Schneckengift gegen chronische Schmerzen
Kegelschnecken setzen Gift zum Beutefangen und zur Feindabwehr ein. Seit Jahrzehnten werden die Giftcocktails der rund 750 Arten umfassenden Gattung Conus untersucht, versprechen sie doch einen völlig neuen Zugang bei der Schmerzmittel-Entwicklung. Ein Forschungsteam unter Wiener Leitung hat nun eine neue Verbindung aus dem Gift einer Kegelschnecke untersucht, das im Tiermodell entzündungsbedingte Schmerzen deutlich verringerte und Vorteile bei der Verabreichung hat.
Wirkung auf Nervensystem
Man kennt bereits Tausende sogenannte Conotoxin-Sequenzen, die von verschiedenen Arten von Meeresschnecken der Gattung Conus zur Beutejagd produziert werden. Ein typisches Gift dieser Tiere enthält hundert bis tausend bioaktive Substanzen, die über eine Art Harpune in die Beute injiziert werden. Diese Verbindungen können auch auf das menschliche Nervensystem wirken, wobei sie an Rezeptoren andocken, die wichtig für die Schmerzreizleitung sind. Das macht sie als Alternative zu Opioiden interessant, deren Gabe mit Risiken verbunden ist. Bereits heute wird ein aus einem Kegelschnecken-Peptid entwickeltes Medikament zur Behandlung chronischer Schmerzen eingesetzt.
Wirkungsweise detailliert entschlüsselt
Im Fachjournal „Nature Structural and Molecular Biology“ berichtet nun ein Forschungsteam um Harald Sitte vom Zentrum für Physiologie und Pharmakologie der Medizinischen Universität Wien, wie das bereits zuvor isolierte Peptid „AoIA“ aus dem Gift der Kegelschnecke „Conus araneosus“ im Detail wirkt. Die Verbindung hemmt gezielt den Noradrenalin-Transporter und kann dadurch körpereigene schmerzhemmende Mechanismen unterstützen. „AoIA“ beeinflusst dabei ganz selektiv nur den Noradrenalin-Transporter, nicht aber die eng verwandten Transportproteine für Serotonin oder Dopamin. Das macht das Peptid zu einem vielversprechenden Ansatz für die Entwicklung neuer Wirkstoffe.
Einfache Verabreichung
Das Peptid hat einen weiteren entscheidenden Vorteil: Im Vergleich zu dem vor 25 Jahren entdeckten Peptid „MrIA“ aus derselben Familie der Chi-Conotoxine, das direkt in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit verabreicht werden muss, entfaltet „AoIA“ im Tiermodell seine Wirkung in einer entzündungsbedingten Schmerzphase schon nach einer Injektion unter die Haut. Hinweise auf Sedierung oder eine Beeinträchtigung der Bewegungskoordination fanden sich dabei nicht. Zudem konnten die Wissenschafterinnen und Wissenschafter zeigen, dass „AoIA“ nicht an Opioidrezeptoren und anderen bekannten Zielstrukturen der Schmerzverarbeitung wirkt.
Für Sitte wird durch die Ergebnisse „eine wichtige Grundlage für die Entwicklung neuer nicht-opioider Schmerzmedikamente mit deutlich einfacherer Anwendung gelegt“, wie er in einer Aussendung erklärte. Bis zu einem möglichen Einsatz beim Menschen seien allerdings weitere präklinische und klinische Untersuchungen erforderlich.
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