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Wissen Gesundheit
03/14/2021

Long Covid: Wenn die Symptome einfach nicht aufhören

Die Infektion ist längst überstanden, doch Betroffene haben noch Monate später Beschwerden – weil Ärzte nichts finden, schicken viele ihre Patienten zum Psychiater

von Laila Docekal

Vor einigen Tagen erhielt Maarte Preller einen Anruf von einer jungen Mutter. Sie war am Ende und dachte sie ist verrückt, weil sie Symptome hat, aber die Ärzte nichts finden. „Sie hat dann zehn Minuten geweint, weil ich ihr gesagt habe: Du bist nicht alleine, wir haben alle diese Symptome.“ Fast 490.000 Menschen in Österreich wurden seit vorigem Jahr positiv auf Corona getestet – zumindest zehn Prozent davon leiden noch Monate an den Spätfolgen. Auch Maarte Preller.

Die 32-Jährige hatte schon im März Covid, hat sich bald darauf erholt und ist wieder ihrem Beruf als Masseurin nachgegangen. „Ich habe mich eigentlich wieder gut gefühlt, aber im August hatte ich plötzlich einen Zusammenbruch, als ob ich wieder Corona habe.“ Fieber, Kopfschmerzen, Schwindel, Kurzatmigkeit, Herzrasen. „Alles in meinem Körper war auf Alarm.“ In Folge war sie bei sieben Ärzten – Blutbefunde, Lungenfunktion, Lungenröntgen, neurologische Untersuchungen, alles in Ordnung. „Die Ärzte suchen nach akuten Schäden – Dinge, die sie operieren oder mit Medikamenten bekämpfen können. Wenn sie nichts finden, kommt der Hinweis, dass man lieber zum Psychiater gehen soll. Dann muss es eingebildet sein.“

Selbsthilfegruppe mit Betroffenen im Alter von 7 bis 70 Jahren

Preller war sich sicher, dass ihre Symptome echt sind und gründete Ende Jänner eine Selbsthilfegruppe – innerhalb kürzester Zeit wurde sie von rund 300 Betroffenen gefunden, die auf der Suche nach Antworten waren. „Unsere Patientengruppe ist bunt gemischt: von Eltern, deren siebenjährige Kinder betroffen sind, über Top-Sportler, Ernährungsberater bis hin zu Über-70-Jährigen. Menschen, die sich gesund ernähren, sich viel bewegen und auf ihre Gesundheit achten. Die können sich das nicht alle gleichzeitig einbilden.“ (siehe auch Erfahrungsberichte unten)

Druck von den Krankenkassen

Sie alle haben ähnliche Krankheitsgeschichten, haben Ärzte und diverse Therapeuten abgeklappert und sind auf der Suche nach Hilfe. „Ärzte schauen einen dann oft mitleidig an und sagen, man muss Geduld haben“, erzählt Preller. „Ein netter Rat, wenn man nicht weiter weiß. Das Problem sei aber, dass die Krankenkassen keine Geduld haben und einen möglichst rasch gesund schreiben wollen. „Ich bin nicht einmal in der Lage, alleine für mich zu sorgen, aber die Chefärztin sagt, ich gehöre nicht in den Krankenstand, wenn ich nicht sagen kann, wann es besser wird oder neue ärztliche Untersuchungen nachweise.“ Betroffene aus der Gruppe stehen plötzlich ohne Versicherung da, weil sie nicht mehr arbeiten können und gesund geschrieben wurden.

Dazu kommt, dass manche Ärzte zwar individuelle Therapien ausprobieren, in der Hoffnung ihren Patienten helfen zu können. „Es ist aber ein Problem, wenn das jeder für sich probiert, weil dann niemand weiß, welchen Patienten welche Therapien helfen. Diese Betroffenen sind da und brauchen eine Nachversorgung und im Moment sind wir ihr einziger Lichtblick – das kann’s nicht sein.“

Anlaufstellen für Betroffene von Long Covid

  • Selbsthilfegruppe: Für den Austausch mit anderen gibt es mehrere Möglichkeiten - Facebookgruppe „Long Covid Austria“ oder via Twitter @longcovidAT oder via eMail   longcovidAT@gmail.com Auch Zoom-Treffen sind  in Planung
  • Ambulanzen: Am AKH Wien gibt es sowohl eine Covid-Ambulanz auf der Pulmologie als auch auf der Kardiologie. An der MedUni Wien laufen mehrere Studien zu den Covid-Folgen. Näheres auf meduniwien.ac.at 

Anna B., 36, Office-Managerin in Reha: "Der Weg zum Bäcker fühlt sich an wie eine Radtour" 

