in jeder Lebensphase, wird aber im höheren Alter deutlich häufiger. Zweitens; Früherkennung und Diagnostik sind viel genauer geworden, das ist richtig. Zuletzt sind wir nicht sehr gut darin, auf uns aufzupassen, der Lebensstil könnte gesünder sein. Als Gesellschaft sind wir zu dick, wir rauchen zu viel und bewegen uns zu wenig.

Welchen Anteil hat der Lebensstil hier genau?

Etwa 30 bis 50 Prozent der Krebserkrankungen wären durch mehr Bewegung, Gewichtsabnahme und Nikotinverzicht zu verhindern. Auch Sonnenbaden ist ungesund. Darüber hinaus existieren für manche Krebsarten effektive Früherkennungsmethoden, die man wahrnehmen sollte – von der Darmspiegelung über den FIT-Test bis hin zu HPV-Impfungen.

Was genau ist der FIT-Test?

Ein Test auf Blut im Stuhl, der in der Früherkennung von Darmkrebs genauso wirksam ist wie die Darmspiegelung. Er wird in Österreich aktuell flächendeckend ausgerollt. Statt einer Koloskopie alle zehn Jahre kann man den Test alle zwei Jahre machen.

Warum erkranken mehr Jüngere an Krebs?

Vor allem bei Darmkrebs sind mehr jüngere Personen betroffen, was auch mit der besseren Früherkennung und den Diagnosemethoden zusammenhängt. Aber eben auch mit einem ungesünderen Lebensstil, wie zu wenig Bewegung, Adipositas oder ein übermäßiger Konsum von Fleisch, was aber noch nicht hundertprozentig abgesichert ist. Es gibt ebenso gesunde und fitte Menschen, die erkranken.

Welche Krebsarten nehmen zu?

Als häufigste Krebserkrankungen gelten das Mammakarzinom, also Brustkrebs bei der Frau, und das Prostatakarzinom beim Mann. Eine weitere häufige Krebserkrankungen ist das Bronchialkarzinom, der Lungenkrebs. Rauchen hat zwar abgenommen, trotzdem könnte die Situation hier besser sein, Frauen haben hier leider aufgeholt.

Gibt es einen krebsvermeidenden Lebensstil, der das persönliche Risiko auf Null stellt?

Nein. Jeder von uns trägt ein persönliches Krebsrisiko in sich, zugleich hat es jeder selbst in der Hand und kann es durch einen gesunden Lebensstil, Vorsorgeuntersuchungen, Präventionsmaßnahmen reduzieren. Aber auf Null geht es bei niemandem runter.

Entsteht in unserem Körper ständig Krebs?

Krebs ist eine genetische Erkrankung, die darauf beruht, dass die DNA, also die Erbsubstanz, bei der Zellteilung millionenfach kopiert wird. Als würde man immer den gleichen Zettel abschreiben und irgendwann passiert ein Tippfehler. Das kann irrelevant sein, kann aber auch Krebs auslösen. Der Körper hat Korrekturlesemechanismen, doch bei der Vielzahl an Kopien kann auch einmal ein Fehler übersehen werden. Das passiert ständig, wird aber meist repariert. Es entstehen bei jedem Menschen sogar regelmäßig richtige Krebszellen, dafür gibt es weitere Korrekturmechanismen im Immunsystem. Das ist wie die Polizei des Körpers: Immunzellen patrouillieren ständig und fragen bei jeder Zelle nach dem Personalausweis. Krebszellen haben den falschen Ausweis und werden dann effektiv abgeräumt. Krebs ist allerdings sehr schlau, kann den Personalausweis fälschen und durchschlüpfen. Wer ungesund lebt, erhöht das Risiko für Tippfehler deutlich und hebelt die Korrekturmechanismen aus.

Interview: Matthias Preusser

Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie, AKH Wien, MedUni Wien sagt, wie man sein Krebsrisiko minimieren kann. 

Jeder von uns trägt ein persönliches Krebsrisiko in sich, zugleich hat es jeder selbst in der Hand und kann es durch einen gesunden Lebensstil, Vorsorgeuntersuchungen, Präventionsmaßnahmen reduzieren. 

von Univ.-Prof. Matthias Preusser

Bei welchen Krebsarten haben sich die Überlebenschancen deutlich verbessert?

