Digitales Kinderschutzzentrum: Anonyme Hilfe per Chat startet
Kinder und Jugendliche brauchen niederschwellige Angebote, um sich zu öffnen.
Das Risiko, als Kind Gewalt zu erleben, ist zwei- bis dreimal so hoch wie jenes von Erwachsenen. Kinder erleben Gewalt in unterschiedlichen Formen – körperlich, psychisch oder sexualisiert, durch Vernachlässigung oder durch das Miterleben von Partnerschaftsgewalt. „Sie sind die Bevölkerungsgruppe, die in unserer Gesellschaft am häufigsten Gewalt erfährt – und das oft schon ab dem Säuglingsalter“, erklärt Petra Birchbauer, Vorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren. Diese Erfahrungen wirken häufig über viele Jahre nach und können erhebliche gesundheitliche und soziale Folgen haben. Häufig gehen sie mit Traumatisierungen einher und erhöhen das Risiko für spätere psychische oder körperliche Erkrankungen sowie für Gewalterfahrungen im Erwachsenenalter.
Gleichzeitig fällt es Kindern und Jugendlichen schwer, über ihre Erfahrungen zu sprechen und Unterstützung zu suchen. Besonders wichtig sei, dass Kinder rasch erleben, dass ihnen geglaubt werde: „Dieses Vertrauen in Hilfsangebote kann ein Leben lang tragen“, betont Birchbauer. In den insgesamt 36 Kinderschutzzentren in Österreich wird frühe und niederschwellige Hilfe angeboten. Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag betonten Expertinnen die Dringlichkeit früher Intervention, die gesellschaftliche Folgekosten von Gewalt in der Kindheit – und warnten eindringlich vor dem Auslaufen der Finanzierung.
80.000 Kinder und Angehörige erreicht
Seit Oktober 2024 erhielt der Verband vom Gesundheitsministerium eine Förderung von 9,8 Millionen Euro. Durch die Finanzierung konnten österreichweit 300 spezialisierte Fachkräfte aus Psychologie, Sozialarbeit und Psychotherapie finanziert werden. Insgesamt 45.000 Stunden Krisenintervention wurden geleistet, rund 80.000 Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen konnten im Förderzeitraum erreicht werden. Zudem wurden kürzere Wartezeiten, längere Öffnungszeiten und neue oder ausgebaute Standorte, besonders in strukturschwachen Regionen, ermöglicht.
„Der größte Teil der Förderung fließt in Personalkosten und damit unmittelbar in die Beratung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien“, sagte Karin Thiller, Geschäftsführerin der Kinderschutzzentren.
Neues Angebot: Digitales Kinderschutzzentrum als Chat
Ein neues Projekt, das ab sofort verfügbar ist, ist das Digitale Kinderschutzzentrum. Es versteht sich als anonyme, barrierearme Erstanlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die (noch) keinen Zugang zu bestehenden Hilfesystemen haben. „Der digitale Raum ist für junge Menschen einer der wichtigsten Lebensräume unserer Zeit“, sagte Gabriella Ulram, Diplomsozialarbeiterin und Leiterin des Digitalen Kinderschutzzentrums. „Unser anonymer Chat bietet einen Safe Space, in dem Kinder auf Augenhöhe beraten werden und Unterstützung finden können – auch in belastenden Abendstunden.“
Das Angebot ist montags bis freitags von 17 bis 21 Uhr verfügbar. Ein Ausbau auf Wochenenden sei dringend wünschenswert, scheitere derzeit aber an den personellen Ressourcen. Ulram betonte auch die Sicherheitsaspekte: „Ein Exit-Button, um rasch aussteigen zu können, sollten Personen in den Raum kommen, und völlige Anonymität sind zentrale Funktionen. Gleichzeitig ist das eine Herausforderung, weil wir ohne Daten nicht selbstständig Hilfe organisieren können – wir erarbeiten daher gemeinsam mit den Kindern Notfallpläne.“
„Schreiben fällt vielen leichter als Reden“
Wie die digitale Beratung konkret abläuft, schilderte Miriam Sturm, Mitarbeiterin im Digitalen Kinderschutzzentrum. „Ich erlebe täglich, wie schwer es Kindern und Jugendlichen fällt, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. Angst, Scham und Schuldgefühle sind groß – oft fehlen die Worte.“ Viele wählten deshalb bewusst anonyme Angebote. „Schreiben fällt vielen leichter als Reden. Der digitale Raum gibt ihnen Kontrolle – und das ist eine zentrale Voraussetzung, um sich zu öffnen.“
In der Pilotphase habe es bereits zahlreiche Kontakte gegeben, so Sturm. Die Themen seien vielfältig, oft würden Kinder zunächst mit anderen Sorgen einsteigen. „Vertrauen entsteht manchmal erst im zweiten oder dritten Gespräch. Umso wichtiger sind Geduld und fachlich qualifizierte Begleitung. Wenn wir zuhören und ernst nehmen, kann schon die erste Nachricht etwas verändern.“
Doch die Förderung läuft im September 2026 aus. Wie es weitergeht, ist ungewiss. „Derzeit gibt es keinerlei Signale für eine Fortführung“, warnte Thiller. „Wir bräuchten etwa drei Millionen Euro pro Jahr, um das erreichte Niveau halten zu können. Die Aufbauarbeit ist getan – jetzt darf sie nicht abbrechen.“ Man wolle sich im Vorfeld der Budgetrede des Finanzministers am 10. Juni deutlich zu Wort melden. „Wenn wir Gewaltzyklen verhindern wollen, müssen wir früh eingreifen. Einsparungen im Bereich Kinderschutz führen unweigerlich zu hohen Folgekosten – menschlich wie wirtschaftlich“, sagte Birchbauer.
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