Bei mir hat es mit Husten begonnen – da hab ich mir noch nichts gedacht, weil das im Oktober ja nichts Ungewöhnliches ist. Dann kam jeden Tag ein neues Symptom dazu: Gliederschmerzen, Druck auf der Brust und mit dem Schnupfen hab ich mir den Geruchs- und Geschmackssinn ausgeschnäuzt. Der war zwar bald wieder da, aber ich habe manchmal noch immer Phantomgerüche und es riecht plötzlich nach Tankstelle oder Katzenklo. Wegen meiner Atemprobleme bin ich in der Covid-Ambulanz im Wiener AKH. Ich  hab  Lungenwerte wie ein Kettenraucher. Oft habe ich Tage nach dem Sport noch Atemprobleme und mir bleibt die Luft weg bzw. habe ich Druck auf der Brust. Ich bin nach kleinsten Anstrengungen schnell und viel müde. Der Weg zum Bäcker fühlt sich so anstrengend an wie eine ganze Radtour. Arbeiten könnte ich so nicht. 
 

Birgit P.: "Mein neunjähriger Sohn kann seit Oktober nichts mehr schmecken und riechen"

Gerade bei Kindern wird das Problem leider total heruntergespielt, weil alle glauben, Kinder werden eh nicht krank. Unsere ganze Familie hat sich im Herbst angesteckt, aber mein Jüngster hatte im Gegensatz zu seinem großen Bruder kaum Symptome. Wir haben alle unseren Geschmacks- und Geruchssinn verloren und wieder zurückbekommen, aber der Jüngste kann bis heute kaum etwas riechen. Wir dachten, es gibt sich nach ein paar Wochen sicher wieder. Er selbst hat gehofft, dass er zumindest zu Weihnachten den Tannenbaum und Lebkuchen riechen kann... immerhin kann er wieder manches schmecken. Ich bin gerade dabei, Arzttermine auszumachen, aber es ist schwierig, überhaupt einen Termin zu bekommen. Wir versuchen seinen Geruchssinn inzwischen mit Düften zu stimulieren und hoffen, dass er es wieder antrainieren kann. Er ist zum Glück nicht krank, aber es ist eine Beeinträchtigung und damit auch eine Last.

Sandra W., 44, Assistenzposition: "Du bist verzweifelt, weil dir niemand helfen kann"

Als ich im August positiv getestet wurde,  war es wie eine starke Verkühlung, aber es ist immer schlechter  geworden. Über die Wochen sind wahnsinnige Kopfschmerzen dazugekommen –  als würde jemand mit einer Nadel ständig in den Kopf stechen. Geschmack und Geruch  werden wahrscheinlich nie wieder so gut wie früher.  Ich hab die Nase in Aceton gehalten und nichts gerochen. Wenn man einmal gar nichts geschmeckt und gerochen hat, ist man dankbar, wenn es wieder ein bisschen geht. Bis vor Kurzem hatte ich ständig so eine bleierne Müdigkeit und war nach zwei Stiegen außer Atem, hab keine Luft mehr bekommen und hab wahnsinnig viel geschlafen. Ich habe mich zum Arbeiten gezwungen, weil ich Angst hatte, sonst gar nichts mehr zu schaffen. Mein Mann musste vor allem im Haushalt und mit den Kindern sehr viel auffangen. Ich war bei vielen Ärzten und keiner konnte mir helfen. Manche wollten mir gar nicht erst einen Termin geben. Seit einigen Wochen bekomme ich Infusionen mit Vitamin C  und die helfen mir sehr. 

Alexander Hadwig, 46, Zahnarzt: „Ich bin nicht alt, aber es hat sehr an mir gezehrt“

Wir haben uns im Herbst angesteckt und während meine Frau nur leichte Symptome hatte, war ich sofort schlapp, hatte Fieber, Kopfschmerzen und hab den Geruchssinn verloren. Ich konnte zehn Tage nichts essen und die Atemnot war so groß, dass ich kurzzeitig überlegt habe, die Rettung zu rufen. Heute kann ich noch immer nicht hundertprozentig riechen und kann vieles noch immer nicht schmecken. Salziges geht z. B. gut, aber eine Suppe schmeckt nach nichts – das Essen muss stark gewürzt sein, damit ich etwas erahnen kann.   Anfangs war ich sehr kurzatmig, hab schlecht geschlafen und es ging mir psychisch schlecht wie bei einer depressiven Verstimmung.   Jetzt ist das alles etwa vier Monate her und es ist  bis auf das Schmecken und Riechen fast alles wieder normal. Ich bin nicht alt, aber es hat sehr an mir gezehrt.  

 

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