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Chronische Schmerzen: Warum neue Ziele der Psyche helfen können

Chronische Schmerzen verändern nicht nur den Körper, sondern oft das ganze Leben. Eine aktuelle Studie zeigt: Für das seelische Wohlbefinden ist es wichtig, wieder neue, erreichbare Ziele zu finden.
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Zusammenfassung

  • Chronische Schmerzen beeinträchtigen nicht nur den Körper, sondern oft auch Arbeit, Schlaf, Beziehungen, Beweglichkeit und Lebensfreude.
  • Eine australische Studie mit 190 Betroffenen zeigt, dass vor allem das Finden neuer, sinnvoller Ziele mit größerem psychischem Wohlbefinden verbunden ist – unabhängig von der Schmerzstärke.
  • Reines Loslassen reicht oft nicht aus; hilfreicher erscheint, Verluste ernst zu nehmen und zugleich kleine, realistische neue Wege im Alltag zu entwickeln.

Schmerzen, die nicht verschwinden, beeinflussen den Alltag tiefgreifend. Wer seit Monaten oder Jahren mit Rücken-, Gelenk-, Muskel- oder Nervenschmerzen lebt, kennt oft nicht nur das körperliche Leiden. Chronische Schmerzen können vielmehr auch die Arbeit, den Schlaf, die Bewegungsfähigkeit, das Sozialleben und vor allem die Lebensfreude beeinträchtigen. Sie zwingen Menschen immer wieder dazu, Pläne zu ändern, Aktivitäten abzusagen oder frühere Selbstverständlichkeiten aufzugeben.

Eine aktuelle Untersuchung aus Australien richtet den Blick nun auf einen Aspekt, der in der Schmerzmedizin meist unterschätzt wird: persönliche Ziele. Denn chronischer Schmerz ist nicht nur ein Symptom, das behandelt werden muss, er kann auch unterschiedliche, existenzielle Fragen aufwerfen: Was ist in meinem Leben noch möglich? Und wie finde ich Sinn, wenn manches nicht mehr so geht wie früher?

Die Studie von Forschenden der Edith Cowan University und des britischen Mersey Care NHS Foundation Trust untersuchte 190 Erwachsene mit chronischen Schmerzen. Als chronisch gilt Schmerz meist dann, wenn er länger als drei Monate anhält. Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 88 Jahre alt, im Durchschnitt knapp 50 Jahre. Am häufigsten berichteten sie über muskuloskelettale Schmerzen, gefolgt von Fibromyalgie.

Im Zentrum stand die Frage, wie Menschen mit Zielen umgehen, die durch Schmerzen schwieriger oder unmöglich geworden sind. Die Forschenden unterschieden dabei zwei Prozesse: das Loslassen unerreichbarer Ziele und das Finden neuer, sinnvoller Ziele. 

Das deutlichste Ergebnis: Menschen, denen es besser gelang, sich auf neue Ziele einzulassen, berichteten über mehr psychisches Wohlbefinden. Dieser Zusammenhang zeigte sich unabhängig davon, wie stark die Schmerzen den Alltag beeinträchtigten. Mit anderen Worten: Nicht unbedingt das reine „Loslassen“ scheint entscheidend zu sein, sondern die Fähigkeit, innerlich und praktisch wieder irgendwo anzudocken.

Es geht darum, neue Ziele zu finden

Das kann sehr Unterschiedliches bedeuten. Für jemanden, der nicht mehr stundenlang wandern kann, kann ein neues Ziel sein, regelmäßig kurze Spaziergänge zu schaffen. Wer seinen Beruf nicht mehr wie früher ausüben kann, sucht vielleicht nach einer veränderten Rolle. Wer Sport, Reisen oder Hobbys aufgeben musste, findet unter Umständen andere Formen von Aktivität, Begegnung oder Kreativität. Es geht nicht darum, sich mit weniger Leben zufriedenzugeben, sondern wieder handlungsfähig zu werden.

Was sich außerdem zeigte: Das bloße Loslassen unerreichbarer Ziele war in der Gesamtgruppe nicht mit besserem psychischem Wohlbefinden verbunden. In der Gruppe mit besonders hoher Schmerzbelastung zeigte sich sogar ein negativer Zusammenhang: Dort ging stärkeres Loslassen mit geringerem Wohlbefinden einher. 

Die Forschenden interpretieren das vorsichtig: Wenn Schmerzen den Alltag massiv einschränken, kann Loslassen nicht wie eine freie, flexible Anpassung erlebt werden, sondern viel eher wie Verlust, im Sinne von: „Mir wird etwas genommen.“

Das ist insofern wichtig, als sich viele gut gemeinte Ratschläge auf Akzeptanz beziehen: „Du musst lernen, damit zu leben.“ Oder: „Lass los, was nicht mehr geht.“ Doch wer chronische Schmerzen hat, verliert oft nicht nur eine Tätigkeit, sondern auch Identität, Rollen, Beziehungen oder Zukunftsbilder. Einfach loszulassen kann dann zu kurz greifen.

Psychologisch hilfreicher könnte hingegen sein, beides zusammenzudenken: Trauern um das, was nicht mehr möglich ist, und zugleich vorsichtig suchen, was wieder möglich werden kann. Etwaige neue Ziele müssen nicht groß sein, gerade bei chronischen Schmerzen können kleine, realistische Schritte entscheidend sein: eine Aktivität in angepasster Form, ein sozialer Kontakt, eine Tagesstruktur, ein Projekt, das als sinnvoll erlebt werden kann oder eine Bewegung, die nicht überfordert.

Die Studie beweist nicht, dass neue Ziele chronische Schmerzen oder seelische Belastungen automatisch heilen, trotzdem passt das Ergebnis zu einem modernen Verständnis von chronischem Schmerz: Schmerz ist nicht nur eine körperliche Erfahrung, sondern wirkt auch auf die Motivation, das Selbstbild und die Lebensgestaltung.

In einer Schmerztherapie sollte nicht allein der Fokus darauf liegen, wie stark der Schmerz auf einer Skala von null bis zehn ist, mindestens ebenso wichtig ist die Frage, was der Schmerz verhindert. Kann jemand noch arbeiten? Freundinnen treffen? Sich bewegen? Schlafen? Für sich sorgen? Dinge tun, die Bedeutung haben?

Diese sogenannte Schmerzinterferenz – also die Beeinträchtigung des Alltags – war in der Studie ein zentraler Punkt, weil sie oft besser als die Schmerzstärke allein zeigt, wie sehr ein Mensch in seinem Leben eingeschränkt ist.

Chronischer Schmerz braucht daher neben einer medizinischen Behandlung auch psychologische und soziale Anpassung. Wer es schafft, neue sinnvolle Ziele aufzubauen, könnte seelisch stabiler bleiben – selbst dann, wenn der Schmerz nicht vollständig verschwindet.

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