Das HER2-positive Mammakarzinom ist ein Paradebeispiel. Hier kann HER2 – ein Protein – mittlerweile durch Medikamente blockiert werden, was zu einer viel höheren Überlebenswahrscheinlichkeit geführt hat. Ein anderes Beispiel ist das Melanom, der schwarze Hautkrebs, der noch bis vor kurzem im metastasierten Stadium eine Prognose von ein paar Monaten hatte. Bis 2011 die Immuntherapien zugelassen wurden – ein Durchbruch. Krebs ist nach wie vor ein ernst zu nehmender Gegner, gleichzeitig gab es in manchen Bereichen eine Revolution. Ich bin seit mehr als 20 Jahren in diesem Gebiet tätig, in dieser Zeit wurden die Geschichtsbücher der Onkologie komplett umgeschrieben. Patienten mit Diagnosen, die einst innerhalb kurzer Zeit gestorben sind, kann man heutzutage so gut therapieren, dass sie Überlebenszeiten von Jahren haben, bei guter Lebensqualität.

Was sind die zentralen Therapiesäulen?

Das sind nach wie vor Chirurgie, Strahlentherapie, Chemotherapie. Therapien, die wir jeden Tag verwenden, weil sie sinnvoll und wirksam sind. In den vergangenen Jahren ist eine Vielzahl neuer Therapieformen dazugekommen, die die klassischen ablösen können oder in Kombination verwendet werden. Die Konstante in der Onkologie ist die Innovation und Dynamik. Es kommt mehrmals pro Jahr zu neuen Zulassungen. Man fährt am Freitag zum Kongress, erfährt viel Neues und verschreibt am Montag anders als noch die Woche davor.

Als besonders spektakulär gelten CAR-T-Zelltherapien, wie funktionieren sie?

Dafür nimmt man die Immunzellen eines Patienten, modifiziert sie im Labor, macht sie scharf und stattet sie mit jenen Informationen aus, die sie brauchen, um Tumorzellen besser zu erkennen. Wie ein Spürhund, der nicht weiß, welchen Gangster er jagen soll, bis man ihm das T-Shirt hinhält und er den Geruch aufnehmen kann, um den Täter zu finden. Das wird im Moment vor allem bei Blutkrebsarten angewendet, weil die Tumorzellen im Blut leichter zugänglich sind und die Krebszellen-Klone alle gleich ausschauen. Solide Tumore sind allerdings viel komplexer aufgebaut, da ist man mit CAR-T-Cells noch nicht so effektiv, aber das wird eine der nächsten Entwicklungen sein, in etwa fünf bis zehn Jahren.

Wie personalisiert ist personalisierte Medizin?

Derzeit suchen wir nach bestimmten Veränderungen im Tumor, um ein Medikament zu finden, das exakt passt. Das wird künftig noch präziser auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden, etwa mit therapeutischen Krebsimpfungen. Dabei wird der Krebs im Labor analysiert und eine Impfung für diesen einen Patienten entwickelt. Beim Melanom und Lungenkrebs ist man schon sehr weit, das könnte in den nächsten Jahren zugelassen werden.

Bekommt in Österreich jeder die beste Therapie, unabhängig von den hohen Kosten?

Ja, in Österreich kriegt jeder die beste Therapie unabhängig vom Preis. In den Tumorboards sind Kosten nie Thema, das wäre unethisch. Sorgen habe ich eher, was die allgemeinen Ressourcen betrifft, also die Zahl der Ärzte und Pflegepersonen. Da sind wir komplett am Anschlag und versorgen sehr viele Patienten mit einem relativ kleinen Personalstand für eine sehr belastende Arbeit. Aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es immer mehr Krebserkrankungen, die Patienten werden länger überleben, was sehr positiv ist. Gleichzeitig hat die gleiche Anzahl von Ärzten und Pflegepersonen immer mehr Menschen zu versorgen. Da braucht es eine Anpassung.

Was erwarten Sie für die nächsten zehn Jahre?

Eine starke Dynamik mit sehr vielen neuen Therapieformen, Neuzulassungen und verbesserten Behandlungsmöglichkeiten für eine Reihe von Krebsarten. Ich würde mir erhoffen, dass wir endlich auch Fortschritte bei jenen Tumor-Erkrankungen machen, wo wir bisher gegen die Wand gelaufen sind, wie der Bauchspeicheldrüsenkrebs oder das Glioblastom, der häufigste bösartige Hirntumor.

Welche drei Dinge sollte jeder Mensch über Krebs wissen?

Erstens: Er wird im Leben jedes Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielen, mit dieser unangenehmen Wahrheit muss man sich abfinden. Zweitens: Bis zur Hälfte aller Krebserkrankungen kann verhindert werden, heißt: Ich habe es selbst in der Hand, mein Risiko mitzugestalten. Drittens: Wer mit einer Krebserkrankung konfrontiert ist, sollte sich fachkundigen Rat holen und nicht ChatGPT oder Dr. Google befragen.

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